DREDD 3D, im Zweifel für den Angeklagten

Dredd 3D – Bun­des­start 15.11.2012

Zwei­fel­los ist DREDD ein durch­weg auf­re­gen­des Aben­teu­er. Wenn man den Wer­be­stra­te­gen und Fans der Comic-Rei­he Glau­ben schen­ken darf, ist Pete Tra­vis’ Ver­fil­mung nach Alex Gar­lands Dreh­buch end­lich die fil­mi­sche Umset­zung, auf die man seit Syl­ves­ter Stal­lo­nes ver­geb­li­chen Ver­such von 1995 lan­ge zu war­ten hatte.

Man mag die zyni­sche Dys­to­pie wegen ihrer unre­flek­tier­ten Gewalt für frag­wür­dig hal­ten. Aller­dings ver­las­sen sich Autor Gar­land in der Geschich­te und Tra­vis mit sei­ner Insze­nie­rung ganz auf die Mecha­nis­men des aktu­el­len Action-Kinos. Es muss nicht alles Sinn machen, solan­ge es Spaß macht. Und man muss sich schon lan­ge nicht mehr der poli­ti­schen Kor­rekt­heit unter­wer­fen. Los­ge­löst von allen heu­te funk­tio­nie­ren­den gesell­schafts­po­li­ti­schen Kon­ven­tio­nen, kann der JUDGE in sei­ner Zukunft das Unrecht in den Stra­ßen und Wohn­ghet­tos von Mega-City­‑1 bekämp­fen. Sehr erfolg­ver­spre­chend ist sei­ne Arbeit dabei nicht, wie der titel­ge­ben­de Rich­ter, Geschwo­re­ne und gege­be­nen­falls auch Hen­ker in Per­so­nal­uni­on lako­nisch zuge­ben muss.

In einer Stadt wie Mega-City­‑1, die sich von Bos­ton bis nach Phil­adel­phia erstreckt, braucht es star­ke und flin­ke Hän­de, die durch­grei­fen. Denn eine Stadt mit 800 Mil­lio­nen Ein­woh­nern, was unge­fähr der aktu­el­len Ein­woh­ner­zahl des gesam­ten Ame­ri­ka ent­spricht, ist Kri­mi­na­li­tät kaum noch zu kon­trol­lie­ren. Und so patroulie­ren die Jud­ges direkt auf der Stra­ße, jagen schwe­re Jungs und har­te Bur­schen und füh­ren sie direkt ihrer gerech­ten Stra­fe zu. Das erspart sehr viel Zeit und noch mehr behörd­li­chen Auf­wand. Da der titel­ge­ben­de Judge Dredd, akri­bisch nach der Vor­la­ge, in kei­ner Sze­ne sei­nen mar­kan­ten Helm abnimmt und sei­ne Augen dadurch nie zu sehen sind, braucht es eine Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur für den Zuschau­er. Das sind eben­falls Regeln des Kinos, auch im Aktu­el­len, so erscheint die­se Figur in Form von Ander­son, einer Anfän­ge­rin, die weni­ger wegen ihrer har­ten Art zu einem Judge aus­ge­bil­det wer­den soll, son­dern wegen ihrer Fähig­keit die Gedan­ken ande­rer Men­schen lesen zu kön­nen. Das hilft bei der Urteils­fin­dung auf frei­em Feld unge­mein, ist effek­tiv und führt zu weni­ger Fehlurteilen.

