BuchKnall – Das neue kuratierte SciFi-Lexikon für deutschsprachige Science Fiction
Wer auf Amazon nach Science Fiction sucht, bekommt gern mal immer wieder dieselben Titel vorgesetzt. THE EXPANSE, DUNE, PROJECT HAIL MARY – alles prima Bücher, keine Frage, aber gerade die deutschsprachige SF hat deutlich mehr zu bieten als das, was der Algorithmus von Bezos’ Bauchladen einem vorsetzen möchte (wobei man klar sagen muss, dass die Empfehlungen aufgrund eigener Käufe tatsächlich fast erschreckend gut funktionieren). Dennoch bleiben Nischentitel und Selfpublisher°Innen gern mal unsichtbar. Und genau da setzt Buchknall an.
Buchknall ist ein kuratiertes »Lexikon« deutschsprachiger Science Fiction (das mit dem Lexikon steht auf der Webseite, eigentlich handelt es sich eher um einen Buchkatalog mit angeschlossener SciFi-pedia) – betrieben von Steffen Vogt, kostenlos, werbefrei und mit dem erklärten Ziel, Bücher sichtbar zu machen, die es auf Amazon nie aus dem algorithmischen Keller schaffen würden. Nach Eigenbezichtigung auf der Seite derzeit in einer Beta-Phase. Die Datenbank umfasst derzeit über 6400 Titel aus 31 Subgenres, wobei Selfpublishing-Titel und Verlagsveröffentlichungen gleichberechtigt behandelt werden (Buchknall selbst nennt das »Indie«, was im deutschen Sprachraum allerdings eigentlich unabhängige Kleinverlage bezeichnet – gemeint sind hier aber Selbstveröffentlichungen, vulgo Selfpublishing). Sortiert wird nach Relevanz, nicht nach Verkaufszahlen.
Aber das ist noch nicht alles. Es gibt ein SciFi-Glossar mit über 750 Einträgen, die, zumindest laut der Webseite, deutlich lesbarer daherkommen als das, was Wikipedia so anbietet (dazu kommt der ohnehin äußerst traurige Zustand der Popkultur in der deutschen Wikipedia). Was ist ein Uplift? Wie funktioniert ein Alcubierre-Antrieb? Die Einträge verlinken direkt auf passende Bücher, sodass man sich beim Stöbern quasi automatisch durch den nächsten Lesestoff hangelt. Dazu kommen Ratgeber (Science Fiction für Einsteiger, Bücher wie DUNE, eine WARHAMMER-40K-Lesereihenfolge), ein Genre-Kompass und – das dürfte die Herzen der Nerds höherschlagen lassen – eine interaktive 3D-Galaxy-Map, auf der jedes Buch einen Ort hat und man sich durch Spiralarme und Nebel klickt. Das ist zumindest konzeptionell schon ziemlich innovativ und sehenswert.
Für Autorinnen und Autoren, insbesondere aus dem Selfpublishing-Bereich, bietet Buchknall ebenfalls einiges: Der Eintrag ist kostenlos, dauert laut Betreiber etwa zwei Minuten (Titel, Amazon-Link, Subgenre, Beschreibung – das Cover wird automatisch geladen) und erfordert weder Account noch Registrierung. Der hauseigene Algorithmus behandelt Selfpublishing und Verlag gleich – kein Buch wird bevorzugt, weil der Verlag Werbegeld in die Hand nimmt. Und da die Seite offenbar für diverse SciFi-Suchbegriffe bei Google rankt, bekommen eingetragene Titel Sichtbarkeit, die sie auf Amazon allein niemals erreichen würden. 216 Selfpublishing-Titel stehen aktuell gleichwertig neben Heyne, Tor und Fischer.
Dabei sind KI-Bücher laut Angaben auf BuchKnall ausgeschlossen; offen bleibt allerdings, wie man die erkennen möchte. Es gibt zwar Algorithmen, die vorgeben, KI-erstellte Texte identifizieren zu können, dabei sind die Fehlleistungen allerdings immer noch enorm hoch und diese Tools erzeugen sowohl haufenweise false positives, erkennen also menschengemachte Texte als KI-generiert, als auch umgekehrt. Man muss bei deren Einsatz somit enorm vorsichtig sein, um nicht KI-Halluzinationen aufzusitzen – die dann Autor°Innen fälschlich beschuldigen. Die auf der Seite beschriebenen Verifizierungsmaßnahmen wie »Bild mit dem Buch« oder »Screenshots des Arbeitsprozesses« erscheinen insbesondere bei reinen eBook-Publikationen nicht sonderlich realitätsnah.
Finanziert wird das Ganze über das Amazon-Partnerprogramm: Wer über Buchknall kauft, zahlt denselben Preis, die Autorentantiemen bleiben identisch, Buchknall erhält eine kleine Provision von Amazon. Keine Werbeanzeigen, keine gesponserten Platzierungen, kein Pay-to-Play – bis auf Google Analytics, das zum Einsatz kommt.
Und damit kommen wir zum Punkt, der mich – bei aller Freude über solch ein Projekt (wer PhantaNews schon lange folgt, dürfte sich über diese Freude auch nicht wundern) – dann doch ein wenig stirnrunzeln lässt: Sämtliche Kauflinks führen ausschließlich zu Amazon. Ausschließlich. Kein Kobo, keine anderen deutschsprachigen Alternativen, nichts. Man muss fairerweise sagen, dass das Amazon-Partnerprogramm natürlich ein unkompliziertes und bewährtes Finanzierungsmodell ist – aber wir schreiben das Jahr 2026 und die Zeiten, in denen man Amazon bedenkenlos als Verkaufsplattform behandeln konnte, sind lange vorbei. Jeff Bezos hat sich mit seiner Washington-Post-Kursänderung und seiner demonstrativen Nähe zur Trump-Administration nicht gerade als Leuchtturm demokratischer Werte positioniert. In einer Zeit, in der digitale Souveränität und die Frage, bei wem man sein Geld lässt (und ob dieses Geld in die USA gehen sollte), für immer mehr Menschen eine bewusste Entscheidung ist, wäre es wünschenswert, wenn Buchknall in Zukunft auch Links zu Alternativen integrieren würde. Es gibt durchaus Leser°innen – und es werden stetig mehr –, die bei Amazon schlicht nicht mehr kaufen wollen. Denen sollte man die Tür nicht vor der Nase zuschlagen, nur weil das Affiliate-Modell dort am bequemsten ist und die Ausschüttungen am höchsten (hier auf PhantaNews habe ich die Amazon-Affiliate-Links wegen dieser Bedenken schon lange eingestellt und kaufe meine eBooks inzwischen bei Kobo, gelesen auf einem Kobo-Reader mit installierter Open Source-Software KOreader).
Das soll die Leistung hinter Buchknall nicht schmälern. Über 6400 Titel zu kuratieren, ein Glossar mit 750+ Einträgen zu pflegen, eine Galaxy-Map zu bauen und das Ganze werbefrei und kostenlos anzubieten – das ist eine beeindruckende Menge Arbeit für ein Ein-Personen-Projekt. Die deutschsprachige SciFi-Szene kann so eine Anlaufstelle gut gebrauchen, gerade eine, die Selfpublishing-Titel nicht als Bücher zweiter Klasse behandelt. Ich bin sehr gespannt, wie sich das Projekt entwickeln wird und hoffe sehr, dass in Zukunft weitere Buchmarktplätze integriert werden.
Auf buchknall.com kann man sich selbst ein Bild machen.







