Das ist ja gar keine Science Fiction! – Ein Kommentar

Ich habe es über die Jahre immer wieder mal ver­nom­men, zumeist von altern­den SF-»Fans«, die laut­stark die Ansicht vertreten, dass selb­stver­ständlich »früher alles bess­er war, und das doch alles keine Sci­ence Fic­tion sei«. Früher, das ist ein nicht ganz genau zu bez­if­fer­n­der Zeitraum, aber eben nicht heute. Aber ich schweife ab. Was habe ich genau ver­nom­men? Die zumeist aufge­bracht vor­ge­tra­gene These, dass dies und jenes, oft Pop­kul­tur, in Wirk­lichkeit gar keine Sci­ence Fic­tion sei, son­dern nur … irgend so ein Mist. Je nach Alter (es sind nach mein­er Beobach­tung tat­säch­lich über­wiegend die älteren SF-Anhänger), Geis­teszu­s­tand und Fanatismuslevels des Vor­tra­gen­den wird ver­schiede­nen Spielarten der SF pauschal abge­sprochen, tat­säch­lich Sci­ence Fic­tion zu sein, in den meis­ten Fällen ohne inhaltliche Begrün­dung, son­dern nur mit irgendwelchen hastig vor­ge­tra­ge­nen Schimpf­worten, oder schwumm­ri­gen Scheinar­gu­menten, die wenig durch­dacht erscheinen. Gerne vorneweg kri­tisiert immer wieder mal STAR WARS, heutzu­tage nimmt man sich bevorzugt die diversen Spielarten des Super­helden-Gen­res vor, aber sog­ar der Erforschungs- und Ent­deck­ungsserie STAR TREK wird abge­sprochen, tat­säch­lich SF zu sein. Weil? Wegen!

Warum? Die Begrün­dun­gen sind oft schwurbe­lig, fußen aber nicht sel­ten auf der mit zahlre­ichen Aus­rufeze­ichen vorge­bracht­en These, dass »das alles« nur »Fan­ta­sy« sei, und mit Wis­senschaft nichts zu tun habe. Und schließlich habe das Genre Sci­ence Fic­tion die »Wis­senschaft« im Titel und müsse deswe­gen auf irgendwelchen wis­senschaftlichen Grund­la­gen beruhen.

Weil man das alles ein­fach mal ignori­erte, um coole, neue, inno­v­a­tive, kreative, zum Denken anre­gende Geschicht­en zu erzählenIch frage mich dann immer, ob diese Fig­uren eine völ­lig andere SF ken­nen, als ich. Ich befasse mich seit bes­timmt 40 Jahren mit dem The­ma, zuerst als rein­er Kon­sument (was man im Kinde­salter so liest, ja, auch PERRY RHODAN, an dem kommt man ja in Deutsch­land nicht vor­bei, wenn man sich für »sowas« inter­essiert, übri­gens ein paar Jahre nach dem Erstkon­takt mit sieben Jahren via STAR TREK auf Ommas schwarzweiß-Fernse­her. Dann noch STAR WARS im zarten Alter von zwölf, danach war ich nicht mehr zu resozial­isieren). Aber zurück zum The­ma. Die Wis­senschafts­fetis­chis­ten müssen einen blind­en Fleck haben, anders lässt sich nicht erk­lären, dass sie in ihrer Ablehnung gewiss­er Spielarten des Gen­res völ­lig überse­hen, dass es nicht nur in der Grün­dungszeit, son­dern auch im Gold­e­nen Zeital­ter der SF haufen­weise Lit­er­atur gab, die mit Naturge­set­zen und Wis­senschaft nicht das Ger­ing­ste zu tun hat­te, oder sog­ar darauf pfiff. Weil man das alles ein­fach mal ignori­erte, um coole, neue, inno­v­a­tive, kreative, zum Denken anre­gende Geschicht­en zu erzählen. Was gab es im Gold­en Age alles an Space Opera …

Space Opera? Opu­lent erzählte Geschicht­en mit gigan­tis­chen Kon­struk­ten und epis­chen Wesen­heit­en, zwis­chen denen die men­schlichen Pro­tag­o­nis­ten herum­stolperten, helden­hafte Aben­teuer erlebten, und in den meis­ten Fällen irgend­wie als Sieger her­vor gin­gen. STAR WARS und in gerin­gerem Maße auch STAR TREK, ganz sich­er aber BUCK ROGERS oder FLASH GORDON sind eben­so Space Opera, wie GUARDIANS OF THE GALAXY oder BATTLESTAR GALACTICA, egal in welch­er Inkar­na­tion. Zahllose Romane des Gen­res, die heute all­ge­mein als Klas­sik­er gel­ten, scheren sich ein feucht­es Hig­gs-Boson um irgendwelche wis­senschaftlichen Grund­la­gen.

