Brief der Electronic Frontier Foundation an die Trilog-Unterhändler der EU-Copyright-Direktive

Brief der Electronic Frontier Foundation an die Trilog-Unterhändler der EU-Copyright-Direktive

Der nach­fol­gende Text stammt von der Elec­tron­ic Fron­tier Foun­da­tion, genauer gesagt Cory Doc­torow, und die EFF hat ihn den Mit­gliedern des EU-Par­la­ments zugestellt, die im Trilog über die europäis­che Urhe­ber­recht­sre­form ver­han­deln. Der Text erschien zudem auf der Web­seite der EFF und ste­ht unter der Cre­ative Com­mons Lizenz CC-BY. Die Über­set­zung ste­ht eben­falls unter dieser Lizenz.

Heute hat die Elec­tron­ic Fron­tier Foun­da­tion jedem Mit­glied der EU-Gremien, das über den endgülti­gen Entwurf der neuen Urhe­ber­recht­srichtlin­ie in den Sitzun­gen des »Trilogs« ver­han­delt, den fol­gen­den Text über­mit­telt.

Die Notiz beschreibt unsere schw­er­wiegen­den Bedenken über die struk­turellen Unzulänglichkeit­en und das Miss­brauchspoten­zial in den spät hinzuge­fügten und höchst umstrit­te­nen Artikeln 11 und 13, die bezahlte Lizen­zen für Links zu Zeitungs­seit­en erfordern (Artikel 11) und die öffentliche Kom­mu­nika­tion zen­sieren, wenn sie mit Ein­trä­gen in ein­er Daten­bank mit urhe­ber­rechtlich geschützten Werken übere­in­stim­men (Artikel 13).

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Ich schreibe Ihnen heute im Namen der Elec­tron­ic Fron­tier Foun­da­tion, um drin­gende Fra­gen im Zusam­men­hang mit den Artikeln 11 und 13 des bevorste­hen­den Urhe­ber­rechts in der dig­i­tal­en Bin­nen­mark­trichtlin­ie anzus­prechen, die derzeit in den Trilo­gen disku­tiert wer­den.

Die Elec­tron­ic Fron­tier Foun­da­tion ist die führende gemein­nützige Organ­i­sa­tion zur Vertei­di­gung der Bürg­er­rechte in der dig­i­tal­en Welt. Die 1990 gegrün­dete EFF set­zt sich für den Schutz der Pri­vat­sphäre der Nutzer, die freie Mei­n­ungsäußerung und Inno­va­tion durch Rechtsstre­it­igkeit­en, Poli­tik­analyse, Basisak­tivis­mus und Tech­nolo­gieen­twick­lung ein. Wir set­zen uns dafür ein, dass die Rechte und Frei­heit­en mit zunehmender Nutzung der Tech­nolo­gie verbessert und geschützt wer­den. Wir wer­den von über 37.000 Spenden­mit­gliedern auf der ganzen Welt unter­stützt, darunter rund dre­itausend inner­halb der Europäis­chen Union.

Wir glauben, dass die Artikel 11 und 13 unbe­dacht sind und nicht EU-Recht sein soll­ten, aber selb­st wenn man annimmt, dass Sys­teme wie die in den Artikeln 11 und 13 vorge­se­henen wün­schenswert sind, enthält der vorgeschla­gene Text der Artikel sowohl im Text des Par­la­ments als auch im Text des Rates erhe­bliche Män­gel, die ihren erk­lärten Zweck unter­graben und gle­ichzeit­ig die grundle­gen­den Men­schen­rechte der Europäer auf freie Mei­n­ungsäußerung, ord­nungs­gemäßes Ver­fahren und Pri­vat­sphäre gefährden.

Wir hof­fen, dass die detail­lierte Aufzäh­lung dieser Män­gel im Fol­gen­den dazu führen wird, dass Sie die Auf­nahme der Artikel 11 und 13 in die Richtlin­ie ins­ge­samt über­denken, aber selb­st für den bedauer­lichen Fall, dass die Artikel 11 und 13 in der dem Plenum vorgelegten End­ver­sion erscheinen, hof­fen wir, dass Sie Maß­nah­men ergreifen wer­den, um diese Risiken zu min­imieren, die sich erhe­blich auf die Umset­zung der Richtlin­ie in den Mit­glied­staat­en und ihre Anfäl­ligkeit gegenüber den Kla­gen vor den europäis­chen Gericht­en auswirken wer­den.

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Artikel 13: Falsche Urhe­ber­recht­sansprüche nehmen zu, wenn es an klaren Beweis­stan­dards oder Fol­gen für unrichtige Ansprüche man­gelt.

Basierend auf der jahrzehn­te­lan­gen Erfahrung der EFF mit Notice-and-Take-Down-Regimes in den Vere­inigten Staat­en und pri­vat­en Urhe­ber­rechts­fil­tern wie YouTubes Con­tentID wis­sen wir, dass die niedri­gen Beweis­mit­tel, die für Urhe­ber­rechts­beschw­er­den erforder­lich sind, in Verbindung mit dem Fehlen von Fol­gen für falsche Urhe­ber­recht­sansprüche eine Form des moralis­chen Risikos sind, die zu unrecht­mäßi­gen Zen­surhand­lun­gen führen, sowohl auf­grund von vorsät­zlichen als auch unbe­ab­sichtigten falschen Urhe­ber­recht­sansprüchen.

So behaupten beispiel­sweise Rechtein­hab­er mit Zugriff auf das Con­tentID-Sys­tem von YouTube sys­tem­a­tisch Urhe­ber­rechte, die ihnen nicht gehören. Der Work­flow der Nachricht­en­ver­anstal­ter bein­hal­tet das automa­tis­che Hochladen der Nachricht­en in Urhe­ber­rechts­fil­ter ohne men­schliche Auf­sicht, obwohl die Nachricht­ensendun­gen oft audio­vi­suelles Mate­r­i­al enthal­ten, dessen Urhe­ber­rechte nicht dem Sender gehören – öffentlich-rechtlich­es Mate­r­i­al, Mate­r­i­al, das unter Ein­schränkung oder Aus­nahme des Urhe­ber­rechts ver­wen­det wird, oder Mate­r­i­al, das von Drit­ten lizen­ziert wird. Diese Unacht­samkeit hat vorherse­hbare Fol­gen: Andere – ein­schließlich gut­gläu­biger Rechtein­hab­er -, die berechtigt sind, die von den Medi­en­häusern beansprucht­en Mate­ri­alien hochzu­laden, wer­den von YouTube block­iert, erhal­ten vom Sys­tem einen Urhe­ber­rechtsstre­it und kön­nen mit der Ent­fer­nung aller ihrer Mate­ri­alien rech­nen. Um nur ein Beispiel zu nen­nen: Das Mars-Lan­der-Mate­r­i­al der NASA wurde von Nachricht­ensendern aus­ges­trahlt, die fälschlich das Urhe­ber­recht an dem Video beansprucht­en, indem sie den Livestream der NASA in ihre Nachricht­ensendun­gen aufgenom­men hat­ten, die dann in die Con­tentID-Daten­bank mit urhe­ber­rechtlich geschützten Werken aufgenom­men wur­den. Als die NASA selb­st später ver­suchte, ihr Film­ma­te­r­i­al hochzu­laden, block­ierte YouTube den Upload und ver­merk­te einen Urhe­ber­rechtsver­stoß durch die NASA.

