Rant: Du kaufst online? Gehe in das Gefängnis, begibt Dich direkt dorthin, Du Strauchdieb!

Auf diepresse.com pro­du­ziert sich Buch­ver­le­ger Jochen Jung in Sachen eBook. Über­schrie­ben ist der Arti­kel mit »wider das eBook-Bashing«. Das ließ hof­fen. Was sich dann aller­dings im Text fin­det, lässt mich erblas­sen. Denn wir, die wir die unglaub­li­che Dreis­tig­keit besit­zen, im Inter­net Waren zu kau­fen, sind mie­se Die­be. Glaubt ihr nicht? Ich zitie­re aus dem Arti­kel (feh­len­de Leer­zei­chen sind 1:1 über­nom­men):

Heu­te sind rea­le Geschäf­te für immer mehr Men­schen nur noch eine Art Mus­ter­aus­stel­lung: Man schaut sich die Din­ge an, pro­biert sie aus, ent­schei­det sich und geht dann nach Hau­se und bestellt am Com­pu­ter. Und wer noch einen Schritt wei­ter ist, der fin­det gleich im Netz den größ­ten Mus­ter­kof­fer über­haupt und füllt sei­nen Waren­korb dort. Das erspart ihm das Wochen­end­ge­drän­ge in der U-Bahn und im Kauf­haus, und schon nach weni­gen Tagen kom­men die Sachen mit der Post ins Haus. Es ist kaum über­trie­ben, wenn man die­ses Ver­hal­ten als eine Art Dieb­stahl betrach­tet. Der sta­tio­nä­re Handel,egal ob mit Kleidung,Elektronik oder zum Bei­spiel Büchern, bezahltMie­te, Arbeits­kraft, Aus­bil­dung und Know-how,um am Ende die rich­ti­ge, ange­sag­te, ver­lang­te Ware im Geschäft aus­le­gen und anbie­ten zu kön­nen. Dass sich dann Men­schen ohne jede Kauf­ab­sicht die­ser­Mög­lich­kei­ten bedie­nen, ist zwar nicht ver­bo­ten, aber unan­stän­dig ist es doch. Und unklug ist es auch, denn natür­lich führt der schrump­fen­de Umsatz zu abneh­men­den Ein­künf­ten, und eines Tages wird die Tür an einem Sams­tag­abend geschlos­sen und am Mon­tag­mor­gen nicht mehr auf­ge­macht: Der Mus­ter­kof­fer bleibt zu.

Da bleibt einem die Luft weg, oder? Wenn ich also die Ent­schei­dung tref­fe, nicht beim einen, son­dern beim ande­ren Händ­ler mei­ne Waren zu erwer­ben, dann bin ich in den Augen des einen ein Dieb? Das ist so der­ma­ßen abstrus und welt­fremd, dass sogar mir jede sar­kas­ti­sche Bemer­kung im Hals ste­cken bleibt. Sehen wir uns doch mal ein Detail an (feh­len­de Leer­zei­chen wur­den ein­ge­fügt):

Der sta­tio­nä­re Handel,egal ob mit Klei­dung, Elek­tro­nik oder zum Bei­spiel Büchern, bezahlt Mie­te, Arbeits­kraft, Aus­bil­dung und Know-how, um am Ende die rich­ti­ge, ange­sag­te, ver­lang­te Ware im Geschäft aus­le­gen und anbie­ten zu kön­nen.

