Kommentar: Der Börsenverein und Altersbeschränkung auf eBooks

FSK18 eBookAls ich vor ein paar Ta­gen über die­ses Thema auf der On­line­ver­sion des Bör­sen­blat­tes las, hatte ich zu­erst Griff­spu­ren vom Ge­sicht­spal­mie­ren im Ge­sicht und dann so­fort den Ge­dan­ken, mal wie­der ei­nen Rant vom Sta­pel zu las­sen. Es macht Spaß die zu ver­fas­sen und Klicks sind eben­falls ge­si­chert. Ich habe aber da­von ab­ge­se­hen und lie­ber erst ein­mal ein we­nig nach­ge­dacht. Die Er­geb­nisse die­ses Den­kens möchte ich im vor­lie­gen­den Kom­men­tar prä­sen­tie­ren, sie mö­gen in Tei­len et­was un­ge­ord­net sein, das ist dem schlicht­weg un­be­greif­li­chen Thema ab­seits me­dia­ler Rea­li­tä­ten ge­schul­det. Und selbst wenn das kein Rant wird, mag man Spu­ren von Sa­tire, Iro­nie und mög­li­cher­weise auch Sar­kas­mus darin ent­de­cken.

Was war pas­siert? Der Bör­sen­ver­ein des deut­schen Buch­han­dels hatte kürz­lich eine der re­gel­mä­ßi­gen Sit­zun­gen ih­res Ver­le­ger­aus­schus­ses. Nach dem, was man dar­über so le­sen kann (und auch den Bil­dern nach zu ur­tei­len), dis­ku­tie­ren dort alte Män­ner mit Ku­gel­schrei­bern und Fax­ge­rä­ten, wie es mit der Bran­che, dem Drum­herum und die­sem neu­mo­di­schen Schnick­schnack wei­ter zu ge­hen hat. Ei­ner der Punkte war nun, dass Chris­tian Sprang, Jus­ti­ziar des Bör­sen­ver­eins, den An­we­sen­den er­öff­nete, es müsse ab 2017 zwin­gend eine Al­ter­s­kenn­zeich­nung, ähn­lich der FSK (frei­wil­li­gen Selbst­kon­trolle) bei Fil­men, auf eBooks ge­ben. Denn diese seien Te­le­me­dien.

Das Bör­sen­blatt selbst ver­wen­dete dazu die For­mu­lie­rung:

Was zu­nächst wie ein ver­spä­te­ter April­scherz klingt …

Und dem ist ei­gent­lich schon we­nig hin­zu­zu­fü­gen, ich werde es aber den­noch tun. Aus­gie­big.

Da greift man sich an den Kopf. Al­ter­s­kenn­zeich­nung für Bü­cher, je­nes ge­hei­ligte Gut des Vol­kes der Dich­ter und Den­ker? Wie kann das sein? Das hat­ten wir doch noch nie? Und tat­säch­lich frage ich mich be­reits seit Jahr­zehn­ten, warum es eine sol­che Kenn­zeich­nung zwar für an­dere Kunst­for­men wie Filme oder Com­pu­ter­spiele gibt, nicht aber für das Me­dium Buch. FEUCHT­GE­BIETE? 50 SHADES OF GREY? Mit wel­chem Grund? Weil Bü­cher eine „hö­here“ und unantastbare(re) Kunst sind, als Filme oder Com­pu­ter­spiele? Im Ernst? Warum?

Ge­mäß Jus­ti­ziar Sprang muss eine sol­che FSK nun also ein­ge­führt wer­den. Das könnte ich viel­leicht auch noch nach­voll­zie­hen, aber sie gilt kei­nes­wegs für alle Bü­cher, son­dern aus­schließ­lich für eBooks. Denn die sind an­geb­lich Te­le­me­dien.

Nein! Doch! Oh!

Mir ist keine Aus­sage von ir­gend­wel­chen nam­haf­ten (oder un­be­kann­ten) Po­lit-Spin­nern be­kannt, die so et­was for­dert. Und ge­rade aus Rich­tung der CSU mit ih­ren bi­got­ten Bier­miss­brau­chern, die Schieß­stände ein­wei­hen, aber Com­pu­ter­spiele ver­teu­feln, kommt so­was ja gern mal, um das christ­li­che Abend­land ver­meint­lich und aus ih­rer eng­stir­ni­gen Welt­sicht vor dem Un­ter­gang zu be­wah­ren. Aber selbst von da war akut nichts zu ver­neh­men. Wie kommt der Jus­ti­ziar also auf so et­was?

Die Wi­ki­pe­dia sagt zur De­fi­ni­tion der „Te­le­me­dien“ Fol­gen­des:

»Te­le­me­dien« ist ein Rechts­be­griff für elek­tro­ni­sche In­for­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­dienste, ins­be­son­dere eine Viel­zahl von In­ter­net­diens­ten.