In anderen Fällen ver­nach­läs­si­gen die Rechtein­hab­er die Beschränkun­gen und Aus­nah­men vom Urhe­ber­recht, wenn sie ver­suchen, Inhalte zu ent­fer­nen. So bestand beispiel­sweise die Uni­ver­sal Music Group darauf, ein Video zu ent­fer­nen, das von ein­er unser­er Kli­entin­nen, Stephanie Lenz, hochge­laden wurde und das im Hin­ter­grund zufäl­lig Audio­dateien eines Prince-Songs enthielt. Selb­st während des YouTube-Beschw­erde­v­er­fahrens weigerte sich UMG, zuzugeben, dass Frau Lenz‹ beiläu­fige Ein­beziehung der Musik ein fair­er Gebrauch war – obwohl diese Analyse schließlich von einem US-Bun­desrichter bestätigt wurde. Lenz‹ Fall dauerte mehr als zehn Jahre, vor allem auf­grund der Unnachgiebigkeit von Uni­ver­sal, und Teile des Fall­es ver­weilen immer noch bei den Gericht­en.

Schließlich haben die niedri­gen Beweis­stan­dards für den Take­down und das Fehlen von Strafen für Miss­brauch zu völ­lig vorherse­hbaren Miss­bräuchen geführt. Falsche Urhe­ber­recht­sansprüche wur­den ver­wen­det, um Whistle­blow­er-Mem­os zu unter­drück­en, die Fehler in der Wahlsicher­heit, Beweise für Polizeibru­tal­ität und Stre­it­igkeit­en über wis­senschaftliche Veröf­fentlichun­gen enthiel­ten.

Artikel 13 sieht vor, dass Plat­tfor­men Sys­teme schaf­fen wer­den, die Tausende von Urhe­ber­recht­sansprüchen auf ein­mal, von allen Beteiligten, ohne Strafe für Fehler oder falsche Ansprüche zulassen. Dies ist ein Rezept für Miss­brauch und dage­gen muss ange­gan­gen wer­den.

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Artikel 13 Empfehlun­gen

Um den Miss­brauch zu begren­zen, muss Artikel 13 zumin­d­est einen starken Iden­tität­snach­weis von denen ver­lan­gen, die ver­suchen, Werke in die Daten­bank eines Online-Dien­stleis­ters mit urhe­ber­rechtlich geschützten Werken aufzunehmen und den ständi­gen Zugang zum Haf­tungsregime von Artikel 13 davon abhängig zu machen, dass ein sauber­er Nach­weis über falsche Urhe­ber­recht­sansprüche geführt wird.

Rechtein­hab­er, die Urhe­ber­recht­sansprüche an Online-Dien­stleis­ter gel­tend machen wollen, soll­ten einen hohen Iden­ti­fika­tion­ss­chwellen­wert ein­hal­ten, der fes­tlegt, wer sie sind und wo sie oder ihr Vertreter für Dien­stleis­tun­gen erre­ich­bar sind. Diese Infor­ma­tio­nen soll­ten Per­so­n­en, deren Werke ent­fer­nt wur­den, zur Ver­fü­gung ste­hen, damit sie Rechts­be­helfe ein­le­gen kön­nen, wenn sie glauben, dass ihnen Unrecht getan wurde.

Für den Fall, dass Rechtein­hab­er wieder­holt falsche Urhe­ber­recht­sansprüche gel­tend machen, sollte Online-Dien­stleis­tern erlaubt sein, sie von ihrer Liste der ver­traut­en Anspruchs­berechtigten zu stre­ichen, so dass diese Rechtein­hab­er darauf zurück­greifen müssen, gerichtliche Ver­fü­gun­gen – mit ihrem höheren Beweis­stan­dard – zur Ent­fer­nung von Mate­ri­alien zu erwirken.

Dies würde erfordern, dass Online-Dien­stleis­ter von der Haf­tungsregelung nach Artikel 13 für Ansprüche von aus­geschiede­nen Klägern immu­nisiert wer­den. Ein Rechtein­hab­er, der das Sys­tem miss­braucht, sollte nicht erwarten, dass er sich später darauf berufen kann, um seine Rechte überwachen zu lassen. Diese Abwehr sollte die Ver­schleierung Drit­ter durch­brechen, die stel­lvertre­tend für die Rechtein­hab­er tätig wer­den (»Rechtev­er­w­er­tungs­ge­sellschaften«), wobei sowohl der Dritte als auch der Rechtein­hab­er, in dessen Namen sie han­deln, von den Priv­i­legien des Artikels 13 aus­geschlossen wer­den, falls sie das Sys­tem wieder­holt miss­brauchen. Andern­falls kön­nten böswillige Akteure (»Copy­right-Trolle«) von einem Unternehmen zur anderen sprin­gen und sie als Schutzschild für wieder­holte Hand­lun­gen der ungerecht­fer­tigten Zen­sur nutzen.

Online-Dien­stleis­ter soll­ten in der Lage sein, einen Rechtein­hab­er, der von einem anderen Anbi­eter als miss­bräuch­lich im Sinne von Artikel 13 befun­den wurde, vor­beu­gend auszuschließen.

Sta­tis­tiken über die Take­downs nach Artikel 13 soll­ten öffentlich zugänglich sein: wer behauptete welche Urhe­ber­rechte, wer behauptete falsche Urhe­ber­recht­sansprüche, und wie oft jed­er Urhe­ber­recht­sanspruch zur Ent­fer­nung eines Werkes ver­wen­det wurde.

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Artikel 11: Links sind nicht mit aus­re­ichen­der Gran­u­lar­ität definiert und soll­ten har­mon­isierte Ein­schränkun­gen und Aus­nah­men enthal­ten.

Die beste­hende Sprache von Artikel 11 definiert nicht, wann ein Ange­bot ein­er lizen­zpflichti­gen Nutzung entspricht, obwohl die Befür­worter argu­men­tiert haben, dass das Zitieren von mehr als einem einzel­nen Wort eine Lizenz erfordert.

Der endgültige Text muss diese Unklarheit beseit­i­gen, indem er einen klaren sicheren Bere­ich für die Nutzer schafft, und sich­er­stellen, dass es einen ein­heitlichen Satz von europaweit­en Aus­nah­men und Beschränkun­gen für das neue Pseu­do-Copy­right der Nachricht­en­me­di­en gibt, die sich­er­stellen, dass sie ihre Macht nicht über­steigert aus­nutzen.

