Kommentar: Kulturkampfminister Weimer eskaliert – jetzt kommen Gesinnungslisten

Wolfram Weimer mit "Durchfahrt Verboten"-Verkehtrsschild über Gesicht

Ich habe hier bereits mehr­fach über die anti­de­mo­kra­ti­schen Machen­schaf­ten von Kul­tur­staats­mi­nis­ter Wolf­ram Wei­mer berich­tet, der Buch­hand­lun­gen vom Deut­schen Buch­hand­lungs­preis aus­schloss und deren Betrei­ber dabei auch noch anlog. Aber der Mann macht wei­ter – und das auf eine Art und Wei­se, die nun auch die Jury des Haupt­stadt­kul­tur­fonds (HKF) zu einer Aus­sa­ge ver­an­lasst hat.

In einem am gest­ri­gen Don­ners­tag ver­öf­fent­lich­ten State­ment wen­det sich die HKF-Jury vehe­ment gegen das, was sie als poli­ti­sche Ein­mi­schung in die Arbeit unab­hän­gi­ger Fach­ju­rys bezeich­net. Wei­mers Name fällt dar­in nicht, aber der Bezug ist unmiss­ver­ständ­lich, ins­be­son­de­re weil der Spie­gel zuvor berich­te­te, dass Wei­mer womög­lich die Mit­glie­der sämt­li­cher Jurys im Bereich der Kul­tur­för­de­rung sys­te­ma­tisch in Lis­ten erfas­sen möch­te, um ihre Gesin­nung zu prü­fen. Man las­se sich das auf der Zun­ge zer­ge­hen: Wir reden hier nicht mehr nur über drei Buch­hand­lun­gen. Wir reden von einem sys­te­ma­ti­schen Ver­such, die gesam­te Kul­tur­för­de­rungs­land­schaft Deutsch­lands unter poli­ti­sche Kon­trol­le zu brin­gen. Wer in einer Jury sitzt, soll offen­bar künf­tig mit Ver­fas­sungs­schutz­über­prü­fung rech­nen müs­sen.

Die HKF-Jury for­mu­liert das in ihrem State­ment klar: Sol­che Ein­grif­fe scha­de­ten nicht nur den Ver­fah­ren, son­dern auch den Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­den selbst – sie erzeug­ten Ein­schüch­te­rung, beschä­dig­ten die Glaub­wür­dig­keit öffent­li­cher Kul­tur­för­de­rung und schaf­fen einen gefähr­li­chen Prä­ze­denz­fall. Unab­hän­gi­ge Jurys sei­en kein sym­bo­li­sches Bei­werk, son­dern ein insti­tu­tio­nel­ler Schutz der Kunst­frei­heit nach Art. 5 Abs. 3 Grund­ge­setz. Voll­kom­men rich­tig. Per­sön­lich möch­te ich hin­zu­fü­gen, dass das geeig­net ist, die Demo­kra­tie nach­hal­tig zu beschä­di­gen oder gar abzu­schaf­fen. Ist das der feuch­te Traum des par­tei­lo­sen (aber offen­bar äußerst reak­tio­nä­ren) Wei­mer und sei­ner Freun­de aus CDU und CSU? Und war­um ver­hält sich die SPD so bemer­kens­wert bedeckt hier­zu? Ist sie wirk­lich nur noch der devo­te poli­ti­sche Wurm­fort­satz der regie­ren­den CxU?

Der Deutsch­land­funk berich­tet der­weil über ein wach­sen­des Kli­ma der Angst und zuneh­men­de Selbst­zen­sur in der deut­schen Kul­tur­sze­ne, eine direk­te Fol­ge von Wei­mers Agie­ren. Das ist kei­ne Über­trei­bung. Wei­mer, der sich frü­her selbst gern als Ver­fech­ter der Mei­nungs­frei­heit insze­nier­te, schafft mit sei­nem Vor­ge­hen – erst die Gesin­nung prü­fen, dann ent­schei­den – das genaue Gegen­teil. Eine Inter­view-Anfra­ge der ARD zu den Vor­wür­fen hat er abge­lehnt, recht­fer­ti­gen möch­te er sich und sein ver­hal­ten dem­nach nicht. Sein Minis­te­ri­um teilt statt­des­sen nur vage mit, man wol­le sich mit den Lis­ten »einen Über­blick ver­schaf­fen«. Wor­über genau, sagt man nicht – und das hal­te ich für vor­sich­tig aus­ge­drückt über­aus beun­ru­hi­gend. Unvor­sich­tig aus­ge­drückt trägt es mei­ner Mei­nung nach ein­deu­tig faschis­ti­sche Züge, denn Gesin­nungs­lis­ten ken­nen wir aus dem Drit­ten Reich.

Das Mus­ter ist klar und hat sich durch Wei­mers Amts­zeit kon­se­quent durch­ge­zo­gen: Zuerst die Ber­li­na­le-Lei­tung unter Druck set­zen, dann drei Buch­hand­lun­gen aus dem Buch­hand­lungs­preis strei­chen, danach die gesam­te Preis­ver­lei­hung absa­gen – und die Buch­hand­lun­gen dabei noch anlü­gen, dass die Jury sie nicht gewählt habe, obwohl das Gegen­teil der Fall war. Und jetzt: Lis­ten der »Gesin­nun­gen« aller Jury­mit­glie­der aller Kul­tur­för­de­run­gen anle­gen las­sen. Wo fach­lich begrün­de­te Jury­ent­schei­dun­gen durch ein­sei­ti­ge poli­ti­sche Ein­grif­fe ersetzt wür­den, wer­de ein zen­tra­les demo­kra­ti­sches Prin­zip beschä­digt, sagt die HKF-Jury. Ver­fah­rens­si­cher­heit, Trans­pa­renz und öffent­li­ches Ver­trau­en wür­den nach­hal­tig beschä­digt, wäh­rend die Plu­ra­li­tät auf blo­ße demo­kra­ti­sche Deko­ra­ti­on redu­ziert wer­de.

Das ist nicht Kul­tur­po­li­tik. Das ist Kul­tur­kampf von oben. Und wir soll­ten uns als Zivil­ge­sell­schaft ganz ent­schie­den dage­gen stel­len.

Solan­ge wir noch kön­nen.

Denn wir sind auf dem bes­ten Weg dort­hin, wo sich die USA unter Trump bereits befin­det.

Bild Wei­mer By Mar­tin Rulsch, Wiki­me­dia Com­mons, CC BY-SA 4.0, CC BY-SA 4.0, https://​com​mons​.wiki​me​dia​.org/​w​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​c​u​r​i​d​=​1​6​4​7​8​2​033