MARA UND DER FEUERBRINGER, Phantastik in Deutschland – und ich

Poster Mara und der FeuerbringerDank glück­lich­er Umstände ist mir endlich etwas gelun­gen. Ich hat­te schon nicht mehr daran geglaubt. Man sollte meinen, dass es heutzu­tage ver­gle­ich­sweise ein­fach ist, einen Film im Kino zu sehen. Das ist auch so, zumin­d­est, wenn es um amerikanis­che Block­buster oder hohle bis plat­te deutsche Komö­di­en geht. Geht es jedoch um Phan­tastik, dann tut sich die hiesige Film­branche unge­heuer schw­er – dabei hat der deutsche Film eine beein­druck­ende Geschichte, was Phan­tastik ange­ht, und war mal Vor­re­it­er im Genre. NOSFERATU, METROPOLIS, DOKTOR MABUSE waren einige der frühen Vertreter, ver­mut­lich die bekan­ntesten. Und sog­ar im Fernse­hen und Film später­er Jahre gab es vieles Phan­tastis­ches zu sehen, selb­st wenn sich manch ein­er der heute Ver­ant­wortlichen nicht daran zu erin­nern scheint, oder sich nicht erin­nern will. RAUMPATROUILLE ist weit vorne zu nen­nen. Ken­nt noch wer ALPHA ALPHA aus dem Jahr 1972, mit Karl-Michael Vogler in der Rolle des Agen­ten Alpha? Eine ZDF-Serie, die qua­si die X-Akten vor­weg­nahm – die als »ver­schollen« galt (man bekommt sie seit Feb­ru­ar 2015 auf DVD). Fernse­hfilme und Serien von Rain­er Erler? WELT AM DRAHT? MOON 44? Die in Copro­duk­tion mit Hol­ly­wood ent­stande­nen UNENDLICHE GESCHICHTE oder ENEMY MINE (GELIEBTER FEIND)?

Und dann war es irgend­wann vor­bei, das muss so Ende der Achtziger gewe­sen sein. Während ins­beson­dere die Amerikan­er eine erfol­gre­iche SF-, Mys­tery- und Fan­ta­sy­serie nach der näch­sten raus­pumpten (und auch haufen­weise vergessene, manche zu Recht, andere zu Unrecht), entschlossen sich nahezu alle maßge­blichen Köpfe im Kon­glom­er­at der deutschen Film- und Fernsehschaf­fend­en, dass die Phan­tastik, ja das Genre all­ge­mein, nicht mehr stattzufind­en habe. Vielle­icht weil es irgend­wie in den Köpfen der Anspruchs­verseucht­en auf der verzweifel­ten Suche nach ebn dem neb­ulösen »Anspruch« keine Kun­st ist (Mur­nau und Lang rotieren im Grab). Das ist seit­dem bis auf einzelne und/oder unsägliche Aus­nah­men der Sta­tus Quo.

Im Kino wech­seln sich haupt­säch­lich Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gun­gen, Milieustu­di­en und Komö­di­en mit Til Schweiger abDenn der Sta­tus heute: Im Kino wech­seln sich haupt­säch­lich Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gun­gen, Milieustu­di­en und Komö­di­en mit Til Schweiger ab. Im öffentlich-rechtlichen Fernse­hen (über die Pri­vat­en fan­gen wir lieber gar nicht an zu reden) ver­set­zt man den durch­schnit­tlich (!) 62 (!) Jahre alten Zuschauer mit sich selb­st dauer­plagi­ieren­den Tatorten immer der­sel­ben Machart und mit immer densel­ben Schießbu­den­fig­uren (ARD) oder mit Rosamunde Pilch­er oder ver­gle­ich­baren Schmonzetten (ZDF) ins jahre­lang ver­di­ente Wachko­ma. Inno­va­tion: Fehlanzeige. Mut zu Neuem, zu Abge­fahren­em: Wird von offen­bar hirn­toten Pro­gram­mgestal­tern sofort wegge­boxt. Ist näm­lich schlecht für die allmächtige Quote, läuft deswe­gen mit viel Glück um 0:15 Uhr auf arte oder einem der Zweit-, Dritt-, Fün­ftver­w­er­tungs-Ali­bisender, diese finanziert mit den üppig fließen­den Gebühren, bezahlt auch von der­jeni­gen unter­halb eines Alters von 62 Jahren, die den senilen Scheiß auf ARD & ZDF allzu oft gar nicht sehen wollen.

