Auf der Suche nach neuem Science Fiction-Lesematerial lief mir kürzlich irgendwie der Roman JITTERBUG von Gareth L. Powell über die Füße und ich musste erstaunt feststellen, dass der britische Autor schon auf eine Schaffensphase von über einem Jahrzehnt zurückblickt und auch diverse Preise gewonnen hatte (darunter zweimal den BSFA-Award für den besten Roman) – und trotz meines Faibles für SciFi hatte ich von ihm weder gehört, noch etwas gelesen. Shame on me, aber man kann halt nicht alles kennen und ich konnte diese Wissenslücke ja nun mit JITTERBUG auffüllen.
Der Werbetext sprach mich an, also kaufte ich das eBook. Bei Kobo, nicht bei Amazon. Aus Gründen.
Bekommen habe ich mit JITTERBUG einen kurzweiligen Pageturner mit diversen überraschenden Wendungen.
Werbetext:
»On Earth, they depicted justice as blindfolded and impartial, but out here on the frontier, she was red in tooth and claw.«
Jupiter and Saturn are gone, and a mysterious force has built a huge habitable sphere from their ashes. When criminals try to lose themselves on this new frontier, bounty hunters like Copernicus Brown and the crew of his sentient ship Jitterbug get paid to hunt them down. But when Brown rescues Amber Roth, sole survivor of a pirate attack, the Jitterbug and her crew find themselves the target of powerful political factions who want control of the data chip hidden in Roth’s stomach.
And all the while, something vast and ancient creeps towards them from the depths of space…
„Auf der Erde wurde die Justitia als blind und unparteiisch dargestellt, doch hier draußen an der Grenze war sie mit blutigen Zähnen und Klauen bewehrt.
Jupiter und Saturn sind verschwunden, und eine mysteriöse Kraft hat aus ihrer Asche eine riesige bewohnbare Sphäre erschaffen. Wenn Kriminelle versuchen, sich in dieser neuen Grenzregion zu verstecken, werden Kopfgeldjäger wie Copernicus Brown und die Besatzung seines intelligenten Raumschiffs Jitterbug dafür bezahlt, sie aufzuspüren. Doch als Brown Amber Roth rettet, die einzige Überlebende eines Piratenangriffs, werden die Jitterbug und ihre Crew zur Zielscheibe mächtiger politischer Fraktionen, die die Kontrolle über den in Roths Magen versteckten Datenchip an sich reißen wollen.
Und währenddessen schleicht sich etwas Gewaltiges und Uraltes aus den Tiefen des Weltraums auf sie zu …
(Übersetzung von mir)
Wie schon im Klappentext geteasert hat sich das Sonnensystem verändert. Einhundert Jahre vor der Gegenwart des Romans hat eine mysteriöse Kraft angefangen, die äußeren Planeten zu zerlegen und in Kugelsegmente zu verwandeln, die sich nun auf der Position des ehemaligen Asteroidengürtels befinden. Bevor ich mir einen abbreche, um das zu erklären, zitiere ich den Roman:
Imagine an orange. Slice it into eight equal pieces and remove the peel. Now arrange those eight pieces of peel at regular intervals around a tea light. If you move them inwards, they will meet to form a hollow sphere With the candle at the centre, trapping all its light within. Spaced Out, they only block half the light, letting the rest escape. Their inner surfaces are warm, their outer rinds turned to the darkness. The eight shards of the Swirl were those pieces of orange peel writ large. They measured 340 million kilometres from tip to tip, and 85 million across at their widest points. If they moved inwards, they would meet and join somewhere between the orbits of Mars and Earth, completely enclosing our sun in a colossal sphere.
Stell dir eine Orange vor. Schneide sie in acht gleich große Stücke und entferne die Schale. Ordne nun diese acht Schalenstücke in regelmäßigen Abständen um ein Teelicht herum an. Wenn du sie nach innen schiebst, berühren sie sich und bilden eine hohle Kugel, in deren Mitte die Kerze steht und deren Licht vollständig eingeschlossen wird. Sind sie weit auseinander, blockieren sie nur die Hälfte des Lichts und lassen den Rest entweichen. Ihre Innenflächen sind warm, ihre äußeren Schalen sind der Dunkelheit zugewandt. Die acht Splitter des Swirls waren diese Orangenschalenstücke in überdimensionaler Größe. Sie maßen von Spitze zu Spitze 340 Millionen Kilometer und an ihren breitesten Stellen 85 Millionen Kilometer. Würden sie sich nach innen bewegen, würden sie sich irgendwo zwischen den Umlaufbahnen von Mars und Erde treffen und verbinden und unsere Sonne vollständig in einer kolossalen Kugel einschließen.