Darüber hin­aus sollte der Text davor schützen, dass dom­i­nante Akteure (Google, Face­book, die Nachricht­en­riesen) Lizen­zvere­in­barun­gen abschließen, die alle anderen auss­chließen.

Nachricht­en­seit­en soll­ten die Möglichkeit haben, sich von der Pflicht zur Lizen­zierung einge­hen­der Links zu befreien (damit andere Dien­ste ver­trauensvoll und ohne Angst vor Kla­gen auf sie ver­linken kön­nen), aber diese Opt-Outs müssen für alle und jeden und für alle Dien­ste gel­ten, so dass das Gesetz nicht die Mark­t­macht von Google oder Face­book erhöht, indem es ihnen erlaubt, eine exk­lu­sive Befreiung von der Link-Steuer auszuhan­deln, während kleinere Wet­tbe­wer­ber mit Lizen­zge­bühren belastet wer­den.

Im Rah­men der laufend­en Ver­hand­lun­gen muss der Geset­zes­text ein­deutig wer­den, um eine klare Def­i­n­i­tion von »nichtkom­merzieller, per­sön­lich­er Ver­linkung« festzule­gen, in der gek­lärt wird, ob die Ver­linkung in per­sön­lich­er Eigen­schaft von ein­er gewin­nori­en­tierten Blog­ging- oder Social-Media-Plat­tform eine Lizenz erfordert, und in der fest­gelegt wird, dass (zum Beispiel) ein per­sön­lich­er Blog mit Anzeigen oder Affil­i­ate-Links zur Deck­ung der Host­ingkosten »nichtkom­merziell« ist.

Abschließend möcht­en wir noch ein­mal darauf hin­weisen, dass die oben aufgezählten Män­gel lediglich diejeni­gen Ele­mente der Artikel 11 und 13 sind, die inko­härent oder nicht zweck­mäßig sind. Die Artikel 11 und 13 sind jedoch grund­sät­zlich schlechte Ideen, die in der Richtlin­ie keinen Platz haben. Anstatt einige stück­weise Kor­rek­turen an den ekla­tan­testen Prob­le­men in diesen Artikeln vorzunehmen, sollte der Trilog einen ein­facheren Ansatz ver­fol­gen und sie voll­ständig aus der Richtlin­ie stre­ichen.

Vie­len Dank,

Cory Doc­torow
Son­der­ber­ater der Elec­tron­ic Fron­tier Foun­da­tion

Über­set­zt mit www.DeepL.com/Translator, Über­set­zung über­ar­beit­et von Ste­fan Holzhauer

Bild: The World Flag, CC-BY-SA

Cory Doctorow zur EU-Abstimmung in Sachen Urheberrecht

Cory Doctorow zur EU-Abstimmung in Sachen Urheberrecht

Europa hat gerade dafür gestimmt, das Internet zu ruinieren, so ziemlich alles zu überwachen und große Teile unserer Kommunikation zu zensieren.

[Anmerkung: bei diesem Text han­delt es sich um die Über­set­zung eines Artikels von Cory Doc­torow auf Boing­Bo­ing vom 12. Sep­tem­ber 2018]

Lob­by­is­ten für »Urhe­ber« haben sich mit den großen Unter­hal­tungs­fir­men und den Zeitungsver­legern zusam­menge­tan und schafften es, dass die neue [europäis­che] Urhe­ber­rechts­di­rek­tive heute mor­gen mit Haares­bre­ite ver­ab­schiedet wurde. Es han­delt sich um einen Akt äußerst gewis­senlosen Han­delns; der Schaden für Kün­stler die von ihrer Kun­st leben wird nur noch übertrof­fen vom Schaden für jed­er­mann der das Inter­net für alles andere nutzt.

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Produziert von denselben Personen, die John Wicks Hund erschossen haben

Produziert von denselben Personen, die John Wicks Hund erschossen haben

Weit­ge­hend spoil­er­frei

Der erste DEADPOOL war ein absoluter Über­raschungser­folg, und das trotz der Freiga­be ab 16. Das machen Stu­dios nor­maler­weise nicht so gerne, weil man dann die Com­ic-affine Ziegruppe ab 12 außen vor hat, was sich meist neg­a­tiv auf die Ein­spiel­ergeb­nisse nieder­schlägt. Den­noch zeigte der erste Teil, dass man trotz­dem einen Riesen­er­folg lan­den kann – wenn man sich nur Mühe gibt, und damit eben die erwach­senere Ziel­gruppe ins Kino bekommt.

Doch man muss sich natür­lich immer fra­gen: Wer­den die Mach­er in der Lage sein, die Num­mer in DEADPOOL 2 nochmal durchzuziehen? Denn die ganzen Gags wie das Durch­brechen der vierten Wand oder Seit­en­hiebe auf Genre und Pop­kul­tur kön­nen bei einem nicht-Ori­gin-Film schw­er­lich nochmal über zwei Stun­den tra­gen. Oder doch?

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TRUMBO – leicht gespoilert

TRUMBO – leicht gespoilert

Poster TrumboTRUMBO – Bun­desstart 10.03.2016
Die Besprechung basiert auf der amerikanis­chen DVD-Fas­sung

Die Het­z­jagd begann 1946, als die Allianz zwis­chen Ameri­ka und der Sow­je­tu­nion erstarb. Bere­its 1941 hat­te Walt Dis­ney eine große Anzeige im Branchen­blatt veröf­fentlicht, dass er Kom­mu­nis­ten für einen Streik in seinem Stu­dio ver­ant­wortlich machte. Als man ein neues Feind­bild gefun­den hat­te, schloss sich Schaus­piel­er Ronald Rea­gan als Präsi­dent der Schaus­piel­ergilde den Vor­wür­fen von Walt Dis­ney an, in der Gilde wür­den »kom­mu­nis­tis­che Tak­tiken« die Runde machen. Eine erste schwarze Liste wurde vom Kongress in Wash­ing­ton veröf­fentlicht, in der bes­timmte Schaus­piel­er, Drehbuchau­toren, und Regis­seure als Kom­mu­nis­ten iden­ti­fiziert wur­den. Auch, weil diese unumwun­den zugaben, Mit­glieder der kom­mu­nis­tis­chen Partei zu sein. Filme waren zu der Zeit die ein­flussre­ich­sten Pro­pa­gan­damit­tel. Aber sie waren auch ein großer Indus­triezweig gewor­den, und so fürchteten die Stu­dios neg­a­tive Berichter­stat­tung und Auswirkun­gen auf ihre Filme, und feuerten alle gelis­teten Per­so­n­en. Die Para­noia hat­te aber noch lange nicht ihren Höhep­unkt erre­icht.