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Und wenn mal jemand kommt, der es anders machen will, und sog­ar das Stand­ver­mö­gen hat, sich für seine Vision einzuset­zen, es nach jahre­langem Ein­satz schafft, einen deutschen Phan­tastik-Film mit nen­nenswertem Bud­get zu real­isieren, was passiert dann? Dann set­zt der Reflex beim Ver­lei­her ein, der Fan­ta­sy sofort als Kinderkram klas­si­fiziert. Das führt dazu, dass gehirn­be­fre­ite Strate­gen bei eben diesem Ver­lei­her den Film als Kinder­film schnei­den lassen, und auch so bewer­ben. Wenn über­haupt. Wer­bung lohnt kaum, gehen ja eh nur Kinder rein. Ist halt ein Kinder­film. Hät­ten die ihre Wahrnehmung nicht vor Jahren an der Garder­obe der Finan­z­abteilung abgegeben, wäre es vielle­icht möglich gewe­sen, festzustellen, dass die Amerikan­er mit »Kinderkram« wie Super­helden, Ster­nenkriegen oder Schw­ertschwingern seit Jahrzehn­ten Mil­liar­den schef­feln und sog­ar etliche entsprechende Fernsehse­rien von der Kri­tik ob der Erzähl-, Schaus­piel- und Pro­duk­tion­squal­ität hoch gelobt wer­den.

Ein Phan­tastik-Film, der eine eigene, eine lokale Iden­tität aufweisen kannJa, ich rede von MARA UND DER FEUERBRINGER. Ja, es ist mir bewusst, dass der es nicht mit US-Pro­duk­tio­nen aufnehmen kann. Nie­mand, der auch nur eine halbe Hirnzelle zur Ver­fü­gung hat, und diese tat­säch­lich nutzt, käme ern­sthaft auf die Idee, das zu ver­gle­ichen. Regis­seur Tom­my Krap­p­weis und Team haben jedoch etwas viel Verblüf­fend­eres geschafft und geschaf­fen: Einen Phan­tastik-Film, der eine eigene, eine lokale Iden­tität aufweisen kann. Der sich zwar gen großes Genre-Kino verneigt, aber nicht ver­sucht, es sklavisch zu kopieren. Der über einen eige­nen, einen deutschen Stil nicht nur ver­fügt, son­dern sich auch traut, ihn auszus­pie­len. Der zeigt, wie es gehen kön­nte, auch ohne Bud­gets im dreis­tel­li­gen Mil­lio­nen­bere­ich.
Und das dann über­haupt nicht – wie bei anderen Pro­duk­tio­nen aus diesem, unseren Land – mit plat­ten Sprüchen oder erhoben­em Zeigefin­ger, vielmehr mit ein­er merk­lichen Menge Freude an der Sache, witzi­gen und auf den Punkt gebracht­en Dialo­gen und ein­er Crew an Schaus­piel­ern, der man deut­lich anmerkt, wie viel Spaß das Ganze gemacht haben muss. Und mal im Ernst: angesichts des Bud­gets kön­nen sich auch die Spezial­ef­fek­te abso­lut sehen lassen, wer was anderes behauptet, hat keine Ahnung vom The­ma.

Nein, der Film ist nicht per­fekt. Kein Film ist das. Man kön­nte die ein oder andere Szene als ansatzweise, nur ein klein wenig albern bemän­geln. Vielle­icht hätte auch der ein oder andere Dia­log ein biss­chen kürz­er gehal­ten wer­den kön­nen, manche Szene mehr Schnitt ver­tra­gen. Das ist aber Korinthenkack­erei angesichts des gesamten Ergeb­niss­es: Ein famos unter­halt­samer Fan­ta­sys­treifen, der sich wirk­lich nicht ver­steck­en muss. Und der sich sein­er Schwächen gegenüber den Block­bustern bewusst ist, und nicht nur ver­sucht, sie durch Impro­vi­sa­tion, Selb­st­be­wusst­sein und Natür­lichkeit wettzu­machen, son­dern dem es ein­fach egal ist, der sein eigenes Ding durchzieht. Sehr erfrischend.

