SELF/LESS – Der Fremde in mir

Poster Self/lessSELF/LESS – Bun­desstart 20.08.2015

(Spoil­er voraus!) Bere­its mit sein­er ersten Insze­nierung, dem Video zu R.E.M.s »Los­ing My Reli­gion«, set­zte Tarsem Singh Dhand­war einen visuellen Stil, mit dem er später auch das Art­house-Kino über­raschte. Das war 2000 mit THE CELL, und set­zte sich mit THE FALL fort. Selb­st seine kom­merzielleren Großpro­duk­tio­nen KRIEG DER GÖTTER und SPIEGLEIN, SPIEGLEIN zeigten in der Insze­nierung das haupt­gewichtige Inter­esse Tarsem Singhs, die Optik als eine wesentliche Erzäh­lebene zu nutzen. Bere­its in seinem Spielfilm-Debüt THE CELL ging es um die Manip­u­la­tion des men­schlichen Geistes. Ein Police-Detec­tive will in die Gedanken eines ins Koma gefal­l­enen Serienkiller ein­drin­gen, um dessen let­ztes Opfer zu find­en. In SELF/LESS geht es darum, gle­ich das gesamte Bewusst­sein eines Men­schen zu über­schreiben. Eine intellek­tuelle Her­aus­forderung, ist diese The­matik doch bere­its in diversen Fil­men mehr oder weniger gelun­gen behan­delt wor­den. Und ganz sel­ten mit ein­er über den Men­schen reflek­tieren­den Absicht.

Dami­an Hale ist Immo­bilen­mag­nat in New York, und entsprechend mit einem grotesken Ver­mö­gen aus­ges­tat­tet. Doch Hale hat etwas, wobei ihm all sein Geld nicht helfen kann. Er ist alt, und hat Krebs. Über seinen Anwalt und besten Fre­und Mar­tin O’Neill tritt ein Pro­fes­sor Albright an Hale her­an. Albrights Fir­ma kön­nte sein Bewusst­sein in einen jun­gen, gesun­den Kör­p­er trans­ferieren, danach müsste er allerd­ings alles hin­ter sich lassen und seine Iden­tität wech­seln. Nur wenig später wird Damien Hale als Mark Bitwell ein neues Leben begin­nen. Ein junger, kräftiger, und vor allem gesun­der Mann. Allerd­ings muss Mark darauf acht­en, regelmäßig seine Medika­mente zu nehmen, weil er son­st von Hal­luz­i­na­tio­nen heimge­sucht wer­den wird, die sog­ar tödlich enden wür­den. Seine frisch erstark­te Männlichkeit nutzend, begin­nt Mark einen Lebensstil, bei dem er des Öfteren ver­gisst, seine Tablette zu schluck­en. Nicht nur mit unschö­nen Begleit­er­schei­n­un­gen, son­dern mit ein­er schreck­lichen Erken­nt­nis.

SELF/LESS funk­tion­iert her­vor­ra­gend in seinen tech­nis­chen Branchen. Die Kam­er­aar­beit ist solide, in den Action-Sequen­zen aber manch­mal etwas unstet, und ver­lässt immer wieder die pack­ende Per­spek­tive des Helden. Dafür ist Robert Duffys Schnitt ein grandios­es Beispiel, wie man Tem­po, Dra­matik, und eine Menge Atmo­sphäre erzeu­gen kann, wenn man das richtige Konzept für diese oft­mals unter­schätzte Branche hat. Gegen Ende jedes Abschnittes auf Damien Hales alias Mark Bitwells aben­teuer­lichen Weg begin­nt eine immer schneller wer­dende Schnit­tfolge, welche den augen­blick­lichen Sta­tus Quo der Sit­u­a­tion sym­bol­isiert. Wenn Mark sein neues Leben zu genießen begin­nt sind es teil­weise nur einzelne Bilder, die sich im Stakka­to mit Dis­co-Szenen, beim Sex, oder hefti­gen Trinken abwech­seln. Bis das Bild unver­mit­telt ver­har­rt, und der Zuschauer real­isiert, dass der Charak­ter seine dringliche Medika­tion vergessen hat. Das hat viel mit Handw­erk zu tun, wurde hier aber zur Kun­st erhoben.

