Lübbe Audio und die Begründung von Serieneinstellungen

piracy_cdMitte des Mo­nats ver­öf­fent­lichte Lübbe Au­dio eine Pres­se­mit­tei­lung, in der man be­dau­erte mit­tei­len zu müs­sen, dass auf­grund von Um­satz­ein­brü­chen drei Hör­spiel­se­rien lei­der ein­ge­stellt wer­den. Und man hatte na­tür­lich so­fort auch die Übel­tä­ter aus­ge­macht, die für die Um­satz­ein­brü­che die Schuld tra­gen: es han­delt sich hier­bei nicht etwa um die Bän­ker, die für die welt­weite Wirt­schafts­krise ver­ant­wort­lich sind und die da­mit Mil­li­ar­den an Kauf­kraft ver­nich­tet ha­ben, son­dern es sind il­le­gale Down­loads über bei­spiels­weise P2P–Netz­werke.

Al­lent­hal­ben hob so­fort ein recht un­dif­fe­ren­zier­tes Heu­len und Zäh­ne­klap­pern an, es wurde über die bö­sen Raub­ko­pie­rer ge­schimpft und so­gar Ver­glei­che mit La­den­die­ben ge­zogen, ohne Lüb­bes Zah­len zu hin­ter­fra­gen, oder viel­leicht mal zu über­le­gen was an den Äu­ße­run­gen tat­säch­lich dran ist. Könnte es viel­leicht sein, dass man sub­op­ti­ma­les Mar­ke­ting mit den voll­mun­di­gen Hin­wei­sen auf die ach so bö­sen Raub­ko­pie­rer ka­schie­ren möchte? Könnte es sein, dass die an­vi­sierte Kli­en­tel an­ge­sichts ei­ner Welt­wirt­schafts­krise ihr Geld lie­ber für an­dere Dinge oder gar nicht aus­gibt?

Ich habe mal die Probe aufs Ex­em­pel ge­macht und in den drei be­lieb­tes­ten Such­ma­schi­nen für Tor­rent-Da­teien nach „Of­fen­ba­rung 23“ und „Ster­ne­no­zean“ ge­sucht (den Such­be­griff „Ed­gar Al­len Poe“ habe ich aus­ge­las­sen, da es hier zu viele ir­rele­vante Er­geb­nisse ge­ge­ben hätte). Mir ist klar, dass es auch noch Emule und wei­tere gibt, aber das Tor­rent-Netz­werk ist in­zwi­schen das deut­lich be­lieb­tere, wei­ter­hin las­sen auch die Er­geb­nisse im Tor­rent-Netz­werk ein­deu­tige Rück­schlüsse auf an­dere P2P-Netz­werke zu. Zu­dem habe ich kei­nen Emule-Cli­ent in­stal­liert und es kommt mir auch kei­ner auf den Rech­ner. Die Er­geb­nisse samt Screen­shots im er­wei­ter­ten Ar­ti­kel.

Ich zi­tiere aus der Pres­se­mel­dung:

Als Haupt­grund für diese er­schre­cken­den Um­satz­ein­bu­ßen in­ner­halb der letz­ten Jahre se­hen wir den star­ken An­stieg der In­ter­net­pi­ra­te­rie ins­be­son­dere im Hör­spiel­be­reich. So lie­gen uns Zah­len vor, wo­nach ei­nige Fol­gen un­se­rer of­fen­ba­run­g23 Hör­spiel­se­rien von bis zu 50.000 An­bie­tern il­le­gal an­ge­bo­ten wer­den, wo­bei wir hier nur von den An­bie­tern il­le­ga­ler Down­loads spre­chen und nicht von der rea­len Zahl tat­säch­lich her­un­ter ge­la­de­ner Fol­gen, die noch um ei­ni­ges über die­ser Zahl lie­gen dürf­ten. Im Schnitt wird je­des un­se­rer Hör­spiele von etwa 1.000 An­bie­tern zum il­le­ga­len Down­load an­ge­bo­ten, was uns zu­sam­men mit wei­te­ren il­le­ga­len An­ge­bo­ten wie z.B. Strea­m­ing, frap­pie­rende Um­satz­ver­luste ein­brachte. Diese Ein­bu­ßen zwin­gen uns nun dazu, die Hör­spiel­se­rien Ed­gar Al­lan Poe, Perry Rho­dan und Of­fen­ba­rung 23 in letz­ter Kon­se­quenz ein­zu­stel­len.