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THE PURGE: ANARCHY

THE PURGE: ANARCHY

Poster THE PURGE: ANARCHYTHE PURGE: ANARCHY – Bun­desstart 31.07.2014

Nach nur einem Jahr schiebt Autor und Regis­seur James DeMona­co eine Fort­set­zung zu dem Über­raschung­shit THE PURGE nach. Ein Film, bei dem die Fasz­i­na­tion über die Logik siegte. War dieser allerd­ings noch ein kam­mer­spielar­tiger Thriller, geht DeMona­co dem Gesetz der Serie zufolge natür­lich einen Schritt weit­er. Erlebte man diese neue amerikanis­che Ord­nung anfangs aus der Per­spek­tive des in sich geschlosse­nen Refugiums der ver­meintlichen Opfer, zeigt uns DeMona­co nun die Welt draußen auf der Straße, wenn Purge im Gange ist.
Der Hin­ter­grund ist auf der einen Seite tat­säch­lich hirn­ris­sig, auf der anderen Seite birgt er unver­hohlen eine anziehende Begehrlichkeit. Ameri­ka war wirtschaftlich und sozial am Boden, was in 2016 sein wird. Die »Neuen Grün­dungsväter von Ameri­ka« erließen ein Verord­nung, dass ein­mal im Jahr für genau 12 Stun­den alle Geset­ze aufge­hoben sind. Alle Ver­brechen wer­den in dieser Zeit straf­frei bleiben, erlaubt sind allerd­ings nur Waf­fen, so klärt einen der Film auf, bis Klasse 4. Was bedeutet, dass man sich auch noch mit einem schw­eren Maschi­nengewehr aus­to­ben kann. »Purge« bedeutet Säu­berung, und so funk­tion­iert auch dieses Sys­tem. Während Reiche und der gehobene Mit­tel­stand sich mit entsprechen­den Sicher­heitsvorkehrun­gen in dieser bes­timmten Nacht ver­bar­rikadieren kön­nen, wer­den natür­lich Arme und Obdachlose die ersten Opfer von Men­schen, die gerne mor­den und foltern. Die Purge-Night, also die Nacht der Säu­berung, hat die Krim­i­nal­ität­srate gesenkt, und die Armut fast abgeschafft. Eine Insti­tu­tion, die also aufge­ht.

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AUGE UM AUGE direkt OUT OF THE FURNACE

AUGE UM AUGE direkt OUT OF THE FURNACE

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Bun­desstart 03.04.2014

Das alte Lied der ungle­ichen Brüder. Den­noch ein Hohe­lied auf die Fam­i­lie. Die Stadt ist geprägt von den dampfend­en Kami­nen der Stahlhütte, der einzige größere Arbeit­ge­ber. Wer hier im West­en Penn­syl­va­nias wohnt, dem bleibt nur das Stahlw­erk. Rus­sell Baze hat in diesem Teil Amerikas sein Leben gefun­den. Ein sicher­er Job, wen­ngle­ich ohne Auf­stiegsmöglichkeit, eine beza­ubernde Fre­undin, einen ster­ben­den Vater, den er pflegt. Nur sein Brud­er Rod­ney glaubt nicht an eine Zukun­ft an diesem Ort, ist allerd­ings auch unfähig dage­gen anzutreten. Er ver­spielt die magere Sol­daten­rente und schiebt all seine Prob­leme auf sein Trau­ma aus dem Irak-Krieg. Der schle­ichende Prozess von radikalen Änderun­gen ist nicht mehr aufzuhal­ten. Sie alle brauchen sich. Rus­sell die Ver­ant­wor­tung, Rod­ney die Stütze seines Brud­ers. Doch was passiert, wenn dieses Gefüge auseinan­der­bricht? Denn aus­gerech­net Rus­sell spielt das Schick­sal einen ganz üblen Stre­ich. Autoren­filmer Scott Coop­er hat mit seinem Regiede­büt CRAZY HEART große Aufmerk­samkeit errun­gen, der her­vor­ra­gend insze­niert und gespielt war, aber immer wieder in gewohnte Spuren von dargestell­ten Prob­le­men rutschte. AUGE UM AUGE geht einen muti­gen Schritt weit­er, lässt den möglichen Action-Film hin­ter sich, und ver­liert sich nicht in einem ver­stören­den Dra­ma, welch­es möglich gewe­sen wäre. AUGE UM AUGE ist eine amerikanis­che Bal­lade.

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DIE BÜCHERDIEBIN gespoilert

DIE BÜCHERDIEBIN gespoilert

Poster The Book ThiefTHE BOOK THIEF – Bun­desstart 13.03.2014

Den Vor­wurf, dass die BÜCHERDIEBIN eine viel zu milde Darstel­lung der Nazi-Herrschaft abbildet, kann man dur­chaus gel­tend machen. In der Tat ist es ein Film, der Bru­tal­ität und Willkür mei­det. Doch das sieht nur der Erwach­sene so. Wie erleben aber Kinder ein der­ar­tiges Schreck­en­sregime, die offe­nen Gräueltat­en, oder ein­fach nur den unter­schwelli­gen Ras­sis­mus? DIE BÜCHERDIEBIN verdeut­licht sehr anschaulich und nachvol­lziehbar, wie sich ein Kind durch so eine fürchter­liche Zeit manövri­eren muss. Unschuldige Kinder, die wed­er Rassen­fra­gen ken­nen, noch den Tod als solch­es ver­ste­hen. Liesel Meminger kommt zu ihren Adop­tion­sel­tern Hans und Rosa Huber­mann, in die Kle­in­stadt Molch­ing. Der Zweite Weltkrieg ste­ht vor der Tür, doch davon weiß Liesel nichts, genau­so wenig wie sie die immer wieder auf­tauchen­den Faschis­ten ver­ste­ht. Obwohl, oder ger­ade weil, sie nicht lesen kann, ist sie von Büch­ern fasziniert. Das geht so weit, dass Liesl sog­ar nach der Bücherver­bren­nung ein unversehrtes Buch aus dem Aschehaufen fis­cht. Der treusor­gende und gut­mütige Hans bringt ihr das Lesen bei, während die robuste und hartherzig wirk­ende Rosa das Leben der Fam­i­lie meis­tert. Dann ste­ht eines Tages Max vor der Tür, der Sohn eines alten Fre­un­des, der im Keller Unter­schlupf find­et. Liesel ist von Max fasziniert, denn was einen Juden von anderen Men­schen unter­schei­den soll, irri­tiert das Mäd­chen genau so, wie die Frage, warum man nicht ein­fach etwas dage­gen unternehmen kann.