Wie kom­men die Wis­senschafts- und Naturge­setz-Huldiger unter den vorge­blichen Sci­ence Fic­tion-Fans dazu, ein­er nicht gerin­gen Menge von Pop­kul­tur-SF ein­fach mal abzus­prechen, dazu zu gehören, obwohl die Geschichte des Gen­res, und die schiere Band­bre­ite von dem, was da alles erschienen ist, eine völ­lig andere Sprache sprechen? Warum wird hier eine Deu­tung­shoheit mit in der Regel harschen Worten wie »Mist« oder »Scheiße« zu etablieren ver­sucht? Ein Grund dürfte klar sein: Wer die Deu­tung­shoheit inne hat, ver­fügt über Macht. Ein Grund mehr, sie ihnen nicht zu über­lassen.

STAR WARS ist gern weit vorne bei den Feind­bildern der Fetis­chis­ten. Das sei keine SF, son­dern Fan­ta­sy. Weil nichts erk­lärt wird, und wegen der Macht. Aber stimmt das denn? Oder, um mal anders zu fra­gen: Ist das rel­e­vant?

Im von George Lucas erdacht­en Uni­ver­sum fliegen Raum­schiffe mit Über­licht­trieb­w­erk (genauer: Hyper­raum-Antrieb) in ein­er weit, weit ent­fer­n­ten Galax­is umher. Dem Vernehmen nach vor langer Zeit. Hat da jemand was dage­gen? Ja, die SF-Päp­ste stören sich unter anderem daran, dass nicht erläutert wird, wie und warum dieser Hyper­rau­mantrieb funk­tion­iert. Aha. Man sollte sich an dieser Stelle mal einen Moment zurück­lehnen, um sich einen bre­it­eren Überblick zu ver­schaf­fen, und sich fra­gen, wie viele Men­schen heutzu­tage tat­säch­lich wis­sen, wie ein Mobil­tele­fon, ein Otto­mo­tor, ein Com­put­er, ein Tachy­onenbeschle­u­niger, eine Marssonde oder eine Kaf­feemas­chine funk­tion­ieren. Na gut, die Kaf­feemas­chine bekom­men wir halb­wegs hin. Der Rest? Es inter­essiert von den Benutzern kaum jeman­den, warum die What­sapp-Nachricht beim Empfänger ankommt, oder warum dieses komis­che Inter­net auf dem Bild­schirm vor einem vor sich hin flim­mert.
Man benutzt im realen Leben Tech­nik, auch mit erhe­blich­er Wis­senschaft hin­ter­füt­terte, ein­fach so, ohne sich groß Gedanken darüber zu machenUnd das ist für mich ein ganz zen­traler Punkt: Man benutzt im realen Leben Tech­nik, auch mit erhe­blich­er Wis­senschaft hin­ter­füt­terte, ein­fach so, ohne sich groß Gedanken darüber zu machen. Und man kann auch SF-Geschicht­en erzählen, ohne auf diese tech­nis­chen Hin­ter­gründe im Detail einzuge­hen. Plus: Man muss sich bei diesen Sci­ence Fic­tion-Stof­fen noch nicht mal auf das beschränken, was wir heute wis­sen, oder was den Naturge­set­zen entspricht. Denn beina­he jeden Tag wer­den unsere Ken­nt­nisse über das Uni­ver­sum verän­dert, gehen bis­lang als fest­ste­hend gedachte The­sen über die Struk­tur der Welt den Bach runter. Was früher als wis­senschaftlich gesichert galt, ist heute Schnee von vorgestern. Und angesichts dessen, und zusät­zlich auch noch dem Punkt, dass es eine schrift­stel­lerische Frei­heit gibt, die es dem Autor oder der Autorin erlaubt, ein­fach mal Fak­ten für ihr Uni­ver­sum zu erfind­en, ein­fach nur um Leser zu unter­hal­ten, ist es völ­lig legit­im, sich ger­ade bei einem speku­la­tiv­en Genre wie der SF von den Tat­sachen (oder ver­meintlichen Tat­sachen) zu ent­fer­nen. Vielle­icht ist der Warp-Antrieb ja möglich, wir wis­sen es nur mit unserem heuti­gen Ken­nt­nis­stand noch nicht? Es soll mir nie­mand damit kom­men, dass das weit herge­holt sei, das ger­ade per Peer-Review bestätigte »Impos­si­ble Dri­ve« sagt etwas anderes.
Übri­gens zeigt auch die Kritk an STAR TREK, wie wir es aus den TV-Serien ken­nen, ein erschreck­endes Maß an Unken­nt­nis über das Serienuni­ver­sum. Wer glaubt, das sei unwis­senschaftlich, der hat noch nie einen Blick in ein Tech-Man­u­al gewor­fen, das im Detail tech­nis­che und physikalis­che Grund­la­gen erk­lärt. Bei der Entwick­lung der Serien haben namhafte Wis­senschaftler und Physik­er mit­ge­holfen, um das Ganze auf solide Beine zu stellen (ja, ich weiß, die Drehbuchau­toren lavieren da oft genug drum herum, aber das ist dann wieder die kün­st­lerische Frei­heit).

