
Dass KI-generierte Bücher inzwischen die Plattformen fluten, ist ein Problem, keine Frage. Insbesondere bei Amazon ist die Lage mittlerweile so dramatisch, dass man beim Stöbern in der Kinderbuch-Abteilung kaum noch unterscheiden kann, ob das hübsch illustrierte Werk über starke Mädchen von einem Menschen erdacht wurde oder von einem Large Language Model zusammengewürfelt, mit Midjourney illustriert und über Kindle Direct Publishing in eine obskure Kategorie gestopft wurde, nur damit es dort mit minimalen Verkaufszahlen in die Bestsellerliste schießt. Die Tricks sind nicht neu und bekannt: Ein generisches Motivationsbuch für Kinder landet in der Rubrik »Erdkunde«, weil dort schon drei verkaufte Exemplare für einen Spitzenplatz reichen. Schwieriger ist das bei Romanzen, Young Adult oder Romantasy, aber auch da lässt sich brauchbar pfuschen. So funktioniert der Algorithmus, und wer ihn versteht, kann ihn ausnutzen.
Und natürlich ist das ein Problem für Autor°Innen, die tatsächlich Zeit, Herzblut und handwerkliches Können in ihre Texte stecken. Selfpublisher°Innen aber auch Publikumsverlage mit Massenware trifft es besonders hart, weil sie auf denselben Plattformen um Sichtbarkeit kämpfen, auf denen der KI-Slop inzwischen quasi industriell produziert wird. Die Bandbreite reicht von Ausmalbüchern über Ratgeber und Reiseführer bis hin zu Achtsamkeits-Titeln, die ohne Lektorat und ohne inhaltliche Prüfung verkauft werden. Warum auch, das hat ja alles schon die KI gemacht. Dass die SFWA (Science Fiction and Fantasy Writers Association) und andere Organisationen ihre Regeln gegen generative KI verschärft haben und Magazine wie Clarkesworld zeitweise die Annahmen von Einreichungen schließen mussten, weil sie mit KI-generierten Texten zugemüllt wurden, zeigt, dass auch die Phantastik-Szene das Problem sehr direkt zu spüren bekommt. Warum auch nicht, Phantastik ist schließlich ein Genre wie jedes andere.
Aber – und jetzt kommt der Teil, der manchen nicht gefallen wird – das Problem ist nicht neu. Es hat sich verschärft, es hat sich beschleunigt, es hat eine technologische Komponente bekommen. Aber der Kern ist derselbe wie seit Jahrzehnten: Es gab im Literaturbereich schon immer Slop. Die schnell runtergeschriebenen Liebesromane, die Arztromane, die Urlaubskrimis nach Schema F, Landser mit »bestimmter« Zielgruppe, billige Horrorromane im copy&paste-Verfahren – die fanden schon immer ihr Publikum und die wurden zudem schon immer in rauen Mengen produziert, wenn auch bisher von Menschen, die dafür (schlecht) bezahlt wurden. Dass KI-generiertes Material in genau diesen Segmenten besonders gut funktioniert, ist deshalb alles andere als überraschend: Der Inhalt war auch vorher schon weitgehend austauschbar, die Struktur vorhersagbar, die Figuren Schablonen. Wenn der Output einer KI sich nicht wesentlich von dem unterscheidet, was vorher im Heftchenformat oder Billig-Taschenbuch am Bahnhofskiosk lag, dann ist das weniger eine Aussage über die Qualität der KI, als über die Beschaffenheit dieses Marktsegments.
Denis Scheck, Literaturkritiker und bekennender Perry-Rhodan-Fan, hat beim Perry-Rhodan-WeltCon 2011 in Mannheim sinngemäß gesagt: »Trivial ist kein Problem, profan darf es nicht sein«. Und genau das ist der springende Punkt. Trivialität ist nicht automatisch ein Qualitätsmangel, sondern eine Frage der Ambition. Perry Rhodan ist trivial, aber die Serie hatte in ihren besten Phasen durchaus den Anspruch, innerhalb ihrer Grenzen das Bestmögliche abzuliefern und Denkanstöße zu liefern, zu experimentieren. Profan wird es erst, wenn auch dieser Anspruch fehlt, wenn es nur noch um das Ausfüllen von Seiten geht, um die Optimierung auf den Algorithmus, um reinen Durchsatz ohne jede Absicht. Und ja: Genau das ist es, was KI-Slop tut. Aber eben auch, was ein nicht geringer Teil der menschengemachten Massenproduktion seit jeher getan hat.
Auch in der Musik kennen wir das Phänomen seit Ewigkeiten. Billigste Dumpfstücke schießen in die Charts, weil die Majorität der Konsument°Innen eben Durchschnittskost bevorzugt, die möglichst wenig Reibung erzeugt, möglichst bekannt klingt und möglichst wenig zum Nachdenken zwingt, Modern Talking und zahllose Schlagersongs aus dem Klonlabor lassen grüßen (übrigens nutzen inzwischen zahllose Schlager»komponisten« ebenfalls KI und arrangieren deren Ergebnisse nur neu, aber das ist eigentlich ein anderes Thema). Wer sich darüber aufregt, dass KI-generierte Musik auf Spotify Streams abgreift, sollte sich fragen, ob der handgemachte Schlager, der vorher auf dem gleichen Platz stand, wirklich so viel mehr künstlerischen Wert hatte. Das ist absolut keine Verteidigung der KI-Produktion, das ist eine Diagnose des Marktes und der Situation.