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DISCONNECT hält die Verbindung

DISCONNECT hält die Verbindung

Postermotiv "Disconnect"DISCONNECT – Bun­desstart 30.01.2014

Andrew Stern hat ein sehr intel­li­gentes Drehbuch geschrieben, aus dem Hen­ry Alex Rubin ein sehr intel­li­gentes Spielfilm-Debüt insze­nierte. 13 und 15 Jahre ist es her, das Rubin bei DURCHGEKNALLT – GIRL, INTERRUPTED und COP LAND bei der Sec­ond Unit die Regie über­nom­men hat­te. Auch sehr intel­li­gente Filme, vor allem COP LAND, der sich als ein­er der weni­gen Aus­rutsch­er von Sylvester Stal­lones präsen­tierte, wo man ihn ein­mal schaus­piel­ern sehen kon­nte. Es ist also anzunehmen, dass Hen­ry Alex Rubin wirk­lich so lange aushar­ren kon­nte, bis ihm ein für seine Ver­hält­nisse würdi­ges Drehbuch unterkam. DISCONNECT ist ein neu­traler Blick auf den aktuellen Zus­tand unsere Gesellschaft. Ver­füg­barkeit zu jed­er Zeit, Smart­phones, Chat-Rooms, soziale Net­zw­erke. Eine Gesellschaft, die unvernün­ftiger wird, je gläsern­er ihr Leben für andere wird. Doch gegen was sich die Geschichte sträubt, sind wer­tende Ansicht­en. DISCONNECT ist oft­mals düster, manch­mal trau­rig, und sehr drama­tisch. Aber Stern und Rubin ver­wehren sich den­noch jed­er Stel­lung­nahme. Denn es ist ganz klar, dass der Segen der mod­er­nen Kom­mu­nika­tion auch gle­ichzeit­ig Fluch ist.

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DIE TRIBUTE VON PANEM – CATCHING FIRE

DIE TRIBUTE VON PANEM – CATCHING FIRE

Poster Catching Fire

THE HUNGER GAMES: CATCHING FIRE – Bun­desstart 21.11.2013

Lion­s­gate hat sich keine Zeit gelassen, und dies wird über­aus belohnt. DIE TRIBUTE VON PANEM war schon ein kalkuliert­er Erfolg, doch mit fast 700 Mil­lio­nen Dol­lar, hat­te man dann doch nicht gerech­net. Dieses Feuer durfte also nicht aus­ge­hen, und eine etwas über­stürzt wirk­ende Vor­pro­duk­tion war dabei eine weise Entschei­dung. Denn andere Rei­hen müssen mit Abstän­den von min­destens zwei, eher drei Jahren zwis­chen den einzel­nen Teilen das Feuer beim Pub­likum immer wieder neu ent­fachen. Nach nur 20 Monat­en war das begeis­terte Hunger-Games-Pub­likum noch immer heiß. Zudem ver­legte sich damit der Start außer­halb der an Konkur­renz nicht zu über­bi­etenden Som­mer-Sai­son. CATCHING FIRE bricht nicht unbe­d­ingt alle Reko­rde, aber seine bish­eri­gen Ergeb­nisse übertr­e­f­fen erneut die Erwartun­gen. Und das ver­di­ent, denn die zweite Adap­tion von Suzanne Collins´ Roman-Trilo­gie, ist der weit bessere Film. Was zu weit­en Teilen auch an Gar­ry Ross gele­gen haben mag, der eine akzept­ablen Vor­lage insze­niert hat­te, den Stoff aber in sein­er eigentliche Tiefe aber nicht zu ver­mit­teln ver­stand. Wegen der kurzen Vor­pro­duk­tion­sphase, sah sich Gar­ry Ross außer­stande, seine Vision des zweite Teils für ihn adäquat umzuset­zen. Er ver­ab­schiedete sich, und machte Platz für Fran­cis Lawrence, der aber erst nach eini­gen Abwä­gun­gen verpflichtet wurde.

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Buchmesse 2013: Holzhauer warnt vor Phrasendreschern

Buchmesse 2013: Holzhauer warnt vor Phrasendreschern

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tl;dr; Ich kann das Gelaber nicht mehr hören.

Heute begin­nt die Buchmesse, gestern jedoch gab es bere­its die Pressekon­ferenz und Medi­en­rum­mel – und sowohl Got­tfried Hon­nefelder, der Vor­stand des Börsen­vere­ins des deutschen Buch­han­dels wie auch Juer­gen Boos, Direk­tor der Buchmesse, haben sich selb­stver­ständlich in diesem Rah­men geäußert.
Dazu vor­ab ein klein­er Exkurs: man muss den Ein­druck haben, dass Got­tfried Hon­nefelder seine Reden in jedem Jahr recycelt und vielle­icht max­i­mal ein paar Worte umstellt, so sehr gle­ichen sich die gedrosch­enen Phrasen. Und immer wieder, wenn solche ver­meintlich hohen Her­ren ihren Ser­mon abson­dern, fällt unver­mei­dlich das Wort »warnt«. Hon­nefelder warnt, Boos warnt, sonst­wer warnt. Glaubt ihr mir nicht? Sucht auf Google mal nach »Hon­nefelder warnt« oder »Hon­nefelder warnte«, es wer­den reich­lich Tre­f­fer aus den ver­gan­genen Jahren zu find­en sein. Klickt aber bitte nicht auf diese Tre­f­fer, denn darin lauert ein Wahnsinn von ger­adezu cthul­hoiden Aus­maßen. Ich habe euch … äh … gewarnt.

Und wovor war­nen sie? Vor der Zukun­ft. Sei es nun das Inter­net (und damit ein­herge­hend die neuen Medi­en­for­mate), oder seien es neue Geschäftsmod­elle, denen sich die träge und zutief­st im Gestern gefan­gene Buch­branche nicht anpassen kann oder will. Und selb­stver­ständlich muss das »Urhe­ber­recht« gestärkt wer­den, auch wenn man tat­säch­lich etwas ganz anderes meint: sich selb­st und die Ver­w­ert­er­rechte. Dazu weit­er unten mehr.

Ich möchte auf ein paar Artikel einge­hen, die ich anlässlich der Buchmesse-Eröff­nung bei ein­schlägi­gen Claque­uren wie Börsen­blatt und Buchre­port im Netz fand:

Auf der Online-Ver­sion des Börsen­blattes befasste man sich gestern mit Worten von Buchmesse-Direk­tor Juer­gen Boos. Da ste­ht unter anderem:

Buchmesse-Direk­tor Juer­gen Boos sprach heute (8. Okto­ber) auf der Eröff­nungs-Pressekon­ferenz der Frank­furter Buchmesse von ein­er »neuen Grün­derzeit im Pub­lish­ing« und warnte gle­ichzeit­ig vor der Dom­i­nanz von Oli­gop­olen, die tech­nol­o­gis­che Stan­dards dik­tieren.