Oder »die Macht«. Jenes Energiefeld, das von allen leben­den Wesen erzeugt wird. »Es umgibt uns, es durch­dringt uns, es hält die Galax­is zusam­men«, sagt Obi-Wan Keno­bi poet­isch (vergessen wir mal die Midichlore­an­er, die wur­den glück­licher­weise aus dem Canon getil­gt). Auch das wird als Zauberkram abge­tan. Was ist mit all den SF-Geschicht­en, die mit übersinnlichen Kräften spie­len? Sind die eben­falls alle Kinderkram? Ist auch DUNE Mist, weil Spice den men­schlichen Geist so erweit­ert, dass die Nav­i­ga­toren entste­hen, die ihrer­seits über­lichtschnellen Flug erst möglich machen? SF ist Speku­la­tion, und dazu gehört eben auch die Speku­la­tion, was mit Men­schen geschieht, die Fähigkeit­en entwick­eln, woher die auch immer kom­men mögen. Wie verän­dert sich die Gesellschaft, wenn Metahu­mans entste­hen?

Sci­ence Fic­tion wird gern auch »Spec­u­la­tive Fic­tion« genan­nt, und objek­tiv betra­chtet passt der Begriff auf­grund der schieren Band­bre­ite des Gen­res auch viel bess­erSci­ence Fic­tion wird gern auch »Spec­u­la­tive Fic­tion« genan­nt, und streng genom­men passt der Begriff auf­grund der schieren Band­bre­ite des Gen­res auch viel bess­er. Man spekuliert munter und kreativ vor sich hin, sowohl was tech­nis­che Entwick­lun­gen ange­ht, wie auch darüber, ob wir vielle­icht noch nicht alle Naturge­set­ze ken­nen, oder wie sich Gesellschaften in der Zukun­ft verän­dern. Dabei kann der Fokus auf all diesen The­men liegen, oder noch ganz andere beleucht­en, Zwis­chen­men­schlich­es, Poli­tik. Und selb­stver­ständlich ist auch reine Unter­hal­tung nicht nur erlaubt, son­dern völ­lig legit­im, denn es muss nicht immer alles auf Biegen und Brechen von Anspruch durch­set­zt sein, auch wenn manch ein­er in Deutsch­land das zu glauben scheint (ein Grund für den trau­ri­gen Zus­tand gewiss­er Medi­en hierzu­lande).

Wer meint, irgend etwas als »nicht-SF« aus der Sci­ence Fic­tion her­auszudefinieren zu wollen, und das ent­ge­gen alle Logik immer und immer wieder unter Geschrei und Gepö­bel tut, der ken­nt entwed­er die bunte und bre­ite Geschichte des Gen­res nicht, oder hält seinen Teller­rand für einen Hor­i­zont. Oder bei­des. Es ist selb­stver­ständlich jedem unbenom­men, dass ihm oder ihr irgend etwas nicht gefällt. Aber posaunt uns das nicht ständig um die Ohren. Es kön­nte passieren, dass wir euch nicht ernst nehmen und der­weil unseren Spaß mit dem haben, was ihr nicht für SF hal­tet.

p.s.: Das­selbe gilt übri­gens auch für andere Gen­res.

