Kommentar: AMC und Universal verkürzen Kino-Erstauswertungsfenster drastisch

COVID-19 macht Din­ge mög­lich, um die jah­re­lang ver­geb­lich gerun­gen wur­de. Bis­her hat­ten Kino­be­trei­ber auf einem ca. drei­mo­na­ti­gen Erst­aus­wer­tungs­fens­ter (das unter­schei­det sich in Details von Land zu Land) für Fil­me beharrt und waren auch nicht davon abzu­brin­gen. »Erst­aus­wer­tung­fens­ter« bedeu­tet, dass Fil­me so lan­ge im Kino lau­fen müs­sen und nicht als Stream oder als Kon­ser­ve erhält­lich sein dür­fen.

Der größ­te Kino­be­trei­ber AMC hat jetzt mit Uni­ver­sal einen Deal geschlos­sen, nach dem  das Erst­aus­wer­tungs­fens­ter zukünf­tig nur noch 17 Tage lang ist. Und das nach­dem AMC zuletzt noch groß rum­ge­tönt hat­te, so etwas wer­de es nicht geben

Ist das ein Damm­bruch? Ver­mut­lich eher nicht, denn Uni­ver­sal hat in letz­ter Zeit nicht eben die Block­bus­ter am Start (des­we­gen ist es noch ver­wun­der­li­cher, dass AMC ein­ge­knickt ist). Dis­ney ver­leiht sei­ne Fil­me selbst und hat eben­falls bereits begon­nen, Film statt im Kino auf dem haus­ei­ge­nen Strea­ming­dienst Dis­ney+ aus­zu­wer­ten, HAMILTON ist ein aktu­el­les Bei­spiel. Ande­re Stu­di­os hal­ten sich noch bedeckt.

Ist das das Ende des Kinos? Schwer zu sagen aber mög­li­cher­wei­se nicht. Aktu­ell schrei­ben die Ver­lei­her den Kinos bei Block­bus­tern wie Mar­vel-Fil­me vor, wie lan­ge die in wel­chen Sälen zu lau­fen haben. Mög­li­cher­wei­se schafft eine Abkehr vom drei­mo­na­ti­gen Erst­aus­wer­tungs­fens­ter Platz für ande­re und mehr Fil­me als bis­her. Die Fra­ge ist dann halt, ob die­se nicht-Block­bus­ter ein Publi­kum fin­den, oder ob das ohne­hin in gro­ßer Zahl nur für gigan­to­ma­ni­sches Pop­corn­ki­no in die Licht­spiel­häu­ser eilt. Und dann stellt sich die Fra­ge, ob die­se Block­bus­ter nicht ohne­hin nach zwei Wochen abge­früh­stückt sind, wenn in aller Regel inten­siv auf das Start­wo­chen­en­de geschielt wird. Wie groß ist der Wil­le der Kino­be­su­cher, sich das Erleb­nis mit gro­ßer Lein­wand zu geben, wenn sie den Film ohne­hin drei Wochen spä­ter im Heim­ki­no sehen kön­nen, wo man für Bier und Pop­corn kei­ne Bank über­fal­len muss und wo kei­ne lär­men­den Dep­pen die Vor­stel­lung stö­ren …

… und wo der­zeit auch kei­ne Coro­na­vi­ren durch die kli­ma­ti­sier­te Kino­luft tru­deln …

Wir leben in den 20er Jah­ren des 21. Jahr­hun­derts und die Digi­ta­li­sie­rung erreicht alle Win­kel unse­rer Gesell­schaft, auch wenn sich man­che Prot­ago­nis­ten mit Hän­den und Füßen dage­gen weh­ren und an über­kom­me­nen Geschäfts­mo­del­len fest­hal­ten wol­len (und damit mei­ne ich nicht ein­mal in ers­ter Linie die Kinos). Aber die Ent­wick­lun­gen las­sen sich nicht auf­hal­ten und auch nicht wie­der zurück­fah­ren, erst recht nicht in Zei­ten einer Pan­de­mie. Des­we­gen ist es mei­ner Ansicht nach unaus­weich­lich, dass  es zu sol­chen Ände­run­gen kommt und wei­ter kom­men wird.

