»Zahl was Du willst«? Börsenvereins-Justiziar zur Buchpreisbindung – und Konsequenzen daraus

eBook-Paragraph

Ich hat­te vor ei­ni­ger Zeit (2012) mal beim Bör­sen­ver­ein in Sa­chen Buch­preis­bin­dung nach­ge­fragt und dar­auf­hin von de­ren Ju­sti­zi­ar Chri­sti­an Sprang eine Ant­wort be­kom­men, die die Sicht der Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on aus­drück­te. Wie je­der weiß muss das al­ler­dings nicht den Tat­sa­chen ent­spre­chen; dass so­gar die Buch­bin­dungs­treu­händ­ler­kanz­lei das spä­ter an­ders sah, dürf­te zwi­schen de­nen und dem Ver­ein zu ei­ni­gem … »Spaß« ge­führt ha­ben, wie das spä­te­re Rum­ge­eie­re zum The­ma ziem­lich deut­lich zeigt. Da man al­ler­dings sei­ne Mei­nung gern in Ge­set­ze ge­fasst sieht, wur­de so lan­ge auf die Ge­setz­ge­ber ein­ge­re­det, bis eBooks ex­pli­zit ins Buch­preis­bin­dungs­ge­setz auf­ge­nom­men wur­den, die Er­wei­te­rung trat am 1. Sep­tem­ber in Kraft. So weit, so nor­mal.

To­li­no Me­dia hat Sprang jetzt in sei­nem Blog dazu in­ter­viewt. Und da blei­ben bei mir dann doch ei­ni­ge Fra­gen of­fen und ich muss mich an Stel­len er­heb­lich wun­dern. Er sagt bei­spiels­wei­se:

Prin­zi­pi­ell agie­ren Self­pu­blisher als Ver­la­ge und ha­ben auch die­sel­ben Pflich­ten, wie z.B. zur Fest­set­zung ein­heit­lich gel­ten­der Ver­kaufs­prei­se (Buch­PrG §5). Al­ler­dings nimmt der neu be­schlos­se­ne Ge­set­zes­text die­je­ni­gen Self­pu­blisher aus, de­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen nicht als ver­lags- und buch­han­dels­ty­pisch ein­ge­stuft wer­den kön­ne. Wel­che Fäl­le dies ge­nau be­trifft, wird im Lau­fe der Jah­re ver­mut­lich durch die Ge­rich­te ent­schie­den wer­den.

Sprang macht wie­der Pro­pa­gan­da für die Po­si­ti­on des Bör­sen­ver­eins, kein Wun­der, der ist ja de­ren Ju­sti­zi­ar, es ist sein Job, sol­che Din­ge ein­fach mal zu be­haup­ten, egal wie kor­rekt sie sein mö­gen (wir wis­sen: drei An­wäl­te, sechs Mei­nun­gen, und es ent­schei­den am Ende Ge­rich­te, nicht An­wäl­te).

Wie man sich in ei­nem Ab­satz selbst wi­der­legt: Erst sagt er »Self­pu­blisher sind Ver­le­ger«, dar­über kann man schon lan­ge dis­ku­tie­ren, denn sie sind eben kei­ne Ver­le­ger im klas­si­schen Sin­ne, selbst wenn der Bör­sen­ver­ein das so her­bei­de­fi­nie­ren möch­te. Und dann wi­der­spricht er sich kon­se­quen­ter­wei­se so­fort, in­dem er zu­gibt, dass es eben Self­pu­blisher gibt, die nicht ver­lags- und buch­han­dels­ty­pisch sind. Das könn­te er an die­ser Stel­le als Fach­an­walt si­cher auch de­tail­lier­ter aus­füh­ren, ver­weist aber dar­auf, dass das Ge­rich­te klä­ren wer­den (was ich ja auch be­reits so ver­mu­te­te). Sieht für mich ein­deu­tig nach »jetzt bloß nix Fal­sches sa­gen!« aus.

Im wei­te­ren Ver­lauf wird dann (mal wie­der) eine Droh­ku­lis­se auf­ge­baut: »Ein Ver­stoß ge­gen die Buch­preis­bin­dung ist kein Ka­va­liers­de­likt« und die hei­li­ge In­qui­si­ti­on wird euch mit Feu­er und For­ke heim­su­chen, wenn ihr es trotz­dem tut. Und das, ob­wohl er selbst sagt, dass die Rechts­la­ge ohne Ur­tei­le un­klar ist. So­mit in mei­nen Au­gen rei­nes Ket­ten­ge­ras­sel.