Unter­wirft sich der Film sonst sei­nem Anspruch pau­sen­los Waf­fen aller Art spre­chen zu las­sen und das Publi­kum mit Blut­ex­zes­sen zu unter­hal­ten, kris­tal­li­siert sich aus den bei­den Kol­le­gen eine inter­es­san­te Bezie­hung her­aus. Der sto­isch han­deln­de und manch­mal zynisch reagie­ren­de Dredd ent­wi­ckelt zu sei­ner zurück­hal­ten­den und hin­ter­fra­gen­den Part­ne­rin eine sym­bio­ti­sche Bezie­hung. Er nimmt sich mehr und mehr dabei zurück, vor­schnell ein Urteil zu fäl­len, um die Exe­ku­ti­on fol­gen zu las­sen. Nach und nach ver­traut er zuneh­mend ihrer Fähig­keit des Gedan­ken­le­sens. Aber umge­kehrt nimmt auch Ander­son lang­sam die lebens­not­wen­di­ge Weis­heit an, dass der schnel­le­re Fin­ger am Abzug gesün­der sein kann. DREDD ist aber kei­ner die­ser abge­dro­sche­nen Bud­dy-Movies von zwei sich zusam­men­rau­fen­den Cha­rak­te­ren, die sich am Anfang noch nicht aus­ste­hen kön­nen. Mit so viel psy­cho­lo­gi­schen Bal­last kann und will sich der Film gar nicht erst auf­hal­ten. Umso absur­der klinkt es, das aus­ge­rech­net durch die­se Umstän­de, die Bezie­hung der Haupt­fi­gu­ren sogar viel ehr­li­cher und rea­lis­ti­scher wird.

Olivia Thirlby als angehender JUDGE
Oli­via Thirl­by als ange­hen­der JUDGE

Man muss Karl Urban ein gro­ßes Lob aus­spre­chen, dass er sich als halb­wegs eta­blier­ter Main­stream-Dar­stel­ler der Rol­le soweit unter­wirft, über die gesam­te Lauf­zeit sein Gesicht nicht zei­gen zu dür­fen. Wenigs­tens kann man ihm nach sei­nen phy­si­schen Attri­bu­ten zuge­ste­hen, ein groß­ar­ti­ger Judge Dredd zu sein, nicht zu ver­ges­sen sei­ne tief­keh­li­gen, per­fekt geraunz­ten Ein­zei­ler. Mit ihrem Reh­blick und der fran­si­gen Fri­seur erscheint Oli­via Thirl­by nur Anfangs wie das fal­sche Pferd im Stall, kann dann aber mit ihrem Spiel und der ers­ten Action­se­quenz zei­gen, dass sie hier rich­tig auf­ge­ho­ben ist. Gro­ßes Schau­spiel wird bei die­sem Film auch nicht die ers­te Agen­da gewe­sen sein. So ist Lena Hea­deys Figur der bösen Ma-Ma eher dem Fun­dus für Kli­schee-Gangs­ter ent­sprun­gen, den größ­ten Ein­druck hin­ter­lässt ihre exzel­lent geschmink­te Gesichts­nar­be. Aber auch hier muss man zuge­ste­hen, dass der Film bestimmt nicht die Absicht hat­te, das Gen­re neu zu erfin­den. Ma-Ma ist als obers­ter Fies­ling in einem Film in die­sen Brei­ten­gra­den genau angemessen.

Antho­ny Dod Man­t­le erlaubt sich mit der Kame­ra effek­ti­ve 3D-Effekt, lei­der aber auch all­zu oft viel zu unüber­sicht­li­che Bil­der. Da es im Action-Kino unver­zeih­lich schlim­me­re Ver­feh­lun­gen durch Schul­ter­ka­me­ra und Stak­ka­to-Schnitt gibt, ist das visu­el­le Ver­gnü­gen kei­nes­wegs getrübt, es folgt eben einem Trend. Nur die Kame­ra­ef­fek­te, wel­che die Wir­kung der Mode­dro­ge Slo-Mo visua­li­sie­ren sol­len, wir­ken wie eine auf­ge­setz­te Spie­le­rei, die eher ablen­ken. Das ansons­ten wir­kungs­vol­le  Tem­po des Films wird durch Paul Leon­rad-Mor­gans elek­tro­ni­schen Score effek­tiv unter­stützt, hat aber für sich allein ste­hend kaum Hörpotential.

