Kommentar: Kulturstaatsminister Weimer und der Buchhandlungspreis – Trump-Methoden

Wolfram Weimer

Kul­tur­staats­mi­nis­ter Wei­mer ist bereits in der Ver­gan­gen­heit mit frag­wür­di­gen und strunz­kon­ser­va­ti­ven Aktio­nen auf­ge­fal­len, wenn er bei­spiels­wei­se För­de­run­gen für Kul­tur­stät­ten in Fra­ge stellt, die ihm nicht in sein reak­tio­nä­res Welt­bild pas­sen. Doch sei­ne neus­te Pos­se fliegt ihm glück­li­cher­wei­se gera­de um die Ohren, denn sie ist in mei­nen Augen nicht halt­bar und vor allem demo­kra­tie­zer­set­zend, weil sie die Mei­nungs­plu­ra­li­tät in Fra­ge stellt.

In einer reich­lich pein­li­chen Ein­mi­schung in die Durch­füh­rung des Deut­schen Buch­hand­lungs­prei­ses hat Kul­tur­staats­mi­nis­ter Wolf­ram Wei­mer (offi­zi­ell par­tei­los, aber poli­tisch offen­bar weit rechts) drei Buch­hand­lun­gen die Teil­nah­me ver­wehrt, weil sie ihm nicht nur »zu links«, son­dern angeb­lich sogar »links­extre­mis­tisch« sind. Man las­se sich das auf der Zun­ge zer­ge­hen, ein Kul­tur­staats­mi­nis­ter erklärt im Prin­zip die Mei­nungs­frei­heit für been­det. Und möch­te erneut das Nar­ra­tiv des Links­extre­mis­mus bedie­nen, obwohl das völ­li­ger Unsinn ist, denn längst nicht jede, die links ist, ist des­we­gen auch gleich links­extrem. Das ist aus­schließ­lich ein Mär­chen, das uns Rech­te bis weit Rech­te – ins­be­son­de­re aus kon­ser­va­ti­ven Par­tei­en – immer wie­der vor­be­ten wol­len, um Lin­ke zu dis­kre­di­tie­ren und um den Dia­log und die Gesell­schaft mit vol­ler Absicht und aus nahe­lie­gen­den Beweg­grün­den nach rechts zu ver­schie­ben.

Betrof­fen sind der Buch­la­den zur schwan­ken­den Welt­ku­gel in Ber­lin, The Gol­den Shop in Bre­men und Rote Stra­ße in Göt­tin­gen, übri­gens alle­samt Läden, die von Vor­gän­gern des der­zei­ti­gen Kul­tur­staats­mi­nis­ters für ihre Arbeit gewür­digt wur­den.

Ein Spre­cher der Bun­des­re­gie­rung phan­ta­siert etwas davon, dass man »Extre­mis­mus in jeder Form und ent­schlos­sen« begeg­nen wol­le. Dass das ange­sichts der beschul­dig­ten Läden an Lächer­lich­keit kaum noch zu über­bie­ten ist, ist offen­sicht­lich. Und belegt erneut mei­ne Aus­sa­ge von oben, dass hier ein­deu­tig der Ver­such statt­fin­det, zu dis­kre­di­tie­ren und die Gesell­schaft mit fal­schen Anschul­di­gun­gen nach rechts zu ver­schie­ben. Vor­ge­scho­ben wer­den »ver­fas­sungs­schutz­re­le­van­te Erkennt­nis­se«, ohne jedoch irgend­wel­che Details zu nen­nen (vor­ge­scho­ben als Grund, dass kei­ne Details genannt wer­den, sei »Geheim­nis­schutz«, lächer­lich), sowie ein umstrit­te­ner Erlass aus dem Jahr 2017, der bis­lang auf den Kul­tur­be­reich kei­ne Anwen­dung fand. Das soge­nann­te »Haber-Ver­fah­ren« wird seit 2004 vom Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um ange­bo­ten und soll ver­hin­dern, dass Extre­mis­ten staat­li­che För­der­gel­der erhal­ten – hat Dob­rindt also auch noch sei­ne Fin­ger im Spiel? Jurist°innen und Datenschützer°Innen kri­ti­sie­ren das Ver­fah­ren seit Jah­ren als recht­lich pro­ble­ma­tisch. Es gibt Zwei­fel an der Ver­ein­bar­keit mit Daten­schutz- und Grund­rech­ten, wei­ter­hin fehlt eine kla­re gesetz­li­che Grund­la­ge.  Man muss den Ein­druck gewin­nen, dass Bun­des­re­gie­rung und Wei­mer in bei­na­he ver­zwei­felt anmu­ten­der Wei­se nach Grün­den für den Aus­schluss gesucht haben – und sei­en sie auch noch so faden­schei­nig.

