DISCLOSURE DAY – DER TAG DER WAHRHEIT – Deutschlandstart 10.06.2026
Kann Spuren von Spoilern enthalten, außer man hat die Trailer gesehen, die haben im Prinzip eh schon alles verraten.
Steven Spielberg war in der frühen Phase meiner Kinozeit, also in den 1970ern bis 1990ern eine feste und prägende Größe in den Lichtspielhäusern. Und eigentlich war auch damals alles was er abgeliefert hatte, automatisch ein Renner. Alles bevor selbsternannte Fans und Wichtigtuer per Internet und Social Media die alleinige Wahrheit für sich reklamierten, heute hätte es vermutlich selbst ein Spielberg schwierig gegen die organisierten Trollarmeen.
Aber unbestritten dürfte sein, dass Spielberg der Meister des mehr oder weniger leichten Abenteuerfilms war, oft voller Klischees, aber stets ungeheuer unterhaltsam.
Und letzteres könnte auch das Fazit sein, mit dem DISCLOSURE DAY klassifizieren kann.
Fraglos liefert der Altmeister hier einen typischen Spielberg-Film ab, die Inszenierung ist schlichtweg unverkennbar und an vielen Stellen handwerklich und von der Inszenierung her eindeutig seine Handschrift.
Worum es hier geht ist sicherlich kein Spoiler, denn das haben die Trailer (leider) bereits verraten (man muss sich fragen, was für einen außerirdischen Lack die beim Studio und/oder Verleiher gesoffen haben, das in den Vorguckern schon so offensichtlich zu machen – allerdings haben studio und Verleiher ja auch das Filmposter verbrochen). Und so schlägt Spielberg nochmal einen Bogen zu den Anfängen seiner Karriere zu CLOSE ENCOUNTERS (UNHEIMLICHE BEGEGNUNG) und E.T. Man hat stellenweise auch den Eindruck einer deutlich überlangen Folge X‑FILES beizuwohnen, Mulder und Scully wären in diesem Film durchaus nicht fehl am Platz gewesen.
An der Stelle muss man sich allerdings eben auch fragen, wer hier die Zielgruppe ist, wenn alle denkbaren Klischees zu UFOs und Aliens (inklusive Kornkreis) ausgegraben und in einem neuen Film verwurstet werden? Thematisch will das so gar nicht mehr in unsere Zeit passen; ich bin hier sicherlich die Zielgruppe, weil ich in Kindheit und Jugend alles über UFOs gelesen habe, was zu bekommen war und natürlich auch alles an Popkultur dazu goutierte – man wünschte sich eben, dass es wahr war – bis die Aliens in der Popkultur wieder vermehrt zu Invasoren wurden. Aber eigentlich ist das Thema doch mehr als durch und ausgelutscht, selbst wenn es am im Film Ende philosophische Betrachtungen zur modernen Zeit und Krisen im Zusammenhang mit dem Genre gibt.
Es ist schon wirklich bemerkenswert: Streng genommen ist nichts in diesem Film, das man nicht irgendwo anders in ähnlicher Form schon mal gesehen hat. Die handwerkliche Leitung eines Steven Spielberg ist es, dass er es trotz der Aneinanderreihung von Versatzstücken eben doch schafft, daraus einen wirklich unterhaltsamen Film zu machen. Ebenso bemerkenswert ist die Bodenständigkeit der Bilder und der Inszenierung: DISCLOSURE DAY verfällt nicht auf das, was man heutzutage aus dem Kino zuhauf kennt, nämlich auf Teufel komm raus überbordendes Spezialeffekt und CGI-Gewitter auf die Zuschauer°Innen loszulassen (oft im verzweifelten Versuch, von dünnen Drehbüchern oder schwachen Darstellungen abzulenken).
Dieser Film wirkt in seiner zurückgenommenen, bodenständigen Art wie ein Anachronismus. Ich allerdings fand das überaus wohltuend. Statt überzogener Schauwerte konzentriert sich Spielberg zusammen mit Kameramann Janusz Kaminski und Sarah Broshar an der Schnittsoftware auf realitätsnahe Thriller-Aufnahmen statt explodierende Planeten. Daher rührt sicherlich auch das unbestimmte Gefühl, eine Folge X‑FILES vor sich zu haben.
Ich fand das – wie bereits geschrieben – als deutliche und eindeutige Antithese zum überbordenden CGI-Blingbling und Eyecandy anderer einschlägiger Filme sehr ansprechend, ob man damit allerdings die aktuelle Kinogeneration, die ganz andere Dinger gewöhnt sind, hinter ihren vertikalen Bildschirmen hervorlocken kann, wage ich zu bezweifeln. Aber die sind vermutlich auch nicht die Zielgruppe.
