Vor ein paar Monaten war das Medienecho groß, als herauskam, dass eine Liste mit deutschsprachigen SF-Autorinnen bei Wikipedia verhindert werden sollte. Sogar Team Böhmermann berichtete im Neo Magazin Royale (Sendung vom 18. April). Statt solch interessanter Listen werden bei den Wikis z. B. Listen mit Schiffen namens »Amazone« veröffentlicht (denn alle Frauen sind Amazonen). Seltsame Menschen mit seltsamen Ansichten beherrschen scheinbar größere Teile der Wikipediawelt und nehmen dabei Einfluss auf das, was gewusst werden darf.
Dank Google & Co. haben sie gute Aussicht auf Erfolg. Denn Wikipedia ist relevanter Teil vieler Algorithmen des Silicon Valley. Schließlich wissen die Herren bei Wikipedia – wie jeder gute Zensor -, dass öffentliche Meinung nur gebildet werden kann, wenn die Menschen Zugang zu Informationen erhalten. Wer nicht weiß, dass deutschsprachige SF-Autorinnen existieren, möchte auch nichts von ihnen lesen. Oder über sie.
Als Argument führen sie dabei immer wieder »Relevanz« an. Es sei nicht relevant, eine Liste mit Amazonen, Frauen zu führen, die nur in Kleinverlagen publizieren. Schon beim ersten Blick auf die Liste entdeckt man jedoch Namen wie Sibylle Berg, Zoë Beck oder Myra Çakan. Alles gestandene Autorinnen, die bei bekannten Verlagen publizieren. Die Frage »was ein Verlag sei« wurde in den internen Diskussionen bei Wikipedia daher offenbar nur mit dem Hintergedanken gestellt, die Kleinverlagsszene zu diskreditieren. Manche Herren meinten nämlich, ein Kleinverlag sei nun überhaupt kein Verlag. Aha. Und warum heißt er dann Verlag? Und warum macht er genau das, was ein Verlag machen sollte, nämlich Bücher herausbringen? Doch vor dieser Diskussion fürchteten sich die tapferen Ritter des männlichen Wissens, wichen aus, flüchteten sich in Relevanz.
»Relevanz (lat./ital.: re-levare »[den Waagebalken, eine Sache] wieder bzw. erneut in die Höhe heben«) ist eine Bezeichnung für die Bedeutsamkeit und damit sekundär auch eine situationsbezogene Wichtigkeit, die jemand etwas in einem bestimmten Zusammenhang beimisst« (Quelle: Wikipedia).
Für die Ersteller(innen) der Liste war es offensichtlich von Relevanz, einen Einblick in die Schaffenskraft deutschsprachiger Sciencefiction-Autorinnen zu geben. Für einige Wikipedia-Herren schien es dagegen nur zu relevant, dies zu verhindern. Die Frage ist: Welche Seite besaß mehr Relevanz? Nun muss ich die Herren leider enttäuschen, denn etwas zu verhindern ist leider nicht relevant, denn es hebt keine Sache in die Höhe, wie es oben so schön heißt, sondern reißt sie in die Tiefe.
Man darf also mit Recht fragen, was das alles soll. Sollte Wikipedia nicht eine freie Enzyklopädie sein, in der Wissen zu allen Bereichen der Gesellschaft jedermann und jeder Frau zur Verfügung steht? Sollte es nicht von Relevanz sein, diesen Leitsatz zu verfolgen und jede/n einzubinden, der/die mitmachen möchte? Die Realität schiebt leider auch hier so manchen Riegel vor (man ist fast geneigt zu denken, die Realität habe etwas Männliches).
Lange Rede, kurzer Sinn:
Es bleibt zu hoffen, dass ein Umdenken stattfindet; dass eine Schar von intellektuellen Amazonen sich den Weg zur Wikipedia-Macht freikämpft und dort Artikel publiziert, Ideen anstößt, Dinge verändert. Denn so, wie es jetzt ist, kann es ja wohl nicht bleiben.
Lasst uns daher gemeinsam dafür sorgen, dass wir von freien Frauen mit Insiderwissen versorgt werden, statt eine nahezu frauenfreie Zone zum gesellschaftlichen Online-Standard zu erklären.
(Dieser Text erschien ursprünglich auf Sven Klöppings Seite sternwerk.net)
Bild »Adminpedia« von Verwüstung, aus der Wikipedia, CC BY-SA
Verständnisfrage *, gibt es eine Liste bei Wikipedia die männliche Autoren von deutschen Klein- und Kleinstverlagen auflistet?
Sollte das nicht der Fall sein, sehe ich hier eher eine Aktion gegen diese kleinen Verlage und Selbstverleger (jedes Geschlechts) als eine gezielte Aktion gegen Frauen. Bei den Frauen wäre es in dem Fall es nur aufgefallen, weil dort eher auf sowas geachtet wird.
Eine Diskriminierung wäre es auf jeden Fall, sollte es Listen von Autoren großer Verlage geben aber die Art und die Stoßrichtung wäre anders.
*kenne mich im da nicht so aus, habe keine Ahnung wie eine effektive Suchanfrage zu dem Thema ausehen müsste
Bei Autoren gilt die Regel »zwei Verlagsveröffentlichungen« (die an sich auch schon bekloppt ist, warum reicht nicht eine?). Dass Kleinverlage keine Verlage sind wurde in der Diskussion um die Liste von SF-Autorinnen schnell dazu erfunden, um sie verhindern zu können.
Das hat nicht geklappt, allerdings wird jetzt Autorinnen ein eigener Artikel verweigert, wenn sie »nur« in Kleinverlagen veröffentlichen. Definieren was genau ein Verlag ist wollten die Wissensverhinderer in der deutschen Wikipedia allerdings auch nicht. Kein Wunder …
Ob bei Autoren auch so ein überflüssiger Bohei gemacht wird weiß ich nicht, es fehlen allerdings jegliche Anhaltspunkte dass es so ist.
Ein weiterer Punkt bei dem ganzen Dilemma ist, dass die Wissensverweigerer Selfpublisher°Innen kategorisch ablehnen und damit weit abseits der Realität des Jahres 2019 agieren.
Zur Ergänzung, gerade ‘gefunden’ und gelesen: https://t3n.de/news/wikipedia-loescht-frauen-kultur-1181737/