Man lasse sich die Zahl auf der Zunge zer­ge­hen: 50000 An­bie­ter. Nach­fol­gend die Such­ergeb­nisse zu „Of­fen­ba­rung 23“ auf iso­h­unt, pi­ra­te­bay und tor­ren­tre­ac­tor (aus recht­li­chen Grün­den nicht ver­linkt, siehe ent­spre­chende Heise-Ar­ti­kel zur even­tu­el­len Stö­rer­haf­tung beim Set­zen von Links):

Bei Iso­h­unt wur­den 43 Hits ge­fun­den, hier ein Über­blick über die er­ste Er­geb­nis­seite, ab­stei­gend sor­tiert nach An­zahl der Seeds (S = See­der, L = Lee­cher):

Offenbarung 23 isohunt

Bei Pi­ra­te­Bay wur­den zwei Tref­fer aus­ge­ge­ben (SE = See­der, LE = Lee­cher):

Offenbarung 23 piratebayEi­nen Screen­s­hot von Tor­ren­tRe­ac­tor er­spare ich mir, denn es gab es nicht ei­nen Tref­fer.

Zur Er­klä­rung See­der und Lee­cher (ver­ein­facht): Ein See­der ist eine Per­son (bzw. ein Rech­ner), die die Da­tei voll­stän­dig vor­lie­gen hat und sie so­mit voll­stän­dig wei­ter­ver­brei­ten kann, ein Lee­cher hat nur Teile der Da­tei, ver­bei­tet diese aber auch wei­ter.

Ich habe des Wei­te­ren auch noch­mal nach dem Be­griff „Of­fen­ba­rung 23“ im Zu­sam­men­hang mit Ra­pid­share ge­sucht, dort ist die Si­tua­tion ab­so­lut ana­log und die Zah­len sind ähn­lich: es gibt ein­zelne, sel­tene Tref­fer, je nach­dem wie und wo man sucht ins­ge­samt (!) zwi­schen 13 und 17 Tref­fern.

Man muss kein Tech- oder Web-Freak sein, um die Er­geb­nisse zu in­ter­pre­tie­ren: Die OF­FEN­BA­RUNG 23-Hör­spiele sind im Tor­rent-Netz­werk quasi nicht vor­han­den und es be­steht so gut wie kei­ner­lei In­ter­esse daran. 50000 An­bie­ter? Das kann man ver­nei­nen, da auch ak­tu­elle Epi­so­den we­der häu­fig vor­han­den sind, noch Seeds auf­wei­sen kön­nen.

Ma­chen wir den­sel­ben Test für das Such­wort „Ster­ne­no­zean“, ins­ge­samt 13 Tref­fer bei iso­h­unt:

Sternenozean isohunt

Kein ein­zi­ger See­der…

Pi­ra­te­Bay: keine Tref­fer, Tor­ren­tRe­ac­tor: keine Tref­fer

Fa­zit: Vor­han­den­s­ein ver­schwin­dend ge­ring.

Ich habe dann noch­mal stich­pro­ben­ar­tig nach ein­zel­nen kon­kre­ten Ti­teln der Rei­hen ge­sucht, es hätte ja sein kön­nen, dass nicht un­ter dem Rei­hen­ti­tel son­dern un­ter dem Ein­zel­ti­tel et­was zu fin­den ge­we­sen wäre: Es wird nie­man­den ver­wun­dern, dass die Tref­fer zu den oben ge­fun­de­nen Er­geb­nis­sen pass­ten: es gab so gut wie keine (kon­kre­tes Bei­spiel PR PA­RA­GON­KREUZ – drei Tref­fer, keine See­der, zwei Lee­cher: de facto nicht vor­han­den).

Lübbe wird jetzt wahr­schein­lich da­mit ar­gu­men­tie­ren wol­len, dass die an­geb­lich an­ge­bo­te­nen Pro­dukte in­zwi­schen aus wel­chen Grün­den auch im­mer aus dem Netz ver­schwun­den sind. Wer al­ler­dings weiß, wie P2P-Netz­werke funk­tio­nie­ren, der weiß auch, dass das nicht mög­lich ist, denn was ein­mal im Netz ist, ist nur sehr schwer wie­der dar­aus zu ent­fer­nen. Si­cher ver­sucht man ge­gen die An­bie­ter sol­cher an­ge­bo­te­nen Da­teien vor­zu­ge­hen, aber der Pro­zess ist lang­wie­rig und bis es zu Kla­gen oder Ab­mah­nun­gen kommt, ver­ge­hen Jahre, des­we­gen zieht auch eine mög­li­che Er­klä­rung nicht, man habe die Tor­rent-Da­teien ent­fer­nen las­sen, denn das kann so schnell nicht der Fall sein. Man kann bis­wei­len Be­trei­ber von Tor­rent-Such­ma­schi­nen (wie die hier ge­nann­ten) im In- und manch­mal auch im Aus­land dazu brin­gen, die Links zu ent­fer­nen, aber auch das ist zeit­auf­wän­dig oder allzu oft ein­fach nicht mög­lich.

