HITCHCOCK verliert gegen THE GIRL

Ent­we­der war es wie­der ein­mal purer Zufall, oder es gab einen ganz Schlau­en bei HBO. Da die Stu­dio-Müh­len merk­lich lang­sa­mer malen, und bei Fern­seh­pro­duk­tio­nen wesent­lich schnel­ler reagiert wer­den kann, ist Letz­te­res zu ver­mu­ten. Von HITCH­COCKs Dreh­buch­än­de­run­gen ist soviel bekannt, dass der Schwer­punkt schließ­lich auf die Bezie­hung zwi­schen Hitch­cock und sei­ner Frau Alma Reville ver­legt wur­de. THE GIRL hin­ge­gen the­ma­ti­siert ganz klar die patho­lo­gi­sche Fixie­rung des Regis­seurs auf sei­ne bevor­zugt blon­den Dar­stel­le­rin­nen. Da Ste­phen Rebel­los Buch bereits seit 2005 zur Ver­fil­mung anstand, könn­ten BBC und HBO-Films bei Donald Spo­tos umstrit­te­nem Buch von 2009 ent­spre­chend reagiert haben, um Fox letzt­end­lich eine lan­ge Nase zu zei­gen. Soll­te erwähn­te Ände­rung bei der Fox-Ver­fil­mung tat­säch­lich auf HBOs Pro­duk­ti­on zurück­zu­füh­ren sein, dann haben die Gewal­ti­gen äußerst geschickt reagiert. Denn Rebel­los Buch the­ma­ti­siert eigent­lich die Ent­ste­hung und Dreh­ar­bei­ten von PSYCHO selbst, wäh­rend Gwy­neth Hug­hes’ Dreh­buch die besag­ten Dreh­ar­bei­ten dazu nutzt, um die Bezie­hung des Paa­res Hitch­cock zu betrachten.

HITCHCOCK: Getrie­ben und gequält vom Erfolg des UNSICHTBAREN DRITTEN, möch­te der Mas­ter of Sus­pen­se film­the­ma­tisch eine ganz ande­re Rich­tung ein­schla­gen, um Ver­glei­chen mit sich selbst aus dem Weg zu gehen. Er ent­schei­det sich gegen jede Ver­nunft und dem Ansin­nen der Stu­dio-Bos­se für Robert Blochs Roman PSYCHO, der wider­um vom Seri­en­mör­der Ed Gein inspi­riert war. Sei­ne Frau Alma Reville fühlt sich bei die­sem Pro­jekt aller­dings etwas ver­nach­läs­sigt, hat sie bei ein paar frü­he­ren Wer­ken des Meis­ters doch schon selbst Dreh­bü­cher ver­fasst. Zwar darf sie Joseph Ste­fa­nos Skript immer wie­der über­ar­bei­ten, fühlt sich sonst aber unter­for­dert. Zudem zeigt sie sich genervt von der unver­hoh­le­nen Fixie­rung ihres Man­nes auf die Dar­stel­le­rin­nen Janet Leigh und Vera Miles. Sie beschließt, den glück­lo­sen Whit­field Cook bei einem Dreh­buch zu unter­stüt­zen, und da er ihr eben­so unver­hoh­len Avan­cen macht, fühlt sich Alma in sei­ner Gegen­wart end­lich wie­der als begehr­te Frau. Doch Hitch hat ein gro­ßes Pro­blem mit ande­ren Män­nern neben »sei­nen« Frau­en. Dies, der stän­di­ge Druck durch die Stu­dio­lei­tung, und die Angst vom Ver­sa­gen der Geschich­te stellt die Pro­duk­ti­on von PSYCHO auf eine har­te Probe.

THE GIRL: Drei Jah­re spä­ter. Nach dem sen­sa­tio­nel­len Erfolg von PSYCHO, sieht sich Alfred Hitch­cock unver­wund­bar. Er will die Schock­mo­men­te von PSYCHO über­bie­ten und macht Daph­ne Du Mau­riers Buch THE BIRDS zu sei­nem neu­en Pro­jekt. Weil sie die Vor­lie­ben ihres Man­nes kennt, macht ihn Alma auf einen Wer­be­spot mit dem Model Tip­pi Hed­ren auf­merk­sam. In Almas Augen das per­fek­te Hitch­cock-Gesicht. Der Regis­seur ver­pflich­tet die Unbe­kann­te auch tat­säch­lich, aller­dings kann er sein bis­her stets unter­drück­tes Ver­lan­gen gegen­über den vor­an­ge­gan­ge­nen Haupt­dar­stel­le­rin­nen bei Hed­ren nicht mehr beherr­schen. Für ihre deut­li­che Zurück­wei­sung muss sie aller­dings schmerz­haf­tes und leid­vol­les Lehr­geld bezahlen.