Große Freude haben mir die immer wieder vork­om­menden trock­e­nen Ein­würfe der Pro­tag­o­nistin Mara, sou­verän und witzig, aber auch ein­fühlsam gespielt von Lil­ian Prent, gemacht. Zum einen immer wieder auf den Punkt, zum anderen mit haufen­weise Pop­kul­tur-Anspielun­gen, wie sie deutsche Pro­duk­tio­nen üblicher­weise offen­bar auf Vad­er komm raus ver­mei­den wollen. Jan Josef Liefers hat­te eben­falls textlich ein paar pri­ma Gags auf Lager. Ich sag nur »Unter­wäschemod­ell«. Dessen Büro hat mir in Sachen Szenen­bild übri­gens großar­tig gefall­en.
Auch die Art und Weise, wie gespielt wurde, war grandios, das war vom Ver­hal­ten der Fig­uren und von der ver­wen­de­ten Sprache her abso­lut glaub­würdig – sog­ar in abstrusen Sit­u­a­tio­nen). Wun­der­bar, weil gut beobachtet und gespielt: Esther Schweins in der Rolle der Eso­terik-Mama. Man ken­nt solche Gestal­ten.

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Ich habe einen Kri­tikpunkt. Die Auflö­sung erschien mir etwas ein­fach und weit herge­holt. Ich hätte gern eine noch schlüs­sigere Erk­lärung für das Entste­hen des Feuer­bringers gehabt, das Ende des Antag­o­nis­ten kam mir per­sön­lich eben­falls ein wenig zu abrupt und zu übers Knie gebrochen. Es ist allerd­ings auch schw­er, die Num­mer, die da zuvor aufge­baut wurde, glaub­würdig aufzulösen.
Dabei han­delt es sich aber im Prinzip um Meck­ern auf hohem Niveau, denn der Weg ist das Ziel und die Hin­führung zum Show­down hat mich grandios unter­hal­ten. An eini­gen Stellen hat­te ich den Ein­druck, als sei der Schnitt etwas zu forsch vorge­gan­gen und hätte mir Inhalte voren­thal­ten – offen­bar musste der Film ja unbe­d­ingt für eine Freiga­be »ab 6« run­tergekürzt wer­den. Ich hat­te mehrfach das unbes­timmte Gefühl »da fehlt doch was …«. Ein Direc­tors Cut auf Sil­ber­scheibe wäre über­aus wün­schenswert, gern auch mit höher­er Alters­freiga­be.

Mein hochgereck­ter Mit­telfin­ger hat ein­deutig der Ver­lei­h­fir­ma Con­stan­tin zu gel­tenMein hochgereck­ter Mit­telfin­ger hat ein­deutig der Ver­lei­h­fir­ma Con­stan­tin zu gel­ten, die die strun­z­dumme Idee hat­te, MARA UND DER FEUERBRINGER als Kinder­film zu ver­mark­ten und den Kinos uner­füll­bare Ver­leihkon­di­tio­nen auf­drück­en zu wollen. Oder eher: ihn als Kinder­film zu deklar­i­eren und dann auch noch qua­si keine Wer­bung dafür zu machen (kom­men ja eh nur ein paar Hal­slose). Wenn die deutschen Ver­ant­wortlichen und Geldge­ber der Film­branche weit­er­hin von US-Block­bustern abhängig bleiben wollen, sollen sie ruhig weit­er­ma­chen wie bish­er, sich in Sachen Film auch in Zukun­ft in inter­na­tionaler Bedeu­tungslosigkeit suhlen und sich hin und wieder über ein weltweit wahrgenommenes Geschichtsmelo­dram freuen, das finanziell unbe­deu­tend bleibt. Ja, MARA basiert auf einem Jugend­buch, das ist so und darüber muss sich auch jed­er im Klaren sein, der ihn sich anschaut. Aber das hat doch bei Har­ry Pot­ter auch nie­man­den gestört?

Die Ver­ant­wortlichen der Branche täten aber gut daran, zu erken­nen, dass die Welt auch in Deutsch­land inzwis­chen von jed­er Menge Geeks und Nerds bevölk­ert ist und diese ein Zielpub­likum darstellen, das derzeit völ­lig an Hol­ly­wood ver­loren ist. Da wäre sog­ar Geld zu machen, man müsste es nur wollen. Da wäre zudem haufen­weise Platz für inno­v­a­tive Ideen, es müsste jedoch erst ein­mal den Willen geben, so etwas umzuset­zen.