Ich wage die These (und da­bei han­delt es sich aus­drück­lich um meine Mei­nung), dass die ge­nann­ten Zah­len, ins­be­son­dere die „50000 An­bie­ter“ Dampf­bla­sen und Luft­num­mern sind, die sich nicht be­le­gen las­sen. Ich lasse mich mit ent­spre­chen­den nach­voll­zieh­ba­ren Be­wei­sen aber gern ei­nes an­de­ren be­leh­ren.

Und um eins ganz klar zu ma­chen: Es geht hier nicht darum, was da­von zu hal­ten ist, wenn Pro­dukte der Rech­te­ver­wer­ter oder Co­py­right­in­ha­ber im Netz zu fin­den sind, die The­ma­tik ist zu kom­plex, um sie in ein paar Sät­zen ab­han­deln zu kön­nen, wei­ter­hin ist die Rechts­lage in Deutsch­land wei­test­ge­hend ein­deu­tig. Worum es hier geht, ist die Pres­se­mit­tei­lung Lüb­bes, die Ab­satz­schwie­rig­kei­ten mit il­le­ga­len Down­loads be­grün­det und da­bei Zah­len wie „50000 An­bie­ter“ nennt, die man leicht über­prü­fen kann – und die nicht mal an­satz­weise stim­men kön­nen. Und es geht darum, dass di­verse Kom­men­ta­to­ren im Netz den ge­nann­ten Zah­len glau­ben und sich er­ei­fern, ohne sie zu hin­ter­fra­gen, oder mal selbst zu re­cher­chie­ren, wie oft die Pro­dukte tat­säch­lich in P2P-Netz­wer­ken zu fin­den sind.

Die Ein­stel­lung der ge­nann­ten Se­rien ist für die Fans si­cher­lich höchst be­dau­er­lich und für Lübbe Au­dio auch. Man möge mir aber ver­ge­ben, wenn ich den vor­ge­scho­be­nen und nicht be­leg­ba­ren Grund „Raub­ko­pien übers Netz“ nicht glaube und mir mehr Ehr­lich­keit wün­schen würde und we­ni­ger mar­kige Mar­ke­ting-Sprü­che.

Ab­schlie­ßend noch eine er­hel­lende Ab­bil­dung zum Thema „La­den­dieb­stahl“:

piracy-is-not-theftEdit: Eine wei­tere Ver­mu­tung hatte ich noch ver­ges­sen. Es liegt durch­aus im Be­reich des Denk­ba­ren, dass die ein­ge­stell­ten Se­rien oh­ne­hin nur eine sehr schmale Käu­fer­schicht un­ter den Fans an­spre­chen. Lei­der sind mir keine Ab­satz­zah­len be­kannt, es ist aber ein of­fe­nes Ge­heim­nis, dass Hör­spiele schon lange nicht mehr die Top­sel­ler sind, die sie mal wa­ren und von we­ni­gen gut ver­kauf­ten Aus­nah­men ab­ge­se­hen et­li­che Se­rien nur ver­gleichs­weise ge­ringe Ein­nah­men er­zie­len. Der Auf­wand und da­mit die Kos­ten für die Pro­duk­tion ei­nes Hör­spiels sind un­gleich hö­her als für ein Hör­buch, ins­be­son­dere was die An­zahl an Spre­chern und die Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen an­geht. Wenn ich lese, dass die Messe „Hör­spiel“ in Ham­burg – nach ei­ge­nem Be­kun­den die größte Hör­spiel-Messe Eu­ro­pas und der Welt – ge­rade mal (man möge mir ver­ge­ben: lä­cher­li­che) 3000 Be­su­cher auf­wei­sen kann, dann ist das ein wei­te­rer un­trüg­li­cher Hin­weis auf ei­nen Ni­schen­markt.

Stefan Holzhauer

AutorIn: Stefan Holzhauer

Meist harm­lo­ser Nerd mit na­tür­li­cher Af­fi­ni­tät zu Pi­xeln, Bytes, Buch­sta­ben und Zahn­rä­dern. Kon­su­miert zu­viel SF und Fan­tasy und schreibt seit 1999 on­line dar­über.


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