We­der im Ge­setz, noch in den Er­läu­te­run­gen dazu, ist ir­gend­wo eine Preis­gren­ze de­fi­niertKom­plett un­ver­ständ­lich ist für mich, wie der Ju­sti­zi­ar des Bör­sen­ver­eins auf das mono­fi­la­ment­ar­tig schma­le Brett kommt, dass Self­pu­blisher-eBooks un­ter »ei­ner preis­li­chen Ba­ga­tell­gren­ze« von 4,00 Euro mög­li­cher­wei­se von der Buch­preis­bin­dung aus­ge­nom­men sind. We­der im Ge­setz, noch in den Er­läu­te­run­gen dazu, ist ir­gend­wo eine Preis­gren­ze de­fi­niert. War­um also die­se voll­kom­men halt­lo­se Aus­sa­ge? Aber auch hier wi­der­spricht er sich im Prin­zip so­fort wie­der selbst, wenn er auf eine ent­spre­chen­de Fra­ge ant­wor­tet:

To­li­no Me­dia Blog: eBooks sind also erst ab ei­nen La­den­preis von 4,00 EUR preis­ge­bun­den?

Sprang: So ein­fach hat es der Ge­setz­ge­ber nicht ge­sagt! Ent­schei­den­des Kri­te­ri­um ist die Fra­ge, ob ein eBook ver­lags- bzw. buch­han­dels­ty­pisch ist.

Nein, so ein­fach hat es der Ge­setz­ge­ber in der Tat nicht ge­macht, denn der nennt über­haupt kei­ne Ba­ge­tell­gren­ze oder -Prei­se. Wo­her die Zahl und die Idee kom­men, kann ich nicht nach­voll­zie­hen.

Ver­öf­fent­li­chun­gen von Self­pu­blishern, die aus­schließ­lich auf ei­ner ein­zi­gen Platt­form oder über ei­nen ein­zel­nen Händ­ler an­ge­bo­ten wer­den, sind nicht buch­han­dels­ty­pischWei­ter­hin führt Sprang aus, dass Ver­öf­fent­li­chun­gen von Self­pu­blishern, die aus­schließ­lich auf ei­ner ein­zi­gen Platt­form oder über ei­nen ein­zel­nen Händ­ler an­ge­bo­ten wer­den, eben nicht buch­han­dels­ty­pisch sind. Das ist auch nicht un­ver­ständ­lich und zu­dem nichts Neu­es. Die Buch­preis­bin­dung sagt, dass Bü­cher bei al­len Ver­kaufs­stel­len zum glei­chen Zeit­punkt zum sel­ben Preis zu ha­ben sein müs­sen. Wenn ich ein eBook nur – bei­spiels­wei­se – via Ama­zon ver­kau­fe, dann ist das so, egal wie oft ich den Preis än­de­re.

Wenn das mit der »spe­zia­li­sier­ten Platt­form« aber so in­ter­pre­tiert wer­den kann, und durch die Ge­set­zes­än­de­rung zu­dem aus­drück­lich so for­mu­liert wur­de, wä­ren mei­ner An­sicht nach an­hand der Aus­sa­gen Sprangs jetzt »zahl was Du willst!«-Aktionen mit Self­pu­blisher-eBooks mög­lich.

Vor­aus­set­zun­gen:

  • Die Platt­form ist nicht buch­han­dels­ty­pisch. Das dürf­te ein­fach sein: Wenn ich eine Sei­te ab­seits des Buch­han­dels ein­rich­te, die ein eBook-Bund­le als »pay what you want«- ver­kauft, dann geht es schon vom Prin­zip her kaum noch buch­han­delsunty­pi­scher, denn im Buch­han­del wäre so et­was dank Buch­preis­bin­dungs­ge­setz un­mög­lich – hier wird das The­ma zum In­cep­ti­on-ar­ti­gen Mind­fuck, wenn be­reits ein an­de­res Ver­kaufs- und Pri­cing­mo­dell frag­los eine An­ders­ar­tig­keit ge­mäß dem Ge­set­zes­text er­zeugt. Und: dass es sich um eine »spe­zia­li­sier­te Platt­form« han­delt, wird nie­mand be­strei­ten kön­nen.
  • die eBooks dür­fen nir­gend­wo an­ders er­hält­lich sein. Also tau­fri­sche eBooks, die noch nie an­ders­wo ver­kauft wur­den, oder die al­ter­na­tiv vor der Ak­ti­on von al­len »buch­han­dels­ty­pi­schen Platt­for­men« in­klu­si­ve Ama­zon ent­fernt wur­den. Wäre bei Ama­zon zu­dem ein­fach: ein eBook zeit­wei­lig off­line neh­men ko­stet nur ein paar Klicks.

