Spiel 2011 – das ungeliebte Rollenspiel?

[spiel2011] Die Messe Spiel gibt es nun seit 29 Jah­ren (sagt der Ver­an­stal­ter) und ich per­sön­lich habe in die­ser Zeit nicht eine da­von ver­passt (ja, ehr­lich). An­fangs „nur“ we­gen der Main­stream-Spiele, denn ge­spielt habe ich schon im­mer gern, spä­ter dann, als ich durch Freunde ins Rol­len­spiel stol­perte und die­ses Genre auch in Deutsch­land im­mer mehr An­hän­ger fand, freute man sich dar­über, dass der Ver­an­stal­ter auch die­sen Spie­len eine Ecke und spä­ter eine Halle bot.

Seit un­ge­zähl­ten Jah­ren ist die Spiel ins­be­son­dere für mei­nen Freun­des- und Be­kann­ten­kreis des­we­gen auch ins­be­son­dere ein Event rund um Rol­len­spiel, Ta­ble­top und LARP – es tref­fen sich nicht ge­rade kleine Men­gen an Per­so­nen, um sich spe­zi­ell den Rol­len­spiel-Be­reich an­zu­se­hen.

Mir geht das ebenso, ich be­su­che diese Messe seit Jah­ren pri­mär we­gen die­ses An­ge­bots, die Main­stream-Spiele sind im Prin­zip für mich ein net­tes zu­sätz­li­ches Gim­mick – na gut, man be­kommt zu­dem oft an den Stän­den aus­län­di­scher oder klei­ner An­bie­ter wahre Klein­odien ab­seits des An­ge­bots der gro­ßen Pu­bli­kums­ver­lage. Letz­te­res ist allzu oft lei­der nicht mit mei­nen An­sprü­chen oder The­men­wün­schen kom­pa­ti­bel.

Ge­wan­dete – ein sel­te­nes Bild in die­sem Jahr…

Im Rol­len­spiel-Be­reich je­doch lock­ten im­mer wie­der di­verse Spe­zia­lis­ten und ins­be­son­dere in den letz­ten Jah­ren wa­ren ge­rade die Händ­ler mit LARP-De­vo­tio­na­lien in­ter­es­sant, bo­ten sie doch oft die Mög­lich­keit, das ei­gene Out­fit oder die Ge­wan­dungs­samm­lung zu ver­voll­stän­di­gen – oft­mals auf­grund der Mes­se­preise zu deut­lich güns­ti­ge­ren Kon­di­tio­nen als an­derswo oder im Ver­sand.

In die­sem Jahr je­doch sah die Si­tua­tion in Halle sechs äu­ßerst trau­rig aus, denn di­verse große und auch et­li­che klei­nere An­bie­ter wa­ren der Ver­an­stal­tung fern ge­blie­ben. Das rest­li­che An­ge­bot im Sek­tor LARP und Rol­len­spiel war recht spar­sam und es wurde lange nicht die Aus­wahl der ver­gan­ge­nen Jahre ge­bo­ten.
Le­der-Joe, Dein-LARP-Shop, Fe­der & Schwert und Maskworld wa­ren bei­spiels­weise nam­hafte An­bie­ter, die fehl­ten und wo man sich frü­her präch­tig aus­stat­ten und ein­klei­den konnte, war 2011 zum gro­ßen Teil nur noch Frust über die Ab­we­sen­heit.

Au­ßer­ge­wöhn­li­che Ge­wan­dun­gen zum Kau­fen – 2011 Man­gel­ware

Na­hezu sämt­li­che Freunde und Be­kannte, die ich hierzu be­fragte, äu­ßer­ten sich über­aus ne­ga­tiv über das Er­lebte und nicht we­nige frag­ten sich ge­nau wie ich, ob sich der Be­such auf der Spiel in Zu­kunft über­haupt noch lohnt, gibt es doch für In­ter­es­sierte an den an­sons­ten hier ver­tre­ten Spiel­gen­res un­ter die­sen Um­stän­den deut­lich viel­ver­spre­chen­dere Ver­an­stal­tun­gen wie die RPC oder die Fan­ta­sy­Days. Die Zei­ten, in de­nen die Spiel die ein­zige Ver­an­stal­tung war, auf der man in die­sem Um­fang und mit gro­ßer Aus­wahl ein­kau­fen konnte, sind lange vor­bei.

Da mich in­ter­es­sierte, was zur Ab­we­sen­heit di­ver­ser An­bie­ter ge­führt hat, fragte ich zum ei­nen bei den Ab­we­sen­den nach und un­ter­hielt mich auch mit ein paar Händ­lern vor Ort.

