GRAVITY – Bundesstart 03.10.2013
Über 3D lässt sich bekanntlich viel streiten. Sinn und Unsinn. Wie ist es eingesetzt und trägt es zur Handlung bei? Natürlich wird AVATAR in dieser Beziehung seine Vormachtstellung durch irrende Gemüter und unzulängliche Erfahrung behaupten können. Zugegeben, was den stereoskopischen Effekt angeht hat James Cameron alles richtig gemacht. Hat es AVATAR zu einem besseren Film gemacht? Nach wie vor sind Pixars Animationsfilme die kunstvollsten und effektivsten Nutznießer von 3D. Doch auf einmal kommt Alfonso Cuarón. Und er dreht nicht nur den eindringlichsten, sondern auch spektakulärsten 3D-Film, seit das Medium neu erfunden wurde. Jeder Film, der sich zukünftig in 3D neben GRAVITY behaupten könnte, muss aus Alfonso Cuaróns Konzept von GRAVITY gelernt haben. 3D ist bei GRAVITY nicht nur die so viel zitierte zusätzliche Erzählebene. 3D wird von Alfonso Cuarón genutzt, wie von keinem anderen Filmemacher zuvor. Er macht den Effekt nicht zur zusätzlichen, sondern zur eigentlichen Erzählebene.
Vielleicht erinnert sich der ein oder andere an die Action-Sequenzen in CHILDREN OF MEN, die aus unvorstellbar kompliziert choreografierten Plansequenzen bestanden. Alfonso Cuarón geht bei GRAVITY einen entscheidenden Schritt weiter. Waren bei CHILDREN die langen Sequenzen einer physischen Logistik unterworfen, entwickelten sich hier die atemberaubenden Weltraum-Aufnahmen maßgeblich durch die innovative Kraft von Inspiration, Kunstverständnis und psychologischem Gespür. Fast eine halbe Stunde dauert die ungeschnittene Eingangssequenz, in der die Kamera die Gesichter nah einfängt, sich wieder mehrere hundert Meter vom Ort entfernt, erneut annähert, mal auf den Figuren verweilt, um sie dann stationär zu verlieren, sich wieder entfernt, um dann so nahe zu kommen, dass die Kamera unvermittelt den subjektiven Blick der Astronauten einnimmt, inklusive Spiegelung des Visiers. Dass diese Ästhetik nicht zu einem optischen Chaos verkommt, ist dem Feinsinn der Inszenierung zu verdanken, wo der Regisseur stets das perfekte Tempo findet und im genau passenden Moment diese Perspektivenwechsel vollzieht. Doch das ist erst der Beginn einer ungeheuren Tour-de-Force, wie sie kein Film in den kommenden Jahren seinem Publikum mehr wird bieten können.
Der Weltraum ist kein Abenteuer. GRAVITY ist, in seinem Rahmen, so realistisch, wie es kaum einem Film in dem Genre bisher gelungen ist. Alfonso Cuarón wischt jede Verklärung sofort von der Leinwand. Mit seinen grandiosen und intensiven, weil sehr ausgeklügelten, Bildern reduziert er den Menschen auf das, was er im Weltraum tatsächlich ist. Es ist eben kein Abenteuer, der Weltraum ist nicht des Menschen Freund. Es bedurfte nicht einmal die Hälfte des Films, bis ich für mich feststellen musste, dass im Verlauf der Handlung alles passieren konnte und ich auch alles akzeptieren würde. Dabei verbietet sich der Film auch die romantisierte Vorstellung von spirituellen Einklängen des Menschen mit dem Universum. Weder die Inszenierung, noch die Handlung unterwerfen sich klassischen Spannungselementen, weil diese allein mit dem optischen Rahmen vollkommen ausgehebelt wurden. Ich war nie ein Freund von 3D, weil es den allerwenigsten Filmen gelang, das Medium integrativ zu nutzen. GRAVITY funktioniert bestimmt auch in zweidimensionaler Optik, aber er ist definitiv der Film, der in 3D gesehen werden sollte. Ich kann mich an keinen Film erinnern, wo mich auch nur eine Szene in 3D derart überwältigt hätte, weil sie ausschließlich in 3D ihren vollen emotionalen Umfang ausspielen durfte. GRAVITY ist von der ersten, bis zur letzten Szene dieses Ereignis, welches diese überwältigenden Eindrücke unablässig zu zelebrieren versteht.
Wer den Fehler begeht, sich im Vorfeld mit Foren und Rezensionskommentaren abzugeben, der wird sehr schnell zu einer ungerechtfertigten Ernüchterung gebracht. Nichts was Großmäuler und anonyme Idioten gegen GRAVITY ins Feld führen ist wahr. Da werden Dinge angeprangert, die einfach nicht wahr sind. Man würde im schalltoten Raum Geräusche hören, oder es wäre ein für Hollywood typisches Drama. Es gibt sogar Stimmen, die auf Grund des Filmes, nicht den Film, sondern den Begriff von Science Fiction neu definieren wollten. Alles sehr kontraproduktiv, weil am Film vollkommen vorbei. GRAVITY war für mich kein Erlebnis, sondern eine Erfahrung. Etwas existenzielles. Ging es in federführenden Science Fiction-Filmen nicht schon immer um die Zustandsbeschreibungen einer aktuellen Gesellschaftsform? Alternative Energieressourcen, Überbevölkerung, tagesaktuelle Politikprobleme. Wie wichtig das ist, reduziert GRAVITY auf zwei Personen und einen einzigen Drehort. Natürlich ist der Weltraum sehr viel mehr als nur ein einfacher Drehort, genau dadurch werden Klimawandel und politische Einflüsse etwas beliebig, denn das Universum setzt sich über diese banalen Menschlichkeiten hinweg. Weder Energie, noch Überbevölkerung, noch politische Problematiken können im großen Ganzen eine Rolle spielen. Der Weltraum ist nicht nur kein Abenteuer, sondern absorbiert auch die Wichtigkeit des Menschen an sich.
GRAVITY
Darsteller: Sandra Bullock, George Clooney, Ed Harris (Stimme) u.a.
Regie: Alfonso Cuarón
Drehbuch: Alfonso Cuarón, Jonas Cuarón
Kamera: Emmanuel Lubezki
Bildschnitt: Alfonso Cuarón, Mark Sanger
Musik: Steven Price
Produktionsdesign: Andy Nicholson
zirka 90 Minuten
USA 2013
Promofotos Copyright Warner Bros.