Arbeits­kraft, Aus­bil­dung und Know-How? Jung soll­te sich mal aus sei­nem offen­bar schlecht belüf­te­ten Büro her­aus bege­ben und per­sön­lich ein­kau­fen gehen, und das nicht nur beim Juwe­lier, Scham­pus- oder Leim­händ­ler; dann wür­de ihm viel­leicht auf­fal­len, dass der Ein­zel­han­del an (zu) vie­len Stel­len auf 400 Euro-Hilfs­kräf­te umge­stellt hat, die einem Gur­ken in die Hand drü­cken, wenn man Toma­ten haben möch­te. In den wenigs­ten Fäl­len erhal­te ich gera­de in Sachen Tech­nik (oder Büchern) eine kom­pe­ten­te Bera­tung und die Ware, die ich möch­te, fin­det sich in den Rega­len gar nicht erst (gera­de bei Büchern). Bestel­len kann man die auch nicht, oder das dau­ert Tage, oder das Zeug ist dann drei­mal so teu­er wie beim Online­ver­sen­der (bei Büchern dank des Buch­preis­kar­tells natür­lich nicht). Da wird nicht das aus­ge­legt und ange­bo­ten, was ver­langt ist, Herr Jung, und bera­ten wer­de ich dazu schon mal gar nicht. Oder falsch. Dann kann ich auch gleich online bestel­len und bekom­me das Zeug nach Hau­se gelie­fert. Der gru­se­li­ge Ser­vice tun das sei­ne dazu. Wer mal ver­sucht hat, in der Gewähr­leis­tungs­zeit eine defi­ni­tiv defek­te Ware bei Saturn zurück zu geben, der weiß, wovon ich spre­che. Ich las­se mich in Läden nicht mehr von unmo­ti­vier­ten Hilfs­kräf­ten anmuf­feln, weil ich es wage, sie nach etwas zu fra­gen oder weil ich mei­ne Ver­brau­cher­rech­te ken­ne.

Bevor er mich des Dieb­stahls bezich­tigt, weil ich da kau­fe, wo es das Ange­bot gibt, das ich möch­te und wo das zudem auch noch deut­lich preis­wer­ter ist, soll­te der Herr Jung viel­leicht mal dar­über nach­den­ken, ob man uralte Geschäfts­mo­del­le nicht end­lich mal den Rea­li­tä­ten anpas­sen soll­te. Wer das nicht tut, der muss sich nicht wun­dern, wenn er Sams­tags ab- und Mon­tags nicht wie­der auf­schließt. Viel­leicht zeigt er mir mal einen Buch­händ­ler, bei dem ich eBooks bekom­men kann. Um genau­er zu sein: wel­che, die ich auch möch­te.

Die Schuld hier­für den Kun­den zuschus­tern zu wol­len, ist ins­be­son­de­re in die­ser dumm­dreis­ten Art eine Unver­schämt­heit – und das ist noch sehr freund­lich aus­ge­drückt. Wenn das irgend­wel­che Sym­pa­thi­en wecken soll ist es nicht nur gründ­lich dane­ben gegan­gen, son­dern däm­lich. Vom Kauf irgend­wel­cher Pro­duk­te aus dem Ver­lag des Herrn Jung wer­de ich zukünf­tig jeden­falls abse­hen. Auch als eBook.

Mann­mann­mann.

Zum Rest des Arti­kels muss man sich eben­falls kaum äußern. Wer die aktu­el­len Zah­len des Bör­sen­ver­lags zum The­ma eBooks kennt (dazu dem­nächst mehr), der weiß, dass die gesam­te Bran­che sich ver­rech­net hat, was die Stei­ge­rung der Absatz­zah­len angeht. Die sind näm­lich deut­lich höher als zuvor ange­nom­men. Trotz­dem son­dert Jung noch sol­che Wort­hül­sen ab:

Das E-Book wird es schwer haben, die Kon­kur­renz zu einem schön gemach­ten Buch aus Papier, Far­be, Leim und Fan­ta­sie zu gewin­nen

Nein, wird es nicht. Und dar­um geht es auch gar nicht, es gibt kei­nen Zwang zu ent­we­der-oder. Aber las­sen wir ihn viel­leicht bes­ser wei­ter in sei­nem Ver­lags­bü­ro am gelieb­ten Leim vom kom­pe­ten­ten Händ­ler schnüf­feln. Sonst schreibt er womög­lich noch wei­te­re sol­cher Arti­kel … wer weiß, was wir außer Die­ben noch alles sind …

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Quel­le: diepresse.de, gefun­den bei Lean­der via Cynx

Bild: Dieb von Col­le »the Goa­lie« auf flickr, CC BY-NC

AutorIn: Stefan Holzhauer

Meist harm­lo­ser Nerd mit natür­li­cher Affi­ni­tät zu Pixeln, Bytes, Buch­sta­ben und Zahn­rä­dern. Kon­su­miert zuviel SF und Fan­ta­sy und schreibt seit 1999 online dar­über.