Bei deutschsprachiger Literatur ist das nicht anders. Die erfolgreichen Kinderbücher folgen bestimmten Regeln: einfache Sprache, klare Moral, bunte Bilder, Identifikationsfiguren mit genau einer Eigenschaft. Das kann KI gut emulieren, weil es strukturell simpel ist. Dass ein nicht geringer Teil der Zielgruppe eben nicht auf literarischen Anspruch setzt, sondern auf Popcorn-Unterhaltung, auf das Wohlfühlbuch zum Einschlafen, auf den Ratgeber, der einem nach dem dritten Absatz sagt, was man hören will – das ist keine Beleidigung, das ist eine Marktbeobachtung. Und dieser Markt spielt KI-generierten Inhalten direkt in die Hände, weil er Austauschbarkeit nicht nur toleriert, sondern sie geradezu voraussetzt. Weil die Zielgruppe genau das will. Und alle namhaften großen Verlage in Deutschland haben dabei nicht nur gern mitgespielt, ich bin ziemlich sicher, dass nicht wenige von ihnen das zur schnellen Geldgenerierung sogar befördern und dabei auch noch scheinheilig von »Buchpreisbindung ist für die Vielfalt des Buchmarktes wichtig« schwafeln (Anzeichen dass man KI gegenüber nicht abgeneigt ist, waren schlimme KI-generierte Cover bei namhaften Publikumsverlagen, die wollten es also noch billiger haben, als schnell zusammengeklatschte Stockfoto-Cover).
Und dann ist da Perry Rhodan, um den Bogen zurück zur Phantastik zu schlagen. Die Serie könnte so viel mehr sein. Die Prämisse, das Universum, die schiere Größe des Perryversums mit seinen inzwischen über 3300 Heftromanen – das alles böte Material für relevante, ambitionierte Science Fiction. Aber was Perry Rhodan seit Jahren daran hindert, wieder wirklich innovative und relevante SF zu produzieren, ist ein Phänomen, das strukturell dem KI-Slop-Problem nicht unähnlich ist: eine Stammleserschaft, die ihre gewohnten altbackenen Heftromane haben will, die Veränderung als Bedrohung empfindet und die den Verlag damit in eine kreative Sackgasse zwingt. Nicht die Autor°Innen sind das Problem (unter denen finden sich durchaus talentierte Leute), sondern die Erwartungshaltung eines Publikums, das Routine über Innovation stellt. Ersetze Altfans durch Algorithmus und Heftroman-Schema durch KI-Template – das Ergebnis ist verblüffend ähnlich. Erschwerend kommt hinzu, dass man in der Redaktion auch noch seit einiger Zeit vermehrt auf KI-generierte Illustrationen und Werbung setzt und damit eindeutig signalisiert, dass Slop akzeptabel ist. In einschlägigen Perry Rhodan-Gruppen, die sich mit Bildern befassen, bekommt man inzwischen beinahe ausschließlich Slop zu sehen, ganz schlimm. Immerhin werden die Romane noch von Menschen verfasst, zumindest hoffe ich das.
Doch nach dieser kleinen Exkursion zurück zum KI-generierten Buch. Die unbequeme Wahrheit ist: KI-Bücher funktionieren nicht trotz, sondern wegen der bestehenden Marktstrukturen und der Konsument°Innenwünsche. Sie sind nicht das Problem, sie sind ein Symptom. Das Problem ist ein Publikum, das Beliebigkeit akzeptiert, ein Marktplatz, der Qualität nicht von Quantität unterscheiden kann oder will, und eine Branche, die jahrzehntelang die industrielle Produktion von Mittelmaß als Geschäftsmodell betrieben hat, insbesondere ich den Bereichen Romance, Romantasy und Young Adult. Die KI automatisiert jetzt nur, was vorher schon seelenlos war. Und das betrifft vom inzwischen weitestgehend unbedeutenden Heftroman bis zum aktuell angesagten Billig-Paperback einen nicht geringen Teil des deutschen Populär-Buchmarktes.
Damit ist nicht gesagt, dass man die Entwicklung achselzuckend hinnehmen sollte. Der EU AI Act wird ab August 2026 Transparenz- und Kennzeichnungspflichten für KI-generierte Inhalte bringen. Plattformen müssen stärker in die Pflicht genommen werden, was allerdings jetzt schon bei Social Media nicht funktioniert, weil Politik und Justiz aus verschiedenen Gründen nicht agieren, unter anderem weil man Angst vor Trump und seinen Zöllen hat (und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es bei diesem Thema besser werden wird).
Leser°Innen dürften gerne lernen, genauer hinzuschauen (was ein Wunder wäre, denn das tun zahllose seit Jahrzehnten nicht). Aber wer als Autor°In oder Verantwortliche in einem Verlag glaubt, dass das KI-Buch-Problem verschwindet, wenn man nur die Technik reguliert, verkennt, dass der eigentliche Nährboden kulturell und strukturell ist. Solange Durchschnitt gefragt ist, solange wird Durchschnitt produziert – ob von Menschen oder Maschinen. Und konsumiert. Von Menschen.
Und für die ist KI definitiv nicht verantwortlich.
Edit: Kaum habe ich den Text veröffentlich sehe ich diesen repost eines Beitrags auf Threads:
Artikelbild bei Depositphotos lizensiert, möglicherweise KI-generiert, angeblich nicht