Ein wich­ti­ger Punkt scheint zu sein, dass sich ins­be­son­dere für klei­nere Lä­den der Be­such der Spiel fi­nan­zi­ell nicht mehr lohnt, da der Um­satz in keins­ter Weise die Kos­ten deckt. Man muss sich dar­über im Kla­ren sein, dass ne­ben den rei­nen Stand­kos­ten auch noch lo­gis­ti­sche Kos­ten auf die Händ­ler zu­kom­men, vom Zeit­auf­wand und dem auf der Messe ge­bun­de­nen Per­so­nal mal ganz ab­ge­se­hen.
Über­ein­stim­mend wurde mir von meh­re­ren An­bie­tern mit­ge­teilt, dass An­fra­gen nach Preis­nach­läs­sen oder güns­ti­ge­ren Stand­prei­sen nicht nur ne­ga­tiv be­schie­den wer­den, die Ant­wort des Ver­an­stal­ters auf sol­che Fra­gen lau­tet of­fen­bar sinn­ge­mäß: „Zahlt un­se­ren Preis, oder bleibt eben weg!“ Würde man mir so kom­men, bliebe ich wohl auch weg, denn das er­weckt den Ein­druck, als sei man an mir nicht in­ter­es­siert.

Hüb­sche Holz­be­cher – lei­der völ­lig über­teu­ert

Er­schwe­rend kommt hinzu, dass di­verse Händ­ler und Ver­lage den Ein­druck ha­ben, der Rol­len­spiel-Be­reich sei das un­ge­liebte Kind der Messe, das en­fant ter­ri­ble, das man zwar im­mer wie­der da­bei hat, aber den Ver­an­stal­tern tat­säch­lich nicht wich­tig ist und man sich keine ernst­haf­ten Ge­dan­ken darum macht, ob dort An­bie­ter fern blei­ben oder nicht. Diese Kri­tik habe ich über die Jahre im­mer wie­der un­ter der Hand zu hö­ren be­kom­men, das Ge­habe wird sei­tens der Ver­an­stal­ter al­ler­dings of­fen­bar schlim­mer.

Auch von den in die­sem Jahr An­we­sen­den teil­ten mir ein paar un­ter dem Sie­gel der Ver­schwie­gen­heit mit, dass man sich über­lege, ob man an­ge­sichts von Ver­an­stal­ter-Ge­ba­ren und Ent­wick­lung der Be­su­cher­zah­len in die­sem Be­reich im nächs­ten Jahr über­haupt noch ein­mal wie­der­kom­men möchte.

Eben­falls Te­nor ist, dass di­verse Lä­den und Ver­lage ganz ein­deu­tig in­zwi­schen der RPC den Vor­zug ge­ben wol­len, denn (Zi­tat) „…da will man uns we­nigs­tens ha­ben und freut sich, wenn wir kom­men!“ Ich möchte hin­zu­fü­gen: Und da ist ex­akt die Ziel­gruppe an­we­send. Wenn man nun auch hätte an­neh­men kön­nen, dass Ein­zelne mit den Ver­an­stal­tern der Messe nicht kön­nen, dann würde zu­min­dest ich das aus­schlie­ßen wol­len, denn diese Kri­tik wird al­lent­hal­ben ge­übt.

Rüs­tun­gen – deut­lich sel­te­ner als sonst feil ge­bo­ten…

Ich finde das Ver­hal­ten der Ver­an­stal­ter schwer nach­voll­zieh­bar, man sollte sich dar­über im Kla­ren sein, dass im Ge­gen­satz zum nach wie vor boo­men­den Ge­schäft mit Ge­sell­schafts­spie­len (nach Aus­sa­gen auf der Pres­se­kon­fe­renz trotz Re­zes­sion nach wie vor be­trächt­li­che Um­satz­zu­wächse), die LARP- und Rol­len­spiel-Ziel­gruppe zu ei­nem nicht ge­rin­gen Teil aus jun­gen Per­so­nen, Schü­lern und Stu­den­ten be­steht, die ins­be­son­dere in wirt­schaft­lich schwie­ri­gen Zei­ten nicht so viel Geld für ihr Hobby aus­ge­ben kön­nen, wie sie es gern möch­ten. Das macht dann na­tür­lich auch den An­bie­tern mit ge­sun­ke­nem Um­satz zu schaf­fen. Statt mit den glän­zen­den Zah­len der Main­stream-Bran­che zu prot­zen, soll­ten sich die Ver­an­stal­ter der Spiel lie­ber mal dar­über Ge­dan­ken ma­chen und der all­ge­mei­nen wirt­schaft­li­chen Lage an­ge­mes­sene Preise an­sa­gen. Fi­nan­ziert wer­den kann das ja von den Bran­chen­rie­sen in den vor­de­ren Hal­len, die ein paar tau­send Euro Spon­so­ring für kleine An­bie­ter (durch ge­rin­gere Stand­preise für diese) wahr­schein­lich aus der Por­to­kasse be­strei­ten kön­nen. Das gilt üb­ri­gens nicht nur für den Rol­len­spiel-Be­reich, son­dern auch für kleine und kleinste An­bie­ter von Ge­sell­schafts­spie­len und Stände von Spie­leau­to­ren.