Außer­dem:

Wenn der „Ver­dacht auf Extre­mis­mus“ als Mit­tel dient, um intrans­pa­ren­te und nicht über­prüf­ba­re Kri­te­ri­en als Begrün­dung für ein sol­ches Ver­bot anzu­wen­den, das letzt­lich dazu bei­trägt, Kul­tur als angeb­lich untrag­bar zu dis­kre­di­tie­ren, die nicht mit Regie­rungs­in­ter­es­sen zusam­men­passt, dann erin­nert das ein­deu­tig an dun­kels­te Pha­sen der deut­schen Geschich­te. Weh­ret den Anfän­gen!

Und man kann zudem ganz klar Par­al­le­len zum Ver­hal­ten der Trump-Regie­rung in den USA zie­hen, die eben­falls ver­su­chen, poli­ti­sche Geg­ner als lin­ke Ter­ro­ris­ten zu ver­leum­nden. So weit ist es jetzt also in Deutsch­land schon gekom­men, dass  kon­ser­va­ti­ve Poli­ti­ker Jurys aus dem Kul­tur­be­reich vor­schrei­ben wol­len, wen die­se aus­zeich­nen dür­fen und wen nicht.

Unse­re Demo­kra­tie ist in Gefahr. Und wie wir immer öfter fest­stel­len müs­sen, nicht nur durch gesi­chert Rechts­ra­di­ka­le wie die AfD, son­dern auch durch ver­meint­li­che Volks­par­tei­en der Mit­te, die sich mehr und mehr am rech­ten Rand anbie­dern und den demo­kra­ti­schen Boden offen­bar ver­las­sen möch­ten. Im ver­zwei­fel­ten Ver­such, am rech­ten Rand zu fischen und AfD und Co ihre Wäh­ler wie­der abzu­neh­men, obwohl es sogar wis­sen­schaft­lich belegt ist, dass das nicht funk­tio­niert, son­dern sogar im Gegen­teil zu mehr Akzep­tanz der extre­men Rech­ten führt. Aber als Steig­bü­gel­hal­ter hat die CDU auf­grund ihrer Geschich­te bekann­ter­ma­ßen Erfah­rung.

Sogar der sonst eben­falls als eher kon­ser­va­tiv bekann­te Bör­sen­ver­ein des Deut­schen Buch­han­dels äußert sich kri­tisch zu Wei­mers rech­ten Aus­fäl­len:

Das Prüf­ver­fah­ren und die Ergeb­nis­se blei­ben für die Betrof­fe­nen geheim und sind somit nicht anfecht­bar. Die Wür­di­gung der kul­tu­rel­len Leis­tung einer Buch­hand­lung von einer etwa­igen poli­ti­schen Aus­rich­tung ihres Sor­ti­ments abhän­gig zu machen, leh­nen wir grund­sätz­lich ab.