Bei den schauspielerischen Leistungen muss man sicher Emily Blunt hervorheben, die wunderbar zwischen verwirrt, verrückt, souverän und einem grandiosen Nervenzusammenbruch changiert, dass es eine Freude ist. Hierbei gibt allerdings die Synchro mal wieder alles dafür, das zu versauen. Blunt liefert was man von ihr erwarten kann und ein wenig mehr.
Die restlichen Schauspieler°innen bleiben daneben leider etwas farblos, das mag allerdings an der schieren Leinwandpräsenz Blunts liegen.
Besonders merkwürdig fand ich, dass Colin Firth als Antagonist viel zu uncharismatisch und platt daher kam; von ihm ist man mehr gewöhnt, ich hatte fast den Eindruck, als habe er nicht so richtig in die Rolle hineingefunden, von ihm hat man schon deutlich bessere Leistungen gesehen.
Für den Soundtrack hat man tatsächlich nochmal John Williams gewinnen können, obwohl der doch eigentlich nach eigenem Bekunden in Rente gegangen war. Aber – na gut – ich vermute, wenn ein Spielberg anruft, oder whatsappt, oder was man heutzutage in Hollywood so tut, dann sagt man einfach nicht nein. Im Gegensatz zu anderen von seinen Soundtracks nimmt Williams sich hier ein wenig zurück und liefert einen Score, der die Handlung unterstützt, ohne große Themen zu liefern, wie früher. Das geht aber in Ordnung und auch wenn ich nicht vorher gewusst hätte, wer für die Filmmusik verantwortlich ist, hätte ich doch darauf gewettet, dass es Williams ist, denn die Musik ist unverkennbar, schrammt allerdings auch hart am Selbstplagiat vorbei – vielleicht nennen wir es einfach »seinen Stil«.
Eins muss man allerdings ganz klar sagen: Der Film zwar an keiner Stelle langweilig, aber mit zwei Stunden und 25 Minuten eindeutig zu lang. Es hätte DISCLOSURE DAY gut getan, ihn um 20 Minuten – wenn nicht vielleicht sogar mehr – zu kürzen. Insbesondere die Abschlusssequenz hätte dringend verkürzt gehört, denn es war ohnehin klar, was geschehen würde und das musste man nicht in dieser Form ausbreiten. Auch ein paar andere Szenen wirkten zu viel und hätten nicht wirklich drin sein müssen, um die Handlung voran zu bringen oder Zusatznutzen beim Sehen zu schaffen. Aber auch dafür ist Spielberg ja bekannt: dass es schon mal länger wird, als es eigentlich sein müsste. Sortieren wir auch das also unter »Handschrift« ab.
Was ich allerdings wirklich bemäkeln muss, sind die völlig unglaubwürdigen CGI-Tiere. Die fielen eben umso mehr auf, als ansonsten auf offensichtliche CGI verzichtet wurde. Man hätte sie fast für KI-generiert halten können, wüsste man nicht, dass Spielberg die Technologie ablehnt. Wie man so schlechte computeranimierte Viecher in so einer High-End-Produktion durchgehen lassen kann, ist mir völlig schleierhaft. Vielleicht war es Zeitdruck und glücklicherweise sind es nur wenige Szenen.
DISCLOSURE DAY ist ein bodenständiger SciFi-Thriller, der, obwohl er komplett aus (seit Jahrzehnten) bekannten Genre-Versatzstücken zusammengebaut wurde, durchaus hohen Unterhaltungswert hat und äußerst kurzweilig ist. Zugute halten muss man ihm das fast völlige Verzichten auf überbordende CGI und seine erfrischende Bodenständigkeit in der Inszenierung, man fühlt sich irgendwie in die 90er zurück versetzt.
Und das muss durchaus nichts Schlechtes sein …
p.s.: Den Verantwortlichen im Cinestar Remscheid sollte man allerdings mal sagen, dass es eine Unverschämtheit ist, wenn parallel zum Film in einem Nebenraum mit einer Schlagbohrmaschine gearbeitet wird, die in den leisen Sequenzen deutlich stört. Grrr. Für sowas ist vormittags genug Zeit.
DISCLOSURE DAY
Besetzung: Emily Blunt, Josh O’Connor, Colin Firth, Eve Hewson, Colman Domingo, Wyatt Russell, Henry Lloyd-Hughes, Elizabeth Marvel, Hettienne Park, Tommy Martinez, Gabby Beans, u.v.a.m.
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: David Koepp nach einer Story von Steven Spielberg
Produzent°Innen: Steven Spielberg, Kristie Macosko Krieger
Ausführende Produzent°Innen: Chris Brigham, Adam Somner
Kamera: Janusz Kaminski
Schnitt: Sarah Broshar
Musik: John Williams
Produktionsdesign: Adam Stockhausen
Casting: Cindy Tolan
145 Minuten
USA 2026
Promofotos Copyright Universal Pictures/Amblin Entertainment