Die Ver­ant­wort­li­chen beim Fried­helm Merz-Ver­lag soll­ten sich über­le­gen, ob ih­nen et­was an die­sem Be­reich der Messe liegt und sie soll­ten es schnell tun, denn wenn das An­ge­bot im nächs­ten Jahr noch dün­ner wird, dann hat die Spiel als ei­ner DER Treff­punkte für die Szene lei­der aus­ge­dient und die Hal­len dürf­ten dann deut­lich lee­rer wer­den.
Be­reits in die­sem Jahr musste man Ge­wan­dete fast mit der Lupe su­chen (und diese Ge­wan­de­ten ha­ben in den letz­ten Jah­ren al­lein durch ihre me­di­en­wirk­same An­we­sen­heit im­mer wie­der für coole Pres­se­bil­der, also Wer­bung, ge­sorgt, und brach­ten den Otto-Nor­mal­spie­lern diese Fa­cette des Ge­sell­schafts­spiel-Hob­bies mal nä­her) und be­reits am Nach­mit­tag war die Halle sechs im Ver­gleich zu den Vor­jah­ren fast er­schre­ckend ver­waist. Kein Wun­der, wenn das An­ge­bot, we­gen dem viele Be­su­cher ge­kom­men wa­ren, fehlt, dann kann man auch wie­der ge­hen. Freunde mit ei­ner mehr­sei­ti­gen Ein­kaufs­liste sind un­ver­rich­te­ter Dinge wie­der ab­ge­zo­gen. Frust pur. Und ein XBox-Kinect-Truck ist da keine zu­frie­den­stel­lende Al­ter­na­tive, wenn ich so et­was will, fahre ich auf die Ga­mes­Com nach Köln.

Halle sechs, Sams­tag 16:30 Uhr – fast schon gäh­nende Leere…

Wir wer­den uns jetzt über­le­gen, even­tu­ell im nächs­ten Jahr ei­nen Event zur RPC statt zur Spiel zu ver­an­stal­ten, mög­li­cher­weise mit An­mie­tung ei­ner Ju­gend­her­berge oder ei­nes Pfad­fin­der­heims – das er­scheint uns deut­lich sinn­vol­ler, als noch­mal mehr­tä­gig eine Messe in Es­sen zu be­su­chen, die viel von ih­rer At­trak­ti­vi­tät ver­lo­ren hat.

Aber wahr­schein­lich ist den Ver­ant­wort­li­chen bei den Ver­an­stal­tern die­ses La­mento oh­ne­hin völ­lig schnuppe, da man sich ja wei­ter­hin darin son­nen kann, die „größte Messe für Ge­sell­schafts­spiele“ welt­weit zu ver­an­stal­ten – was küm­mern ei­nen da schon ein paar selt­sam ge­klei­dete „Nerds“?

Die­ser Nerd hier muss al­ler­dings schwer dar­über nach­den­ken, ob er am 30-jäh­ri­gen Ju­bi­läum der Ver­an­stal­tung im nächs­ten Jahr teil­neh­men wird. Viel­leicht aus pu­rer Nost­al­gie und um ein letz­tes Mal zu be­gut­ach­ten, ob es noch schlim­mer ge­wor­den ist…

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Bild­nach­weis:
Alle Bil­der von mir, CC BY-NC-SA

Stefan Holzhauer

AutorIn: Stefan Holzhauer

Meist harm­lo­ser Nerd mit na­tür­li­cher Af­fi­ni­tät zu Pi­xeln, Bytes, Buch­sta­ben und Zahn­rä­dern. Kon­su­miert zu­viel SF und Fan­tasy und schreibt seit 1999 on­line dar­über.


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