Da haben wir es wieder: es wird »gewarnt«. Wovor genau ist mir unklar. Ama­zon kann es nicht sein, denn die sind in Sachen Online-Ver­trieb nicht Teil eines Oli­gop­ols, son­dern haben beina­he ein Monopol. Unklar ist für mich zudem, was er für ein Prob­lem mit tech­nis­chen Stan­dards hat. Da Papier­büch­er gedruckt wer­den und diese Tech­nik nun wahrlich bere­its ein paar Jahre auf dem Buck­el hat, kann er eigentlich nur eBooks meinen. Da gibt es im Prinzip zwei Stan­dards: das offene ePub und Ama­zons Kin­dle-For­mat, ob es nun azw oder mobi sein mag. Wo da allerd­ings »Stan­dards dik­tiert wer­den« kann ich nicht nachvol­lziehen. ePub und mobi sind For­mate, deren Auf­bau bekan­nt ist, jed­er­mann kann sie erzeu­gen. Oder meint Boos etwa Ama­zons Kopier­schutz, der ver­hin­dert, dass man Kin­dle-eBooks auf anderen Geräten lesen kann? Das würde mich ver­wun­dern, denn Adobes DRM ist exakt das­selbe und wird auf einem Großteil der eBooks der Börsen­vere­ins-Mit­glieder nach wie vor einge­set­zt. Sind die Mit­glieder des Oli­gop­ols also Ama­zon und die Ver­lage, die DRM ein­set­zen? Worin liegt der Unter­schied, zwis­chen bei­den kun­den­feindlichen Sys­te­men – mal davon abge­se­hen, dass Ama­zons Ver­sion inner­halb seines Ökosys­tems für den Kun­den weitaus kom­fort­abler ist? Und weit­er­hin davon abge­se­hen, dass es seit­ens des Buch­han­dels en vogue ist, gegen Ama­zon zu wet­tern statt kun­den­fre­undlich­er zu wer­den …

Tech­nol­o­gis­che Stan­dards sind Werkzeuge. Sie müssen sich nach den Men­schen und ihren Bedürfnis­sen richt­en, nicht umgekehrt.

… sagt Boos. Das sehe ich genau­so. Weg mit harten DRM-Maß­nah­men, die nur die ehrlichen Kun­den benachteili­gen. Richtet euch nach den Men­schen und ihren Bedürfnis­sen. Dazu gehört übri­gens auch, dass nach ein­er Studie, die Leser nach ihren Mei­n­un­gen befragte, der Preis für ein eBook ca. 40 % unter dem ein­er Druck­aus­gabe liegen darf. Auch Preis­gestal­tung muss sich nach den Men­schen und deren Bedürfnis­sen richt­en – son­st kauft ein­fach nie­mand den über­teuerten Schmonz, bei dem sich der Preis am Hard­cov­er ori­en­tiert. Und dann sind selb­stver­ständlich wieder die Raubkopier­er schuld, nicht diejeni­gen, die Mond­preise befehlen.

Die neue Grün­derzeit im Pub­lish­ing find­et ohne die alte Garde, also die Ver­lage, statt, denn die Gold­gräber am eBook-Klondyke sind die Self­pub­lish­er, auch wenn man nach den Nuggets zwis­chen den Rechtschreibfehler-Sand­körn­ern lange sieben muss. Und wer bietet den Indies die besten Kon­di­tio­nen? Richtig: Ama­zon, Google und Kobo. Die Geld­schef­fler in den hiesi­gen Ver­la­gen knirschen ob der Höhe der Tantiemen­zahlun­gen durch die Inter­net-Rivalen an die Autoren ver­mut­lich 24/7 mit den Zäh­nen. Und deswe­gen sind die der Erzfeind. Und weil sie kun­den­fre­undlich agieren. Das ist hochgr­a­dig imper­ti­nent, sowas macht man doch nicht! Kun­den­fre­undlich. Wo kom­men wir hin? Wenn das alle machen wür­den …

Die Rede Hon­nefelders dage­gen erschien – wie oben bere­its ange­merkt – wie der immer wieder rea­n­imierte Zom­bie sein­er Reden aus den ver­gan­genen Jahren. Im Buchre­port schreibt man:

Für eine neue Kul­tur des Wis­sens plädierte Börsen­vere­ins-Vorste­her Got­tfried Hon­nefelder zum Auf­takt der Frank­furter Buchmesse 2013. Das Wis­sen müsse vor der Autorität von Online-Riesen wie Ama­zon und Google geschützt wer­den, die »an Inhal­ten nur so weit inter­essiert sind, als sie ihrem Geschäft als Wer­be­träger nützen«.

Nein, Herr Hon­nefelder. Seien Sie doch bitte ehrlich. Nicht »das Wis­sen« soll geschützt wer­den, son­dern die Pfründe der Börsen­vere­ins-Mit­glieder. Nach­dem Jahrzehnte, oder fast Jahrhun­derte lang alles eit­el Son­nen­schein war, kommt hop­pla­hopp dieses Inter­net aus einem Anar­cho-Loch gekrochen und zwingt doch tat­säch­lich zum Umdenken. Das ist aber auch eine Unver­schämtheit.
Liebe Branche, tut doch bitte nicht so, als seien Apple, Ama­zon und Google die bösen Dämo­nen und ihr die hehren Licht­gestal­ten. Euch geht es genau­so ums Absei­hen von Lesern und das Ein­fahren von Gewin­nen wie den Online-Anbi­etern. Etwas anders zu behaupten wäre unredlich und schlichtweg unwahr. Und ihr macht es trotz­dem, denn wir sind ja dumm. Denkt ihr.
Eine »Kul­tur des Wis­sens« wäre eine Kul­tur, in der dieses Wis­sen nicht via haupt­säch­lich durch mas­sive Lob­b­yarbeit ent­standene ver­w­ert­er­fre­undliche Urhe­ber­rechte Jahrzehnte lang in Sta­sis ver­fällt, näm­lich bis 70 Jahre nach dem Tod eines Urhe­bers. Das ist Irrsinn, denkt mal darüber nach, liebe Leser. Wenn ein Werkschaf­fend­er vor 30 Jahren ver­stor­ben ist, dauert es noch 40 weit­ere ver­dammte Jahre, bis seine Werke geme­in­frei wer­den. Das führt dazu, dass Kul­turgüter in Vergessen­heit versinken. Werke von vor der Ein­führung der 70-Jahres-Schranke sind heutzu­tage im Web zu find­en und zugänglich, danach qua­si nichts mehr. Was hier an Wis­sen ver­nichtet wird, ins­beson­dere, weil die Ver­w­ert­er es so wollen, ist unbeschreib­lich. Haufen­weise Back­list-Mate­r­i­al ist unzugänglich, weil irgendwelche Rechtein­hab­er drauf hock­en und es nicht her­aus geben wollen, es lässt sich damit ihrer Ansicht nach kein Geld ver­di­enen. Dann gebt die Rechte den Autoren zurück, die wer­den das schon als Self­pub­lish­er ohne euch veröf­fentlichen. Self­pub­lish­ing? Kommt schon, das ken­nt ihr, das habt ihr doch zu dem ganz großen Ding auf dieser Messe erk­lärt. Das sind so Nuggets. Zwis­chen haufen­weise Sand­körn­ern. Habe ich weit­er oben erk­lärt.