Durch die­se Pa­ra­me­ter wä­ren die eBooks nicht buch­han­dels­ty­pisch und un­ter­lä­gen nicht der Buch­preis­bin­dungDurch die­se Pa­ra­me­ter wä­ren die eBooks nicht buch­han­dels­ty­pisch und un­ter­lä­gen nicht der Buch­preis­bin­dung, wo­durch das Kon­strukt »zahl was Du willst« mög­lich wird. Man kön­net dann bei­spiels­wei­se ein Bund­le bis­lang nicht ver­öf­fent­lich­ter SP-eBooks für – sa­gen wir mal – vier Wo­chen an­bie­ten und dann wie­der off­line neh­men. Da­nach könn­ten die Self­pu­blisher ihre eBooks wie sie wol­len bei Ama­zon und Co. ein­stel­len und ganz nor­mal ver­kau­fen. Ab die­sem Zeit­punkt wäre dann na­tür­lich auch kein neu­es »zahl was Du willst«-Bundleangebot mit die­sen eBooks mehr mög­lich.

Eben­so we­nig wäre es buch­han­dels­ty­pisch, wenn ich für mei­ne ei­ge­nen selbst­pu­bli­zier­ten eBooks eine Web­sei­te ein­rich­te, über die ich die ver­kau­fe. Denn wenn es die nir­gend­wo an­ders gibt, ist es laut Sprang nicht buch­han­dels­ty­pisch, da »spe­zi­el­le Platt­form«. Und auch in die­sem Fall gilt nach mei­nem Ver­ständ­nis sei­ner Aus­sa­gen dann die Buch­preis­bin­dung nicht, und auch hier könn­te man bei­spiels­wei­se »zahl-was-Du-willst«-Modelle im­ple­men­tie­ren. Dass man mit ei­nem ei­ge­nen Shop in tau­send Ab­mahn­fal­len tap­pen kann, ist al­ler­dings noch ein ganz an­de­res The­ma, aber man kann ja wei­ter fa­bu­lie­ren:

Denk­bar wäre auch ein Dienst­lei­ster, der für Drit­te Bü­cher im »pay what you want«-Verfahren ver­kauftDenk­bar wäre auch ein Dienst­lei­ster, der für Drit­te Bü­cher im »pay what you want«-Verfahren ver­kauft. Wenn es die eBooks nir­gend­wo an­ders gibt, ist die Platt­form nicht buch­han­dels­ty­pisch (spe­zi­el­le Platt­form und Ver­kaufs­mo­dell, das es im Buch­han­del nicht gibt, sie­he oben) und die Buch­preis­bin­dung gilt nicht. Wür­de mich freu­en, wenn je­mand den Mut, die Rechts­ab­tei­lung und die Koh­le hät­te, das aus­zu­pro­bie­ren.

Fa­zit: Wenn der Bör­sen­ver­ein ge­glaubt hat, mit der her­bei­lob­by­isier­ten Ge­set­zes­än­de­rung hät­ten sie jetzt alle Schäf­chen im Trocke­nen und die Self­pu­blisher zu Preis­bin­dung ge­zwun­gen, sieht er sich ge­täuscht, denn dank ei­nes wie so oft bei ak­tu­el­len me­dia­len The­men des #neu­lands hand­werk­lich schlecht ge­mach­ten Ge­set­zes blei­ben nicht nur vie­le Fra­gen of­fen, es stellt sich so­gar durch die schwam­mi­ge For­mu­lie­rung »ver­lags- bzw. buch­han­dels­ty­pisch« ein gan­zer Rat­ten­schwanz von neu­en Fra­gen.

Viel­leicht soll­te man mal Ge­richts- und An­walts­ko­sten crowd­fun­den … Ich kann mir näm­lich gut vor­stel­len, dass der Bör­sen­ver­ein an Prä­ze­denz­ur­tei­len viel­leicht gar kein In­ter­es­se hat, da die nicht in sei­nem Sin­ne sein könn­ten …

p.s.: Trotz all­dem soll­te man als Self­pu­blisher vor­sich­tig blei­ben, denn eine Ab­mah­nung ist schnell ge­schrie­ben, und so­wohl die Rechts­ab­tei­lung des Bör­sen­ver­eins als auch de­ren Kriegs­kas­se sind grö­ßer als eure.

Bild »eBook-Pa­ra­graph« von mir, CC BY

AutorIn: Stefan Holzhauer

Meist harm­lo­ser Nerd mit na­tür­li­cher Af­fi­ni­tät zu Pi­xeln, Bytes, Buch­sta­ben und Zahn­rä­dern. Kon­su­miert zu­viel SF und Fan­ta­sy und schreibt seit 1999 on­line dar­über.

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