HITCHCOCK gelingt ein sehr schö­ner Ein­blick in die Her­an­ge­hens- und Arbeits­wei­se der Regie-Iko­ne, der vor allem, aber nicht nur, cine­phi­len Zuschau­ern gefal­len wird. Und er ver­mit­telt auch einen unge­fäh­ren Ein­druck, unter wel­chen Bedin­gun­gen der gro­ße Stu­dio­be­trieb funk­tio­niert. Aber Regis­seur Sacha Ger­va­si lässt sei­ne Figu­ren agie­ren, als hät­te er sie nicht an die Lei­ne bekom­men. Vor allem Antho­ny Hop­kins scheint mehr an eine Par­odie gedacht zu haben, als an eine bio­gra­fi­sche Cha­rak­te­ri­sie­rung. Immer wie­der scheint der Film aus sei­ner vor­ge­ge­be­nen Bahn zu glei­ten, indem er den Fokus auf die Figu­ren zu oft wech­selt, sich aber auch nicht für das Dra­ma­ti­sche oder Iro­ni­sche in einer Sequen­zen ent­schei­den kann. Dem Pro­duk­ti­ons­de­sign unter­lief dann auch noch ein unent­schuld­ba­rer Feh­ler, der jedem Tou­ris­ten förm­lich in den Augen brennt, der sich schon ein­mal eine her­kömm­li­che Uni­ver­sal-Stu­dio-Tour gegönnt hat. Man sieht Nor­man Bates’ Haus über dem Motel in meh­re­ren Ein­stel­lun­gen schräg mit Front und rech­ter Fas­sa­de. Auf der Fahrt wäh­rend der Uni­ver­sal-Stu­dio-Tour lernt man aber, dass das Haus nur eine Kulis­se mit zwei Sei­ten ist, näm­lich Front und lin­ker Hauswand.

THE GIRL demons­triert den Film­be­trieb von einer ande­ren, aber eben­so äußerst inter­es­san­ten Sei­te. Es ist die Bezie­hung und Abhän­gig­keit unter den Künst­lern. Hitch­cock glaubt sich über­le­gen und über alle Fehl­bar­kei­ten erha­ben. Hed­ren hin­ge­gen weiß was sie errei­chen will, aber auch errei­chen könn­te. Die Che­mie zwi­schen Mil­ler und Jones ist gera­de­zu per­fekt. Es ist nicht etwa die sexu­el­le Kom­po­nen­te, son­dern sie las­sen eine eigent­lich tief ver­bor­ge­ne Ver­wund­bar­keit spür­bar wer­den. Was in einer der ein­drucks­volls­ten Sequen­zen des Films gip­felt, wenn sich die Dreh­zeit für eine Sze­ne von den ange­setz­ten zwei Stun­den auf fünf vol­le Tage aus­wei­tet. Regis­seur Juli­an Jar­rold weiß genau um Tem­po und Akzen­te für den Ver­lauf und zeigt ein inten­si­ves und auch span­nen­des Por­trät von zwei unnach­gie­bi­gen See­len. Der größ­te Wurf dabei ist die Beset­zung von Sien­na Mil­ler, nicht nur wegen ihres groß­ar­ti­gen Talen­tes. Ihre Schön­heit ver­kör­pert das heu­ti­ge Schön­heits­ide­al, wie Tip­pi Hed­ren das Schön­heits­ide­al ihrer Zeit dar­stell­te. So schafft der Film für den jun­gen, aber erwach­se­nen Zuschau­er ein tie­fe­res Ver­ständ­nis für die dra­ma­ti­sche Beziehung.

Der MASTER OF SUSPENSE scheint mit Antho­ny Hop­kins ide­al besetzt. Sei­ne Wand­lungs­fä­hig­keit wird dabei aller­dings über­schätzt. Schon als Richard Nixon wirk­te er ein­fach nur wie ein schlecht geschmink­ter Dar­stel­ler. Für die Dar­stel­lung der Regie-Iko­ne macht er kei­ne ande­re schlecht geschmink­te Figur. Sei­ne Spra­che und die Manie­ris­men mögen tadel­los sein, aber schlech­te Mas­ke bleibt schlech­te Mas­ke. Was auf Fotos und Pos­ter wie eine per­fek­te Kopie des Meis­ters aus­sieht, wirkt im beweg­ten Bild wie eine über­trie­be­ne Par­odie. Was lei­der auch auf Hop­kins Spiel zutrifft. Der Zuschau­er kann nicht ein­schät­zen, ob Hop­kins eine ehr­li­che Wie­der­ga­be des durch­aus skur­ri­len Cha­rak­ters Hitch­cocks ist, oder eine par­odis­ti­sche Über­spit­zung, die mit­un­ter albern wirkt. Das hat bei Toby Jones eine ganz ande­re Klas­se. Sein Make­up ist auf das Not­wen­digs­te redu­ziert, was ihn weit mehr Authen­ti­zi­tät ver­leiht. Aus­spra­che und Ges­tik sind, wie bei Hop­kins, über alle Zwei­fel erha­ben. Was ihn aber zu einem ehr­li­che­ren Hitch­cock macht, ist sein Ver­ständ­nis für die ein­zel­nen Sze­nen, und wie er die­se aus­spie­len muss. Zudem hat man bei HBO-Films erkannt, das man nicht Eins-zu-eins wie die zu dar­stel­len­de Per­son aus­se­hen muss, um einen skur­ri­len Cha­rak­ter glaub­haft zu machen.