Header­bild Copy­right: Stock­Un­lim­it­ed

Stefan Holzhauer

AutorIn: Stefan Holzhauer

Meist harm­los­er Nerd mit natür­lich­er Affinität zu Pix­eln, Bytes, Buch­staben und Zah­n­rädern. Kon­sum­iert zuviel SF und Fan­ta­sy und schreibt seit 1999 online darüber.

10 Kommentare for “Das ist ja gar keine Science Fiction! – Ein Kommentar”

sagt:

Ich oute mich als jemand, der auch gern mal fest­stellt, dass nicht alles, was SF genan­nt wird, SF ist. Und dass manch­es, wo nicht aus­drück­lich SF drauf­ste­ht, welche ist. Allerd­ings verbinde ich das nicht mit der Wer­tung, es sei deshalb Mist. Und ich würde auch nie den Unter­hal­tungswert bestre­it­en oder gar bes­tim­men wollen, dass ein erk­lärter SF-Fan sowas nicht zu lesen/schauen habe. Für den Genuss ist es uner­he­blich, wie es heißt, da ist in der Tat eher der »Ein­druck« von Bedeu­tung. Es gibt SF, die sehr im Ton­fall und mit den Kulis­sen von High-Fan­ta­sy daherkommt. Und auch wenn z. B. X-Men keine SF ist, klingt es doch so und macht defin­i­tiv Spaß.

Davon abge­se­hen gibt es Gren­zfälle. Ins­beson­dere wenn es um „über­natür­lich Fähigkeit­en« geht. Es ist z. B. eine Frage der per­sön­lichen Präfer­nenz, ob man Telepathie generell für unmöglich hält oder sich auf den Umstand beruft, dass die Gehirn­ströme ja über kleine Din­stanzen heute schon »abgrif­f­en« wer­den kön­nen – warum also nicht über größere und das ver­bun­den mit guten „Inter­pre­ta­toren“? Der Unter­schied ist, dass SF sich in let­zterem Fall damit beschäfti­gen müsste, was das für weit­ere Kon­se­quen­zen hat …

Übri­gens: Ich nenne mich SF-Autor, obwohl ich weiß, dass einige sehr hand­lungsrel­e­van­ten Ele­mente in mein­ern Sto­rys besten­falls gren­zw­er­tig, mitunter aber auch reine Fan­ta­sy sind. Will sagen: Möglichst sauber zu kat­e­gorisieren, ist nicht automa­tisch ein Angriff …

Stefan Holzhauer

Stefan Holzhauer

sagt:

Selb­stver­ständlich han­delt es sich bei den X-Men um Sci­ence Fic­tion. Es dreht sich um mutierte Men­schen, mithin eines der in der SF seit Jahrzehn­ten immer wieder aufge­grif­f­e­nen The­men. Super­man kommt von einem frem­den Plan­eten, Green Lantern bekommt seine Fähigkeit­en durch ein Arte­fakt eines Alien-Wächter­volkes. Guardians Of The Galaxy (Teil des Mar­vel Cin­e­mat­ic Uni­verse) zeigt eine von Leben nur so wim­mel­nde Galax­is. Thor gehört zu einem fort­geschrit­te­nen Alien-Volk, aus denen die alten nordis­chen Sagen ent­standen sind. Um nur mal ein paar Beispiele zu nen­nen. Alles rein­ste SF.
Nimmt man die Inhu­mans noch mit rein: Da wur­den Men­schen von Außerirdis­chen (den Kree) manip­uliert, um eine Super­rasse zu zücht­en. Lupen­reine SF.

Ob man Telepathie für möglich hält oder nicht, ist irrel­e­vant. Es geht um die Speku­la­tion, was dann passieren würde, oder was möglich wäre. Auch Telepathie oder andere übersinnliche Fähigkeit­en gehören seit dem frühen 20. Jahrhun­dert fest zum Reper­toire des Gen­res. Also kein »Gren­z­fall«, son­dern mit­ten drin. Wenn wir da dann noch Quan­ten­ef­fek­te wie die spukhafte Fer­n­wirkung mit ein­beziehen …

Gegen Diskus­sio­nen ums The­ma habe ich rein gar nichts. Ich stoße aber immer wieder auf solche »Kri­tik­er«, die, wie im Artikel beschrieben, nur unre­flek­tiert und undif­feren­ziert motzen. Erst gestern wieder. Daraus ist der Text ent­standen.