Ein weit­er­er Artikel über Hon­nefelder auf dem dig­i­tal­en Börsen­blatt-Ableger (die müssen das kom­men­tar­los wiedergeben, der ist so etwas wie ihr Chef):

Es gehe um die Frage, »was wir als Wis­sen ver­ste­hen wollen, jeden­falls so lange unter Wis­sen eine Erken­nt­nis gemeint ist, die nicht wie ein sub­jek­t­los­es Datum herum­liegt, son­dern durch einen Urhe­ber gewon­nen und auf einen Kreis von Adres­sat­en hin veröf­fentlicht wurde.«
Gebraucht werde eine neue Kul­tur des Wis­sens. »Das dig­i­tale Zeichen­sys­tem ist bedeu­tungs­frei; seine Seman­tik erhält es erst durch Zuord­nung von außen«, so Hon­nefelder.

Wis­sen ist eine Erken­nt­nis, die »sub­jek­t­los« herum liegt, bis sie durch einen Urhe­ber »gewon­nen« wird? Das »dig­i­tale Zeichen­sys­tem ist bedeu­tungs­frei« und »seine Seman­tik erhält es erst von außen«? Mal unter uns und ganz offen: so einen inhalt­sleeren Bull­shit habe ich schon lange nicht mehr gele­sen, auch nicht in den Parteipro­gram­men vor der Bun­destagswahl, und das will was heißen. Ein­er­seits müssen Urhe­ber gar nicht zwin­gend Wis­sen schaf­fen. Kun­st und Unter­hal­tung reichen völ­lig. Ander­er­seits sind Büch­er auch als eBook keines­falls nur »bedeu­tungs­freie dig­i­tale Zeichen­sys­teme«, son­dern den gedruck­ten Fas­sun­gen inhaltlich gle­ich. Da muss man nichts »von außen zuord­nen«. Das poten­tielle Wis­sen der Men­schen, die Zugriff auf das Inter­net haben wurde in nie zuvor gese­hen­em Aus­maß erweit­ert. Infor­ma­tion at your fin­ger­tips. Jed­erzeit. Jede Per­son mit einem Inter­ne­tan­schluss kann sich überzeu­gen, dass das »dig­i­tale Zeichen­sys­tem« alles andere als bedeu­tungs­frei ist.
Falls mir jemand das unerträglich hohle Phrasen­ge­dresche in den Kom­mentaren zu diesem Artikel mit Sinn und Inhalt füllen kann, wäre ich dankbar. Anson­sten kön­nte ich auch ver­suchen, mir das Gebrabbel schön zu saufen.

Dann wen­det sich Hon­nefelder an die Poli­tik:

Die Mehrgliedrigkeit der Branche müsse auch im dig­i­tal­en Zeital­ter bewahrt wer­den; dieses Gefüge schließe auch den Buch­han­del ein.

Das bedeutet: liebe Poli­tik, wir schaf­fen es nicht, unser Geschäftsmod­ell an die Gegeben­heit­en anzu­passen und wir sind lei­der total unflex­i­bel. Das find­en wir doof. Bitte beschließt Geset­ze, damit wir uns nicht bewe­gen müssen.
Es mag weh tun, Herr Hon­nefelder, aber wenn ich mich so umse­he, gibt es nur noch sehr wenige Kutsch­er. Oder vielle­icht ein Beispiel, das Ihnen bekan­nter vorkom­men dürfte: Schrift­set­zer. Als die Branche »com­put­er­isiert« wurde, hat man sich von denen, die den Umgang mit den neuen Tech­niken nicht beherrscht­en, flugs getren­nt. Es gibt heute keine Schrift­set­zer mehr, weil es keine beweglichen Let­tern mehr gibt und man stattdessen Desk­top Pub­lish­ing nutzt. Schon mal gehört? Das läuft auf den bösen Com­put­ern – muss man aber wed­er als Vere­ins­funk­tionär noch als Ver­leger wis­sen, da küm­mern sich die Fußtrup­pen drum.
Wenn die Branche nicht in der Lage ist, sich und ihre Geschäftsmod­elle von Let­tern auf Com­put­er umzustellen, wenn man lieber inflex­i­bel bleibt und nach poli­tis­chen Lösun­gen und damit Feigen­blät­tern für die eigene Bewe­gungslosigkeit ruft, dann sollte man sich nicht wun­dern, wenn man den Weg der Dinosauri­er geht. Oder den der Schrift­set­zer, suchen Sie sich einen aus. Man kann ja immer noch auf Krankenpfleger oder Kindergärt­ner umschulen. Oder Autor. Was? Schlecht bezahlt? Tja, man kann halt nicht alles haben.

Eben­falls im Buchre­port weist man weit­er­hin auf Dampf­blasen der »Con­tent Alliance« hin, der der Börsen­vere­in ange­hört, aber auch die Musikin­dus­trie. Auch hier wird nach dem Geset­zge­ber und einem »starken Urhe­ber­recht« geschrien:

Kurz vor der Frank­furter Buchmesse hat die Con­tent Allianz, der auch der Börsen­vere­in ange­hört, noch ein­mal ihre Forderun­gen nach einem starken Urhe­ber­recht bekräftigt. Der Schutz der Leis­tung von Kreativ­en vor ille­galer Nutzung müsse zur Chef­sache im Kan­zler­amt wer­den, erk­lärte das Bünd­nis von Medi­en- und Kul­turver­bän­den.

Wenn ich das lese kommt mir ganz deut­lich gesagt das kalte Kotzen. Denn hier wird das Urhe­ber­recht vorgeschoben, obwohl es tat­säch­lich um etwas ganz anderes geht. Das Urhe­ber­recht – das wie der Name bere­its sagt die Urhe­ber schützt und begün­stigt – ist den Ver­w­ert­ern tat­säch­lich völ­lig egal (und ich habe mir »scheiße­gal« verknif­f­en). Tat­säch­lich geht es ihnen auss­chließlich um die Teile daraus, die ihnen die Ver­w­er­tung (sprich: Mon­e­tarisierung – ja, das sagen die so. Es bedeutet: Kohle machen) geschaf­fen­er Werke Drit­ter ermöglichen.
Tat­säch­lich lässt man den Autor oder Musik­er (auch der unerträgliche Gorny von der Musikin­dus­trie hat wieder gepö­belt) mit Peanuts am aus­gestreck­ten Arm ver­hungern, während man selb­st das Geld absackt, auch wenn immer wieder anderes behauptet wird.
Sprecht mal mit Autoren abseits des Best­sellers, liebe Leser, und fragt sie, was von den Buchverkäufen bei ihnen ankommt. Ich wieder­hole mich und ich tue es gern, damit es ein­sick­ert: das sind Peanuts. Es macht sich natür­lich ganz pri­ma, sich als Beschützer der armen, armen Urhe­ber zu gerieren und laut­stark zu verkün­den, man selb­st (und das Urhe­ber­recht) seien die let­zten Schutzwälle, die die Urhe­ber vor den ille­galen Nutzun­gen behüten. Tat­säch­lich gehts auch hier wieder nur um ihre Kohle, um ihre Ein­nah­men. Und sie wis­sen genau: ihre Zahlen über ille­gale Down­loads und deren Schaden sind von vorne bis hin­ten erstunken und erlogen.