Lena Headey: Mut zur Hässlichkeit
Lena Hea­dey: Mut zur Hässlichkeit

Ist DREDD mit Action, Dar­stel­lern und tech­ni­scher Umset­zung zwei­fels­frei effi­zi­ent zu Guns­ten des Zuschau­ers umge­setzt, hakt es lei­der an man­geln­der Inno­va­ti­on was die Gestal­tung aber auch den Hin­ter­grund von Mega-City angeht. Stra­ßen, Ver­kehrs­füh­rung und selbst die Auto­mo­bi­le sind viel zu offen­sicht­lich noch in unse­rer rea­len Welt ver­wur­zelt. Das könn­te durch­aus für einen rea­lis­ti­sche­ren Bezug beab­sich­tigt gewe­sen sein, und zum Glück erspart man dem Zuschau­er flie­gen­de Autos, kunst­voll inein­an­der ver­schach­tel­te Wol­ken­krat­zer und gigan­ti­sche Häu­ser­fas­sa­den mit Leucht­re­kla­me. Den­noch wir­ken die Außen­sze­nen trotz ihrer tem­po­rei­chen Action nicht so ganz am Puls der eigent­li­chen Film­prä­mis­se. Dafür ver­la­gert sich die Hand­lung sehr schnell in eines der 200 Stock­wer­ke hohen Ghet­tos, wo das Set-Design auch nicht gera­de mit inno­va­ti­ven Ein­ge­bun­gen geseg­net ist. Aber zumin­dest sind die Bau­ten einer unheil­vol­len Zukunft hier noch nach­voll­zieh­bar und optisch wirk­sam. Ori­gi­na­li­tät sieht wirk­lich anders aus, aber was will man als Zukunfts­vi­si­on schon ver­kau­fen, was man nicht schon anders­wo gese­hen hat. Daher ist die visio­nä­re Boden­stän­dig­keit bei DREDD eigent­lich zu bewun­dern, wirkt aber gera­de in den Außen­ein­stel­lun­gen irgend­wie falsch und manch­mal bil­lig produziert.

Ganz gro­ßes Kino ist auch DREDD nicht gewor­den. Aber es ist ein soli­des Spek­ta­kel, das, wenn­gleich etwas zu unori­gi­nell gerad­li­nig erzählt, das zumin­dest nicht ent­täuscht. Die unre­flek­tier­te Gewalt wird durch die Hand­lung nicht hin­ter­fragt, was bei unzäh­li­gen Strei­fen des Action­ki­nos eben­so sein mag. Bei DREDD wäre es aber viel­leicht ein inter­es­san­ter Ansatz gewe­sen und hät­te ihn von ver­gleich­ba­ren Fil­men abge­ho­ben. So ver­gnügt man sich über 90 Minu­ten mit einem wun­der­ba­ren Feu­er­werk an unun­ter­bro­che­nen Schau­wer­ten, das sinn­be­freit bleibt, aber bei dem man nichts bereu­en muss.

Judge Dredd setzt sich durch
Judge Dredd setzt sich durch

DREDD 3D
Dar­stel­ler: Karl Urban, Oli­via Thirl­by, Lena Hea­dey, Wood Har­ris, Lang­ley Kirk­wood, Juni­or Sin­go, Luke Tyler, Jason Cope, Domnhall Glee­son u.v.a.
Regie: Pete Travis
Dreh­buch: Alex Gar­land nach den Comics von John­Wag­ner, Car­los Ezquerra
Kame­ra: Antho­ny Dod Mantle
Bild­schnitt: Mark Eckersley
Musik: Paul Leonard-Morgan
Pro­duk­ti­ons­de­si­gner: Mark Digby
USA / 2012
zir­ka 96 Minuten

Pro­mo­fo­tos Copy­right Lions­gate / Uni­ver­sum Film

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