Stefan Holzhauer

Stefan Holzhauer

sagt:

Noch zum The­ma passend:

Arthur C. Clarke:

1. „Wenn ein ange­se­hen­er, aber älter­er, Wis­senschaftler behauptet, dass etwas möglich ist, hat er mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahrschein­lichkeit recht. Wenn er behauptet, dass etwas unmöglich ist, hat er höchst­wahrschein­lich unrecht.“
2. „Der einzige Weg, die Gren­zen des Möglichen zu find­en, ist, ein klein wenig über diese hin­aus in das Unmögliche vorzus­toßen.“
3. „Jede hin­re­ichend fortschrit­tliche Tech­nolo­gie ist von Magie nicht zu unter­schei­den.“

Es kön­nte also in der SF etwas wie Fan­ta­sy wirken, tat­säch­lich aber weit fort­geschrit­tene Tech­nolo­gie sein …

sagt:

Selbst­ver­ständ­li­ch han­delt es sich bei den X-Men um Sci­en­ce Fic­tion. Es dreht sich um mu­tier­te Men­schen,“ Das ist der übliche Irrtum. Erstens kann eine einzelne Muta­tion (es ist immer nur von ein­er die Rede) nicht zu so extrem ver­schiede­nen Effek­ten führen und zum Zweit­en sind einige der Fähigkeit­en eben nicht durch eine „sim­ple Gen­verän­derung beim Homo sapi­ens sapi­ens“ erk­lär­bar. Laser aus anson­sten nor­malen Augen zu ver­schießen, die Zeit anhal­ten oder sich tele­portieren zu kön­nen z. B. sind deut­lich magis­che Fähigkeit­en. Wenn X-Men SF ist, ist auch Bib­by Blocks­berg SF: Auch sie kann „von Natur aus“ (also offen­bar durch ihr Erbgut bes­timmt) zaubern.

Sich ab und an diese Unter­schiede bewusst zu machen, hat weniger mit dem Lesegenuss zu tun, son­dern mehr mit der Ver­stand-Pflege. Wir leben ohne­hin in ein­er Welt, in der Tech­nik und Wis­senschaft längst einen solchen Grad erre­icht haben, dass manche Men­schen ihnen alles zutrauen. SFler neigen zusät­zlich dazu, bis­lang Unmöglich­es ein­fach als durch tech­nis­chen und wis­senschaftlichen Fortschritt als möglich zu definieren – und das soll auch so sein. Als Lit­er­at­en dür­fen und sollen sie da auch großzügig sein, wenn es die Sto­ry ver­langt. Aber sie soll­ten im Blick behal­ten, dass sie da Phan­tastis­ches entwer­fen (oder lesen), und das real Mögliche nicht aus den Augen ver­lieren.

Und man kann nun mal so lange forschen und Tech­nik entwick­eln, wie man will: Der Men­sch, wie er heute ist, kann nicht ein­fach durch eine Gen­verän­derung zu sowas wie oben erwäh­nt gebracht wer­den.
Für die Sache mit dem Laser z. B. müsste eine halb­wegs starke Lichtquelle in oder hin­ter den Augen entste­hen (weit über das hin­aus, was wir heute aus dem Bere­ich der Bio­lu­min­iszenz ken­nen), das Auge selb­st müsste völ­lig anders struk­tu­iert sein, um das Licht zu bün­deln und bei der auftre­tenden und zu bändi­gen­den Energie nicht zu verkochen. Und das alles müsste – fol­gt man der Sto­ry – sich spon­tan und ohne weit­ere Neben­wirkun­gen erst in der Pupertät her­aus­bilden und von einem auf den anderen Moment aktiv wer­den.
Bei der Wet­ter­ma­nip­u­la­tion müsste jemand – wie auch immer (telekinetisch?) – Unmen­gen von Luft­massen inner­halb von Sekun­den steuern kön­nen und eventuell ein aktuelles Wass­er-Gle­ichgewicht völ­lig aushe­beln (um bei klarstem Wet­ter dicke Wolk­endeck­en zu erzeu­gen).
Bei der Tele­por­ta­tion oder dem Zei­tan­hal­ten hab ich nicht­mal eine Idee, wie das aus­gelöst wer­den kön­nte; das greift in die Grund­la­gen der Physik ein.
All das in Kom­bi­na­tion mit irgen­dein­er tech­nis­chen Entwick­lung (kün­stliche Augen, Wet­ter­maschi­nen, Beam-Tech­nik oder was weiß ich) – okay, dann wäre das SF. Aber so? Nee.