MARA UND DER FEUERBRINGER kann ich jedem aufgeschlosse­nen Fan­ta­sy­fan ans Herz leg­en, der weiß, dass er keinen Mul­ti­mil­lio­nen-Dol­lar-Streifen erwarten darf, son­dern einen grund­soli­den, eigen­ständi­gen und über­aus sym­pa­this­chen Phan­tastik-Film aus deutschen Lan­den.

Ich verteile neun von zehn Jör­mungan­dr. Die BlueR­ay ist bere­its vorbestellt.

Und wenn Con­stan­tin und Pro­duzen­ten nicht weit­eren Teilen grünes Licht geben, dann kön­nen sie mir in alle Zukun­ft gestohlen bleiben – und ich werfe mein Geld weit­er­hin Dis­ney und Co hin­ter­her. Für die deutschen Kreativ­en würde ich mir jedoch ehrlich von Herzen wün­schen, dass die Ver­ant­wortlichen endlich, endlich aufwachen. Ich bin sich­er, da liegen zuhauf coole Konzepte und Drehbüch­er in irgendwelchen Schubladen.

Dis­claimer: Tom­my Krap­p­weis hat mich vor ein paar Wochen auf­grund von Artikeln hier auf Phan­taNews auf Face­book als Fre­und ange­fragt, das hat­te ich pos­i­tiv bek­lickt. Danach habe ich ihm auf der RPC ein­mal kurz die Hand geschüt­telt, eine län­gere Kom­mu­nika­tion hat das Messegeschehen erfol­gre­ich ver­hin­dert. Wir haben uns seit­dem dort (auf Face­book) bisweilen zu ver­schieden­sten The­men aus­ge­tauscht (öffentlich als auch nichtöf­fentlich) und waren dur­chaus nicht immer ein­er Mei­n­ung – was völ­lig nor­mal ist.
Deswe­gen: Da mir sowas bere­its auf Face­book unter­stellt wurde: Wer glaubt, ich würde Gefäl­ligkeits­be­sprechun­gen schreiben, der soll mal einen Blick auf die anderen Besprechun­gen oder Artikel hier auf Phan­taNews wer­fen, seinen ver­dammten Aluhut nehmen, und zum Teufel gehen, okay?

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MARA UND DER FEU­ER­BRIN­GER
Dar­stel­ler: Li­lian Prent, Jan Jo­sef Lie­fers, Es­ther Schweins, Chris­toph Ma­ria Herb­st, Eva Ha­ber­mann, Alex Si­mon, Ca­rin C. Ti­etze, Jo­seph Han­nes­schlä­ger, Bil­ly Boyd und Heino Ferch
Dreh­buch und Re­gie: Tom­my Krapp­weis
Pro­du­zent: Chris­tian Be­cker
Aus­füh­ren­der Prou­zent: Mar­tin Mosz­ko­wicz
Ka­mera: Ste­phan Schuh
Mu­sik: An­dreas Lenz von Ungern-Stern­berg, Do­mi­nik Schus­ter
Maske: Tat­jana Kraus­kopf, Ve­rena Weis­sert
Kos­tüm: Janne Bir­ck
Sze­nen­bild: Al­bert Jupé
Su­per­vi­sor Vi­su­elle Ef­fekte: John Nug­ent
Pro­du­cer Vi­su­elle Ef­fekte: Be­ne­dict Lau­benthal
Krea­turen­de­si­gner: Alex­an­der Sta­nia
Creature/Environmental De­sign: Alex­an­der Pohl
Cas­ting: Da­niela Tol­kien
Pro­duk­ti­ons­fir­men: Rat Pack Film­pro­duk­tion GmbH in Co-Pro­duk­tion mit RTL Te­le­vi­sion GmbH
Deutsch­land 2015

Pro­mo­fo­tos Co­py­right 2015 Con­stan­tin Film Ver­leih GmbH

AutorIn: Stefan Holzhauer

Meist harm­los­er Nerd mit natür­lich­er Affinität zu Pix­eln, Bytes, Buch­staben und Zah­n­rädern. Kon­sum­iert zuviel SF und Fan­ta­sy und schreibt seit 1999 online darüber.

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