Ich stimme zu, dass das Urhe­ber­recht drin­gend ein­er Ref­or­ma­tion bedarf. Es muss an die Real­itäten der mod­er­nen Net­zwelt angepasst wer­den. Die irrsin­ni­gen Schutzfris­ten müssen auf ein Maß zurecht­ges­tutzt wer­den, das kul­turell und aus Sicht ein­er Wis­sensall­mende sin­nvoll ist, damit Kul­tur nicht ver­schwindet, weil Ver­w­ert­er darauf sitzen und sie nicht veröf­fentlichen. Abmahn-Abzock­ern mit ihren Raubrit­ter-Geschäftsmod­ellen muss die Geschäfts­grund­lage ent­zo­gen wer­den, die Schulkinder krim­i­nal­isiert und pro­fes­sionelle Anbi­eter von Raubkopi­en davon kom­men lässt (weil die Branchen und ihre Hil­f­ssh­er­iffs zu dumm sind, die zu bekom­men, hält man sich lieber an die, die sich nicht wehren kön­nen).

Am wichtig­sten ist mein­er Ansicht nach jedoch, dass die Rechte der Urhe­ber statt die der Ver­w­ert­er gestärkt wer­den.  Schluss mit Total Buy­out, Schluss mit Knebelverträ­gen, Schluss mit Peanuts und Schluss mit pauschal eingeräumten Recht­en für »bish­er unbekan­nte Nutzungsarten«. Rechte müssen nach definierten Zeiträu­men wieder an die Urhe­ber zurück fall­en. eBooks müssen geson­dert vergütet wer­den, eben­so Hör­büch­er. Urhe­ber müssen mehr Mit­spracherecht bekom­men, wie ihre Werke ver­w­ertet wer­den. Urhe­ber müssen angemessen bezahlt wer­den, egal ob Autoren, Jour­nal­is­ten, Fotografen oder Musik­er. Und es muss zwis­chen den Ver­w­ert­er­recht­en und den Ver­braucher­recht­en abge­wogen wer­den. Denn: Gewinne ste­hen nicht über Bürg­er­in­ter­essen und auch nicht über Men­schen­recht­en.

Die Buch­branche zeigt durch ihre Köpfe immer wieder eine Kul­tur des Mah­nens und War­nens. Vor neuen Tech­nolo­gien, vor Mit­be­wer­bern, die im Gegen­satz zu ihr agil sind. Statt der unerträglichen Miesepeterei sollte man seine Kräfte darauf bün­deln, die Tech­nolo­gien zu ver­ste­hen und zu nutzen. Statt Gegeifere gegen Apple, Ama­zon und Google sollte man von den Gegen­spiel­ern ler­nen. Aber vielle­icht ist das von der tief kon­ser­v­a­tiv­en Branche zu viel ver­langt.

Die Buchmesse ist eine Ver­anstal­tung, auf der die Buch­branche sich pro­fil­ieren möchte und sich selb­st beweihräuchert. Das soll sie meinethal­ben gern tun. Nur mögen ihre Großkopfer­ten bitte davon abse­hen, mich mit Phrasen zu lang­weilen, mich offen­sichtlich zu belü­gen, oder mir zu ver­ste­hen zu geben, dass sie mich für dumm hal­ten. Davor warnt der Holzhauer nach­drück­lich.

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Cory Doctorow – LITTLE BROTHER

Cover Little Brother

Anmerkung: diese Rezen­sion erschien im April 2010 auf dem alten Artikel­por­tal. Da das Buch durch die Diskus­sion um Überwachung und schwindende Bürg­er­rechte aktuell wie nie ist, habe ich mich entschlossen, die Rezen­sion hier nochmals zu veröf­fentlichen. Und weil Jens Scholz die Aktion #oplit­tle­broth­er aus­gerufen hat.

Ich lese ja gern und viel und gebe das offen zu. Es kann auch mal vor­kom­men, dass ein Roman so gut/span­nend/un­be­schreib­lich ist, dass ich ihn in kur­zer Zeit lese und dar­über an­de­re Dinge ver­nach­läs­si­ge. Den­noch habe ich in den letz­ten Jah­ren fest­ge­stellt, dass mir das immer sel­te­ner pas­siert – auch Bü­cher, die mich wirk­lich fes­seln, tun das lange nicht mehr in dem Um­fang wie frü­her. Das ist auch kein Wun­der, je mehr das Ge­hirn schon auf­ge­nom­men hat, je mehr man schon ge­le­sen hat, desto schwie­ri­ger wird es zum einen über­rascht zu wer­den und zum an­de­ren ken­nt man halt der­ma­ßen viele Werke und Ideen, dass wirk­li­che Neue­run­gen aus­blei­ben.

Cory Doc­to­rows LITT­LE BRO­THER hat mich von den ers­ten Buch­sta­ben an völ­lig weg­ge­hau­en und ich habe mich in ein­er Ge­schwin­dig­keit durch die­sen Roman ge­fräst, der mich selb­st in der Nach­schau völ­lig über­rascht, denn ich hätte nicht mehr für mög­lich ge­hal­ten, dass mich ein Roman noch­mal der­art fas­zi­nie­ren kann, dass ich ihn in einem Rutsch in Null­zeit durch­le­se, dass es mir wirk­lich schw­er fällt, ihn mal weg­zu­le­gen und dass ich dann jede Ge­le­gen­heit nutze, ihn so­fort wie­der in die Hand zu neh­men, um wei­ter zu lesen.

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ARGO – exzellentes Kino

Diese Geschichte ist so absurd, dass sie nur wahr sein kann. Es ist eine bish­er kaum bekan­nte Geschichte, die aus einem nach dem Viet­nam-Krieg bis dahin größten Trau­mas erwuchs, das die Vere­inigten Staat­en im Aus­land erleben mussten. 1979 stür­men iranis­che Demon­stran­ten des Aya­tol­lah-Regimes die Botschaft des ver­has­sten Ameri­ka und nehmen das verbliebene Per­son­al als Geisel. Nicht das gesamte Per­son­al, denn sechs Botschaft­sangestell­ten gelingt es zu entkom­men, die nach ein­er kurzen Odyssee schließlich von der kanadis­chen Botschaft aufgenom­men wer­den. Die Iran­er sind ungestüm aber nicht dumm. Mit aber­witzi­gen Aktio­nen find­en die iranis­chen Geisel­nehmer schnell her­aus, dass in der gestürmten Botschaft sechs Diplo­mat­en fehlen und geflüchtet sein müssen. Wer flüchtet macht sich verdächtigt, und Verdächtige sind automa­tisch Spi­one. Und Spi­one wer­den gnaden­los öffentlich hin­gerichtet.

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