Wie gesagt: Das alles hat nichts mit dem Lesegenuss zu tun. Und auch nicht mit dem Was-wäre-wenn der Lit­er­atur, für das die SF (und die anderen Phan­tastik-Gen­res) beson­ders prädes­tiniert ist. Aber es reicht eben nicht, irgen­dein wis­senschaftlich­es Schlag­wort (hier Genetik) zu zitieren, um SF zu sein, so wie es nicht reicht, „Energie, Schwingung und Res­o­nanz“ zu sagen, um zu beweisen, dass Edel­steine durch ihre bloße Gegen­wart heilend wirken.

sagt:

Auch die SF ist nur ein Teil­bere­ich der Phan­tastik … So götzen­haft an heute gülti­gen wis­senschaftlichen Erken­nt­nis­sen und Naturge­set­zen zu kleben halte ich für über­flüs­sige und unnötige Ein­schränkung der Fan­tasie und Kreativ­ität. Dieses sklavisch am Begriff Wis­senschaft kleben ist auch so ein Defiz­it viel­er selb­ster­nan­nter SF-Fans.

Bandit

sagt:

-
Hal­lo Ulrike,
Wolver­ine hat zwar von Geburt an seine Klauen,
aber seine Knochen aus Adamandi­um sind durch
die Wis­senschaft her­vorgerufen.
Und die Kugel Xavier alle Mutan­ten find­en kann
scheint mir auch so etwas wis­senschaftlich­es
und auch fik­tion­als.

Aber grund­sät­zlich bin ich auch dafür, dass man
den Begriff Sci­ence-Fic­tion nicht immer so
wort­ge­treu nehmen sollte. Ein­fach mal lock­er
bleiben.

sagt:

Stimmt, Ban­dit, diese Ele­mente in X-Men sind SF – aber die anderen eben nicht. Ein Fan­ta­sy-Roman mit Zauberei und Fan­ta­sy-Wesen, wird ja auch nicht SF, nur weil die nichtza­ubern­den Bauern Super­weizen gezüchtet, der Schmied ein neues Ver­fahren zum Härten von Kupfer oder der Stell­mach­er einen durch Mag­netkraft schweben­den Wagen erfun­den hat …

Wie gesagt: Auf die Güte der Texte hat das Label keinen Ein­fluss. Auf Denkmuster schon.

Stefan Holzhauer

Stefan Holzhauer

sagt:

Das macht es sich viel zu ein­fach. Definiere doch erst­mal »Fan­ta­sy«. Was, wenn die Magie gar keine ist? Was, wenn das Ganze tat­säch­lich auf einem frem­den Plan­eten spielt und nur nach Fan­ta­sy aussieht? Was ist mit Par­al­lelu­ni­versen, dem Mul­ti­ver­sum? Was, wenn ein ver­meintlich­er Fan­ta­sy­ro­man ganz ein­fach in einem anderen Uni­ver­sum mit anderen Naturge­set­zen han­delt (übri­gens immer wieder ein zen­traler Punkt bei Mar­vel und DC, da wim­melt es von Uni­versen. Wer sagt denn, dass Super­helden­sto­ries in unserem Uni­ver­sum spie­len?)? Das ist übri­gens dur­chaus wis­senschaftlich, die The­o­rie der Exis­tenz par­al­lel­er Uni­versen mit anderen Naturge­set­zen als in unserem ist dur­chaus anerkan­nt.

Ich kann mich nur wieder­holen: die Fokussierung auf Pop­ulär­wis­senschaft basierend auf den hiesi­gen Naturge­set­zen als einzige Grund­lage der SF halte ich für nicht vertret­bar und völ­lig indiskutabel.

Kyr

sagt:

Ich möchte aus gegeben­em Anlass auf den Roman von Niven/Gerrold »Die fliegen­den Zauber­er« hin­weisen. Das ist Sci­ence-Fic­tion, wiewohl es dort Magie gibt, jeden­falls glauben das die Ein­heimis­chen.

Mehr: Auf Gedanken­zirkus

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