4 Kommentare for “Rant: Du kaufst online? Gehe in das Gefängnis, begibt Dich direkt dorthin, Du Strauchdieb!”

HP

sagt:

Die Wort­wahl »Dieb« ist in der Tat ein­sei­tig, aller­dings kann ich es gut ver­ste­hen, dass Ein­zel­händ­ler sich ver­arscht füh­len, wenn Kun­den sich in aller Aus­führ­lich­keit eine Ware zei­gen las­sen (Tech­nik z.B.) und dann wegen 5 Euro den Laden ver­las­sen und online bestel­len. Lus­tig wird es vor allem dann, wenn besag­te Leu­te sich dann auf dem Berufs­weg über die vie­len LKWs ärgern, die ja »immer mehr wer­den« (wen wundert’s, die gan­zen Online-Pake­te müs­sen ja irgend­wie von A nach B).

Und was Bücher angeht: Das ist ein unsin­ni­ges Bei­spiel. Dei­ne Buch­hand­lung kann dir i.d.R. jedes Buch inner­halb 24 Stun­den besor­gen, heu­te anru­fen, mor­gen abho­len, wenn du z.B. eh in der Stadt bist. Schnel­ler sind Ama­zon & Co auch nicht, ok, beque­mer ist es viel­leicht.

Aber dann bit­te nicht über City-Ver­ödung mit 1 Euro-Shops ärgern…

Stefan Holzhauer

sagt:

Und was Bü­cher an­geht: Das ist ein un­sin­ni­ges Bei­spiel. Dei­ne Buch­hand­lung kann dir i.d.R. je­des Buch in­ner­halb 24 Stun­den be­sor­gen, heu­te an­ru­fen, mor­gen ab­ho­len, wenn du z.B. eh in der Stadt bist.

Ganz ehr­lich: ich kanns nicht mehr hören. Das stimmt ein­fach nicht. Klein­ver­lags­wa­re fin­den sie in ihren Ver­zeich­nis­sen nicht. Eng­lisch­spra­chi­ge Bücher ken­nen sie nicht oder wol­len sie mir zu hor­ren­den Prei­sen ver­kau­fen. Wenn ich am Tele­fon was vor­be­stel­len möch­te, um nicht mehr­mals in die Buch­hand­lung zu müs­sen, wis­sen sie nicht, wel­ches Buch ich suche und fra­gen nach der ISBN. Woher soll ich die denn wis­sen? Das ist deren Auf­ga­be. Die nicht erfüllt wird. eBooks? Voll­stän­di­ge Fehl­an­zei­ge. Von wegen »unsin­ni­ges Bei­spiel«.

Ich habe zudem kei­ne Lust, mich in der Buch­hand­lung wie einen Schwach­sin­ni­gen behan­deln zu las­sen, nur weil ich Phan­tas­tik lesen möch­te.

wenn Du eh in der Stadt bist.

Bin ich nicht. Wird Leu­ten, die auf dem Land woh­nen auch nicht hel­fen.

sagt:

Eine Buch­hand­lung in der ich auch E-Books kau­fen kann? Tha­lia. :)
Da gehe ich gemüt­lich in die Filia­le, suche mir ein gedruck­tes Buch aus, das zu einer Rei­he gehört, die ich im Regal ste­hen haben möch­te, set­ze mich mit einem Kaf­fee in die Sitz­ecke, lade mir die E-Books, die ich suche direkt auf mei­nen Reader und neh­me am Ende noch einen klei­nen Schnick­schnack zum Ver­schen­ken mit.
So muss Buch-Shop­ping sein, fin­de ich.

Ansons­ten ist der Arti­kel des Herrn Jung tota­ler Blöd­sinn, der nur von fort­schrei­ten­dem Rea­li­täts­ver­lust zeugt.
Die glei­che Tira­de hät­te er auch vor eini­gen Jahr­zehn­ten abson­dern kön­nen, als Kauf­häu­ser und Ket­ten die Exis­tenz der klei­nen Händ­ler bedroh­ten.

Letzt­end­lich bestimmt der Kun­de und sein Kauf­ver­hal­ten den Markt und wenn die Anbie­ter sich dem nicht anpas­sen kön­nen oder wol­len, dann ver­lie­ren sie ihre Attrak­ti­vi­tät bei den Kun­den.

Wie heißt es so schön? »Das Bes­se­re ist des Guten Tod«.

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