Ich bin – und das habe ich immer wie­der gesagt – aus­ge­wie­se­ner Kino­fan, der das Spek­ta­kel im Licht­spiel­haus genießt. Und wür­de des­we­gen bedau­ern, wenn Kinos schlie­ßen müs­sen. Tat­säch­lich glau­be ich aller­dings nicht dar­an, dass eine Ver­kür­zung des Erst­aus­wer­tungs­fens­ters der­art dras­ti­sche Fol­gen haben wird. Denn wer Kino hasst war­tet ohne­hin auf die Kon­ser­ve oder sucht sich den Film in einer Tausch­bör­se der eige­nen Wahl. Wenn wie ange­kün­digt Tei­le der Ein­nah­men aus einer ange­kün­dig­ten Pre­mi­um-Film­platt­form den Kino­be­trei­ber zugu­te kom­men wer­den, wie es ange­dacht ist, dann könn­te das mög­li­cher­wei­se zu ganz neu­en Ideen bei den Kino­be­trei­ber füh­ren, die nicht mehr nur dar­auf ange­wie­sen sind, den nächs­ten Dis­ney-Block­bus­ter zu Kne­bel­kon­di­tio­nen zu zei­gen. Viel­leicht lässt man sich in Zukunft ja doch mal dazu her­ab, Net­flix-Pre­mie­ren im Kino zu zei­gen, Indie-Pro­duk­tio­nen eine Chan­ce zu geben, oder Twitch-Streams in den gro­ßen Saal zu brin­gen. Viel­leicht gibt es dafür ein zah­len­des Publi­kum. Viel­leicht auch nicht, aber das wäre zumin­dest mal Expe­ri­men­te wert.

ich gehe davon aus, dass wei­te­re Stu­di­os ähn­li­che Deals abschlie­ßen wer­den, denn die haben ein Inter­es­se dar­an, ihre auf Hal­de lie­gen­den Film ans Publi­kum zu bekom­men. Und wenn man sich die Lage in den USA so ansieht, dann kann man davon aus­ge­hen, dass die Kinos dort so schnell nicht wie­der öff­nen wer­den. Inzwi­schen denkt man sogar bereits laut dar­über nach, die Strei­fen in Län­dern mit gemä­ßig­ter COVID-Lage und geöff­ne­ten Kinos zuerst zu zei­gen – mög­li­cher­wei­se Mona­te vor der US-Erst­aus­wer­tung. Das dürf­ten die US-Film­fans mög­li­cher­wei­se auch nicht eben gnä­dig auf­neh­men, da dürf­te den Ent­schei­dern mög­li­cher­wei­se lie­ber sein, die Fil­me über eine Pre­mi­um Video-On-Demand-Platt­form zu ver­mark­ten.

p.s.: [Update] Die Ver­öf­fent­li­chung als VoD ist kein Natur­ge­setz. Es ist gut denk­bar, dass die Stu­di­os abwar­ten, wie stark die Fil­me an den Kino­kas­sen nach zwei Wochen noch lau­fen und dann evtl. den Strea­ming­start ver­schie­ben. Es bleibt auch abzu­war­ten, ob die Kun­den bereit sind, die ange­dach­ten 20 Dol­lar für den Stream zu zah­len. Für eine Fami­lie ist das ver­gleichs­wei­se güns­tig. Für Ein­zel­per­so­nen nicht.

Stefan Holzhauer

AutorIn: Stefan Holzhauer

Meist harm­lo­ser Nerd mit natür­li­cher Affi­ni­tät zu Pixeln, Bytes, Buch­sta­ben und Zahn­rä­dern. Kon­su­miert zuviel SF und Fan­ta­sy und schreibt seit 1999 online dar­über.

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