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Damien Hale ist gewil­lt, den Kör­p­er zu wech­seln und als Mark Bitwell muss er fest­stellen, dass seine neue Erschei­n­ung keine im Labor gezüchtete Fig­ur ist. Von hier an bricht der Film total auseinan­der und geht einen vol­lkomme­nen kon­ven­tionellen, schließlich vorherse­hbaren Weg. Dem Pro­tag­o­nis­ten wird eine Moral aufgezwun­gen, die mit der eigentlichen Prämisse gar nicht mehr vere­in­bar ist. In der zweit­en Hälfte kön­nte Mark Bitwell auch Joe Jed­er­mann sein, der mit Damien Hale nichts mehr zu tun hat. Bitwells Absicht­en und Han­deln sind logisch und nachvol­lziehbar, aber nur aus der Sicht seines früheren Selb­st, welch­es sich aber über­haupt nicht sein­er selb­st bewusst ist. Was Bitwell tut, ist niemals mit dem dominieren­den Damien Hale vere­in­bar. Hier wird ein einge­führter und aufge­bauter Charak­ter unver­mit­telt ins Gegen­teil verkehrt. David und Àlex Pas­tor haben beim Schreiben ein­fach vergessen, wo die eigentlichen Möglichkeit­en liegen. Eine Auseinan­der­set­zung mit der Dual­ität der zwei ver­schiede­nen Charak­tere wird schlichtweg ignori­ert. Aber auch die Möglichkeit­en durch die dargestell­ten Tech­nolo­gie, und die daraus resul­tieren­den moralis­chen und gesellschaftlichen Aspek­te, lassen die Pas­tor-Brüder vol­lkom­men außer Acht.

Man kön­nte noch auf haufen­weise Logik­löch­er einge­hen, viel mehr auch auf die der Hand­lung ent­ge­gen kom­menden son­der­baren Zufälle. Und das fängt schon mit Mark Bitwells Ver­gan­gen­heit an, bevor Hale von ihm Besitz ergriff. Beque­mer kann man es sich als Autor nicht machen, wenn man nicht den Hin­ter­grund der Geschichte im Auge hat, son­dern diesen Hin­ter­grund lediglich als Vehikel für ein eigentlich anderes Genre nutzen will. Das größte Ver­sagen in der Geschichte ist eigentlich, Ben Kings­ley als Damien Hale einzuführen, den Darsteller selb­st aber nach den ersten zwanzig Minuten nicht mehr zu zeigen. Sang- und klan­g­los ver­schwindet Kings­ley, wo es mit geschick­ten Kun­stknif­f­en dur­chaus möglich gewe­sen wäre, ihn immer wieder ins Spiel zu brin­gen – was die Wer­tigkeit der Erzäh­lung dur­chaus um einiges gesteigert hätte. Ein Gim­mick, welch­es dur­chaus einem Kün­stler wie Tarsem Singh gut zu Gesicht ges­tanden wäre. So verkommt SELF/LESS zu einem Action­film, der seine vie­len Möglichkeit­en nicht zu nutzen ver­ste­ht. Er gerät in ein Fahrwass­er, das nur anderen, ähn­lich gelagerten Fil­men nach­fol­gt. SELF/LESS hat sehr viel Unter­hal­tungswert. Aber anspruchsvolle Unter­hal­tung sieht anders aus.

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SELF/LESS
Darsteller: Ryan Reynolds, Ben Kings­ley, Matthew Goode, Natal­ie Mar­tinez, Vic­tor Gar­ber, Derek Luke u.a.
Regie: Tarsem Singh
Drehbuch: David Pas­tor, Àlex Pas­tor
Kam­era: Bren­dan Galvin
Bild­schnitt: Robert Duffy
Musik: Dudu Aram, Anto­nio Pin­to
Pro­duk­tions­de­sign: Tom Foden
117 Minuten
USA 2015

Pro­mo­fo­tos Copy­right Con­corde Filmver­leih

AutorIn: Bandit

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