EINWÄNDE gegen Donald Spo­tos Aus­le­gung der Geschich­te um die Dreh­ar­bei­ten von THE BIRDS mögen berech­tigt sein. Sein Buch wird sehr kon­tro­vers dis­ku­tiert. Das Andenken an Alfred Hitch­cock ist eben viel zu wert­voll, als das man es mit sei­nen nach­weis­ba­ren Feti­schen kaputt machen wür­de. Dass der Regis­seur viel­leicht doch ein not­gei­les Opfer sei­ner Trie­be sein konn­te, will nie­mand wahr­ha­ben. Tat­säch­lich spielt es für bei­de Pro­duk­tio­nen, und hier spe­zi­ell für die HBO-Fas­sung, über­haupt kei­ne Rol­le. Jeder Film muss bei einer fil­mi­schen Umset­zung dra­ma­tur­gi­sche Frei­hei­ten zuge­stan­den bekom­men. Letzt­end­lich geht es doch nicht um die exak­te Rekon­stru­ie­rung von Alfred Hitch­cocks Wir­ken, son­dern um eine dra­ma­tur­gisch nach­voll­zieh­ba­re Ablei­tung sei­nes Charakters.

Soll­ten die Ver­ant­wort­li­chen bei Fox in der Vor­pro­duk­ti­on tat­säch­lich auf die Fern­seh­pro­duk­ti­on reagiert, und dabei den Fokus über die Dreh­ar­bei­ten zu PSYCHO auf die Bezie­hung zwi­schen Alma und Alfred gelenkt zu haben, dann war das eine wei­se Ent­schei­dung. Der Kino­film wird damit zu einem lau­ni­gen ers­ten Teil, der in einer ful­mi­nan­ten Fern­seh­pro­duk­ti­on sei­ne Auf­lö­sung fin­det. Von bei­den ist THE GIRL letzt­end­lich doch der weit bes­se­re und viel inter­es­san­te­re Film. Zusam­men aller­dings, ergän­zen sie sich, in der rich­ti­gen Rei­hen­fol­ge gese­hen, her­vor­ra­gend. Alfred Hitch­cock war nicht nur ein begna­de­ter Geschich­ten­er­zäh­ler, er war eben auch eine Geschich­te für sich selbst.

THE GIRL ist zur­zeit nur über Eng­land auf DVD/­B­lu-Ray erhältlich

HITCHCOCK
Dar­stel­ler: Antho­ny Hop­kins, Helen Mir­ren, Scar­lett Johans­son, Dan­ny Hus­ton, Toni Colet­te, Jes­si­ca Biel, Micha­el Stuhl­barg u.v.a.
Regie: Sacha Gervasi
Dreh­buch: John J. McLaugh­lin, nach dem Buch von Ste­phen Rebello
Kame­ra: Jeff Cronenweth
Bild­schnitt: Pame­la Martin
Musik: Dan­ny Elfman
Pro­duk­ti­ons­de­sign: Judy Becker
zir­ka 98 Minuten
USA 2012

THE GIRL
Dar­stel­ler: Sien­na Mil­ler, Toby Jones, Imel­da Staun­ton, Con­rad Kemp, Pene­lo­pe Wil­ton u.v.a.
Regie: Juli­an Jarrold
Dreh­buch: Gwy­neth Hug­hes nach dem Buch von Donald Spoto
Kame­ra: John Pardue
Bild­schnitt: Andrew Hulme
Musik: Phil­ip Miller
Pro­duk­ti­ons­de­sign: Dar­ryl Hammer
zir­ka 91 Minuten
Groß­bri­tan­ni­en 2012

Pro­mo­fo­tos HITCHCOCK Copy­right Fox Search­light, 20th Cen­tu­ry Fox
Pro­mo­fo­tos THE GIRL Coyp­right HBO

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