Die Jüngeren unter uns mögen es vielleicht nicht wissen: zu Zeiten des geteilten Deutschlands wurden Regionen in der DDR, die kein Westfernsehen empfangen konnten und deswegen auf das zensierte Staatsfernsehen angewiesen waren, als »Tal der Ahnungslosen« bezeichnet.
Heute ist in Sachen US-Fernsehserien ganz Deutschland ein Tal der Ahnungslosen. Warum? Werfen wir mal einen Blick auf eine Tabelle aus der Wikipedia, in der internationale Sendetermine der von J. J. Abrams (LOST) produzierten Serie ALCATRAZ verzeichnet wurden:
Start der Serie in den USA war am 16. Januar 2012. Bei den Arabern konnte man sie bereits drei Tage später sehen, im spanischen Pay-TV einen (!) Tag danach, im dortigen Free-TV schon am 8. Februar. Auch die anderen Sendetermine weltweit sprechen eine deutliche Sprache: wenn auch nicht zeitgleich, so konnte man die Serie in zahllosen Ländern – auch europäischen – innerhalb kürzester Zeit nach der Première im US-Fernsehen goutieren.
Nur bei uns dauert es Jahre bis zu einer Ausstrahlung.
Klar: es wird synchronisiert, weil der Großteil der deutschen Fernsehzuschauer (angeblich?) keinen Bock hat, Serien im englischen Original zu sehen. Angesichts der Absatzzahlen von Originalton-Serien in iTunes und angesichts der Downloadzahlen in Tauschbörsen und von Sharehostern kann ich nicht so recht glauben, dass hierzulande kein Markt besteht. Und dennoch: teilweise jahrelanges Warten ist die Regel (oder Serien werden gar nicht erst gezeigt).
Noch ein Beispiel gefällig?
Die Märchen-Mystery-Cop-Serie GRIMM, wurde in den USA soeben für eine zweite Staffel erneuert. Starttermin USA: 28. Oktober 2011. In Schweden bereits am 17. November 2011, Griechenland: 16. Januar 2012.
Deutschland: Wahrscheinlich irgendwann in 2012 auf VOX. Immerhin.
Man könnte diese Aufzählung beinahe endlos mit Serienneustarts der letzten Jahre fortsetzen. Die einzige Chance, eine Show zeitnah sehen zu können besteht darin, dass ein deutscher Sender daran mitproduziert (aber auch das ist keine Garantie, wie das unter Beteiligung von Pro7 realisierte DEFYING GRAVITY zeigt, das hier nie lief und auch nicht auf DVD erhältlich ist). In zahllosen über den Globus verstreuten Ländern, die nicht Englisch als Hauptsprache sprechen, ist man in der Lage, neue Serien legal kurz nach dem Start ansehen zu können.
Nur in Deutschland lebt man im Tal der Ahnungslosen …
Es wird dringend Zeit, dass jemand die Zeichen der Zeit erkennt und die Serien zu vernünftigen Preisen international übers Netz vermarktet, damit wir auf die fossilen, schnarchnasigen deutschen Fernsehsender nicht mehr angewiesen sind. Fernsehen ist ohnehin sowas von 90er.

Tabelle aus der Wikipedia, CC-BY-SA

AutorIn: Stefan Holzhauer
Meist harmloser Nerd mit natürlicher Affinität zu Pixeln, Bytes, Buchstaben und Zahnrädern. Konsumiert zuviel SF und Fantasy und schreibt seit 1999 online darüber.
6 Kommentare for “Willkommen im Tal der Ahnungslosen!”
Christoph Lühr
sagt:Moin,
grundsätzliche Zustimmung, dennoch eine kleine Anmerkung:
Die Downloadzahlen der Originalserien könnten daher stammen, das es halt keine deutsche schnelle Übersetzung gibt. Ich könte mir vorstellen, das es ne Menge Leute gibt, die eine deutsche Synchro bevorzugen würden, wenn es die gäbe. Viele meiner Freunde laden sich zusätzliche Untertitel zu den englischen Serien herunter, weil sie sonst nichts verstehen.
Stefan Holzhauer
sagt:Das ist eine akademische Diskussion, solange es keine schnelle Synchro gibt.
Von mir aus könnte ein Streaming-Anbieter auch Untertitel zur Verfügung stellen, das wäre ja deutlich schneller zu bewerkstelligen als eine Synchro. Ich finde Synchronisation zumindest bei englischen Serien überflüssig. Klappt in den Belelux-Staaten und Skandinavien auch ohne, alles eine Frage der Gewöhnung und des Wollens.
Bandit
sagt:WALKING DEAD lief in Amerika am Sonntag. Die synchronisierte (!) Version in Deutschland lief fünf Tage später. Es liegt also keineswegs an der Schnelligkeit der zu bewerkstelligenden Arbeit. Synchronistation ist daher keine Argumentationsgrundlage. Es ist die blanke Ignoranz deutscher Fernsehsender, die Deutschland zum Tal der Ahnungslosen macht.
Für viele mag das herkömmliche System des Fernsehens ausreichend sein. Aber es ist nicht das System der Zukunft. Eigentlich ist das Fernsehen wie wir es kennen, längst tot. Nur ein weltweit unüberschaubares Netz von Lobbyismus erhält dieses schon längst überholte System am Leben.
Stefan Holzhauer
sagt:Das sehe ich allerdings genau so. Es hängt noch zu viel Geld dran, das man über die verdienen kann, die nach wie vor an der Glotze kleben.
Allerdings lief THE WALKING DEAD soweit ich weiß hier im Pay-TV. Es ist oft so, dass die Serien in anderen Ländern gleich im Free-TV angeboten werden. Hierzulande ist PayTV quasi bedeutungslos, deswegen nehme ich das nicht als Kriterium mit rein.
Wenn mir allerdings ein PayTV-Sender die Genre-US-Serien am Tag nach der US-Ausstrahlung anbieten könnte, würde ich dafür tatsächlich bezahlen.
Ich, wer sonst
sagt:Ich habe gar keinen Fernseher
Ich halte die Diskussion mittlerweile für sehr müssig, ist das Verhalten der Sender nicht erst seit heute oder gestern ein ständiges Ärgernis. Das Verhalten der Streaming-Dienste betrachte ich genauso. Insofern erwarte ich nichts von all diesen Anbieter und kann also auch nicht enttäuscht werden.
Anders sehe ich es aber in Bezug auf DVD/ Blueray und die diversen Regionalcodes, diese sind ein deutliches Hindernis, das obendrein anachronistisch ist. Es ist kein Hindernis mehr irgendwo auf der Welt eine DVD zu bestellen, daher erwarte ich auch das diese Codes bald fallen und auf Erscheinungen in Deutschland warte ich schon lange nicht mehr.
Diese Reihe ließe sich sicherlich noch einige Zeit weiterführen, der Kern des Problems ist der gleiche wie bei der MI, sie wollen schnell und viel Geld verdienen und der Kunde soll einfach nur zahlen und die »Klappe« halten. So erobert man keinen Markt und schon gar keine Kunden, geschweige denn, dass man damit der »Raubkopiermörder«-Problematik gerecht wird.
In diesem Sinne trotzdem ein genussreiches Wochende. ;-)
Stefan Holzhauer
sagt:Bei 70 % der aktuell angebotenen BluRays wird von den Anbietern auf eine Verwendung von Regionalcodes verzichtet, Tendenz steigend.
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