(Übersetzung von mir)
Dabei sind diese Segmente bewohnbar, sie haben Atmosphäre und sind besiedelbar, was die Menschheit natürlich auch sofort getan hat. Copernicus Brown ist ein Kopfgeldjäger, der mit seinem Schiff JITTERBUG in diesem veränderten Sonnensystem unterwegs ist, um Verbrecher zu fangen. Und damit ist das Setting auch schon erklärt.
Powell schreibt äußerst kurzweilig und erinnert mich an klassische SciFi-Romane wie die von Alan Dean Foster oder Hal Clement. Das Ganze ist ein großes Abenteuer im Sonnensystem und inhaltlich deckt Powell gleich mehrere Genres ab: Near Future-Science Fiction, Politthriller, Seefahrer – oder besser Raumfahrer-Romantik, Romanze, alles da. Dabei sind seine Charaktere stellenweise etwas holzschnittartig, aber man mag sie schnell. Was mir ebenfalls ausgesprochen gut gefallen ist ist die Tatsache, dass der Autor die Handlung aus mehreren Blickwinkeln erzählt; beispielsweise aus dem des Captains Copernicus Brown, aber auch aus dem der geretteten Raumfahrerin, aus dem einer hochrangigen Solsystem-Politikerin, und – und das ist ein Clou – aus dem des Schiffes JITTERBUG. Denn die Schiffe in diesem Universum werden von KIs gesteuert, die allerdings deutlich mehr sind, als die halbgaren LLMS, die man heutzutage als KI bezeichnet.
Im Verlauf der Geschichte überrascht Powell die Leserin immer wieder mit neuen abgefahrenen Ideen, mit denen man so nicht gerechnet hatte und die Handlung entwickelt sich stellenweise ganz anders als ich angenommen hatte. Dass der Autor dabei auch ein paar Abkürzungen nimmt, ist schon in Ordnung, ich hätte mir an ein paar Stellen noch etwas mehr Handlung gewünscht, gerade gegen Ende beschlich mich mehrfach das Gefühl, dass er jetzt aber mal irgendwie fertig werden musste, oder der Roman nicht zu lang werden durfte.
Das tut der unterhaltsamen Reise durch eine Zukunft mit sympathischen Protagonist°Innen und stellenweise witzigen Dialogen aber keinen Abbruch und am Ende kann man das Ganze eigentlich nur noch episch nennen. Den üblichen Mopperköppen wird vermutlich nicht gefallen, dass man am Anfang des Buches eine halbwegs plausible near future-Raumfahrt geboten bekommt, Powell sich am Ende aber davon löst und wissenschaftlich nicht wirklich erklärbare Phänomene einbaut. Mich hat das nicht im geringsten gestört, denn Science Fiction war schon immer eigentlich eher Speculative Fiction – und man sollte es mit der realen Physik in meinen Augen auch nicht so ernst nehmen. Alternative Physik zu erfinden war schon immer ein zentrales Stil- und Erzählelement des Genres.
Alles in allem wurde ich vortrefflich unterhalten und kann JITTERBUG Freundinnen von kurzweiligen Space Operas uneingeschränkt empfehlen. Wer »Hard Science Fiction« sucht, wir vermutlich mit dem letzten Drittel des Romans nicht wirklich glücklich werden. Wer klassische Abenteuer-SciFi lesen möchte, die sich auch für eine Verfilmung oder TV-Serie eignen würde, wird hier fündig.
Das Cover lässt mich allerdings etwas ratlos zurück. Möchte es die Coverdesigns der 1960er channeln?
Ich werde nach dieser Entdeckung ganz sicher noch mehr von Gareth L. Powell lesen, leider scheint es sein Backlog an SciFi-Romanen zum größten Teil nicht als eBook zu geben. Sehr ärgerlich.
JITTERBUGGareth L. Powell
Science Fiction-Roman
3. März 2026
Taschenbuch:
ISBN: 978–1835414514
320 Seiten, ca. 9 Euro
eBook:
ca. 8,50 Euro (Adobe DRM-verseucht)
Titan Books
Coverabbildung Copyright Titan Books