Auch ande­re Prot­ago­nis­ten der Buch­bran­che posi­tio­nie­ren sich deut­lich, bei­spiels­wei­se der renom­mier­te Ver­lag Kie­pen­heu­er und Witsch:

Mit Sor­ge betrach­ten wir den intrans­pa­ren­ten Ein­griff des BKM bei der Ver­ga­be des Deut­schen Buch­hand­lungs­prei­ses und die dar­aus fol­gen­de Stig­ma­ti­sie­rung drei­er Buch­hand­lun­gen. Dass sie ohne Anga­be von Kri­te­ri­en und Grün­den von der Lis­te der Preis­trä­ger gestri­chen wer­den, ist nicht akzep­ta­bel. Wir erwar­ten eine Auf­klä­rung sei­tens des BKM @bundeskultur

Und auch ansons­ten ist die Reso­nanz von Ver­la­gen, Autor°Innen und poli­ti­schen Akteu­ren völ­lig zu recht und dan­kens­wer­ter­wei­se äußert kri­tisch, denn hier wer­den völ­lig inak­zep­ta­ble Prä­ze­denz­fäl­le geschaf­fen, indem in uner­träg­li­cher, demo­kra­tie­zer­set­zen­der Wei­se unbe­que­me Akteu­re als extre­mis­tisch geframed wer­den sol­len. Das ist nicht nur lächer­lich, das ist zudem poli­tisch brand­ge­fähr­lich, denn wenn auf die­sem Weg für Kon­ser­va­ti­ve unbe­que­me Mei­nun­gen und poli­ti­sche Akteu­re dis­kre­di­tiert wer­den sol­len, dann sind wir auf dem bes­ten Weg zu Zustän­den, wie sie in den USA herr­schen.

Möch­te die Bun­des­re­gie­rung das wirk­lich?

Als Zivil­ge­sell­schaft soll­ten wir uns sol­chen poli­ti­schen Machen­schaf­ten aus dem kon­ser­va­ti­ven Lager drin­gend und deut­lich ent­ge­gen stel­len.

Ach ja:

sind die Web­sei­ten der drei Buch­lä­den. Wäre doch scha­de, wenn dort plötz­lich Bücher und/​oder Gut­schei­ne in rau­en Men­gen bestellt wer­den wür­den, oder?

[edit 20260305–11:02:] Die Buch­hand­lung Schmitz in Essen hat den Buch­hand­lungs­preis auf­grund der Wei­mer-Machen­schaf­ten abge­lehnt.

»Ein mas­si­ver poli­ti­scher Ein­griff in unse­re Frei­heit«
»Die Glaub­wür­dig­keit die­ses Prei­ses hat für mich kei­ne Bedeu­tung mehr«

Bild Wei­mer By Mar­tin Rulsch, Wiki­me­dia Com­mons, CC BY-SA 4.0, CC BY-SA 4.0, https://​com​mons​.wiki​me​dia​.org/​w​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​c​u​r​i​d​=​1​6​4​7​8​2​033

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies und von eingebundenen Skripten Dritter zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest (Navigation) oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst Du Dich damit einverstanden. Dann können auch Cookies von Drittanbietern wie Amazon, Youtube oder Google gesetzt werden. Wenn Du das nicht willst, solltest Du entweder nicht auf "Akzeptieren" klicken und die Seite nicht weiter nutzen, oder Deinen Browser im Inkognito-Modus betreiben, und/oder Anti-Tracking- und Scriptblocker-Plugins nutzen.

Mit einem Klick auf "Akzeptieren" werden zudem extern gehostete Javascripte freigeschaltet, die weitere Informationen, wie beispielsweise die IP-Adresse an Dritte weitergeben können. Welche Informationen das genau sind liegt nicht im Einflussbereich des Betreibers dieser Seite, das bitte bei den Anbietern (jQuery, Google, Youtube, Amazon, Twitter *) erfragen. Wer das nicht möchte, klickt nicht auf "akzeptieren" und verlässt die Seite.

Wer wer seine Identität im Web schützen will, nutzt Browser-Erweiterungen wie beispielsweise uBlock Origin oder ScriptBlock und kann dann Skripte und Tracking gezielt zulassen oder eben unterbinden.

* genauer: eingebettete Tweets, eingebundene jQuery-Bibliotheken, Amazon Artikel-Widgets, Youtube-Videos, Vimeo-Videos

Schließen