Kann das für ein Buch gel­ten? Tat­säch­lich wird das eBook ja nur über das In­ter­net über­tra­gen. Ja, man kann es in ei­nem Brow­ser le­sen, die Chance, dass es auf ei­nem de­di­zier­ten Le­se­ge­rät, ei­nem Ta­blet oder Smart­phone kon­su­miert wird, ist deut­lich grö­ßer als „wie eine Web­seite“. Trotz­dem: Das In­ter­net ist streng ge­nom­men nur ein Über­tra­gungs­me­dium für die Da­tei, die das eBook dar­stellt (und die Da­tei ist wei­test­ge­hend iden­ti­sch mit dem Buch, dar­auf be­steht der Bör­sen­ver­ein, da­mit die Buch­preis­bin­dung für das Me­dium eBook gilt). Das ist et­was an­de­res als Te­le­me­dien, die sich auf ir­gend­wel­chen Ser­vern be­fin­den und von dort in Form von Web­sei­ten aus­ge­lie­fert wer­den – die aber de­fi­ni­tiv keine Me­dien sind, die „Bü­chern wei­test­ge­hend ent­spre­chen“. Ist das Buch ein »elek­tro­ni­scher In­for­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­dienst«? Keine Frage, das könnte man so se­hen. Aber ein Tot­holz­buch ist dann, be­trach­tet man es ge­nau, eben­falls ein »In­for­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­dienst«, oder? An­ders ge­sagt: Wenn ein eBook ei­nem Buch „wei­test­ge­hend ent­spricht“ und gleich­zei­tig nur eine Dienst­leis­tung ist, wie­viel Platz ist dann noch für ein Te­le­me­dium? Und noch wei­ter: Wenn ein eBook ein Te­le­me­dium und zu­dem eine elek­tro­ni­sche Dienst­leis­tung ist, hat es sich dann weit ge­nug vom Print­buch ent­fernt, um nicht mehr „wei­test­ge­hend iden­ti­sch“ da­mit zu sein? Wie un­ter­schei­den sich Web­sei­ten von eBooks? Was, beim hei­li­gen Gu­ten­berg, ist ei­gent­lich die ge­naue De­fi­ni­tion ei­nes eBooks? Ist nicht ei­gent­lich jede Web­seite, je­des PDF, je­der Stream auf ei­nem so­zia­len Me­dium nicht viel­leicht auch ein eBook? Oder auf kei­nen Fall? Denkt mal drü­ber nach.

Um mal ei­nen der wie im­mer hin­ken­den Ver­glei­che her­an­zu­zie­hen: Hät­ten wir kein In­ter­net und hätte sich ein um­fas­sen­des Rohr­post­sys­tem als Lie­fer­dienst für Briefe und Bü­cher eta­bliert (als Steam­punk-Fan mag ich die Idee, ist als Tech­nik­kon­zept deut­lich glaub­wür­di­ger als Wa­ren­an­lie­fe­rung mit Droh­nen), dann blie­ben die Bü­cher im­mer noch Bü­cher, auch wenn sie als »Te­le­me­dium« durch ein Rohr ge­schos­sen wer­den.
Oder ganz an­ders: Wenn ich bei Ama­zon ein Pa­pier­buch be­stelle und es mir von ei­nem Pa­ket­dienst zu­stel­len las­sen, dann könnte man das eben­falls als „Te­le­me­dium“ be­zeich­nen, wenn auch au­ßer­halb des In­ter­nets. Auf der an­de­ren Seite: Nein, ich habe es ja über das Me­dium In­ter­net be­stellt. Also doch ein Te­le­me­dium übers In­ter­net, via Web ge­kauft und an­ge­for­dert, aber »ana­log« ge­lie­fert. Der In­halt der­selbe – 50% Te­le­me­dium.

Da­bei ist beim Pa­pier­buch in glei­cher Weise nicht si­cher­zu­stel­len, wer das Buch letzt­end­lich er­hält, denn es gibt kei­ner­lei Al­ters­ve­ri­fi­ka­tion. Des­we­gen muss ich mich kopf­krat­zend und ge­sicht­spal­mie­rend fra­gen: Warum wird eine FSK nur auf eBooks pro­pa­giert, die sich in die­ser Hin­sicht aus­schließ­lich durch den Trans­port­weg von Tot­holz­bü­chern un­ter­schei­den? Und wenn ich mir ein eBook aus­dru­cke? Ist es noch ein Te­le­me­dium oder nicht? Fra­gen über Fra­gen. Was ist, wenn ich ein eBook di­rekt beim Buch­händ­ler kaufe? Ist es dann ein Te­le­me­dium? Was ist, wenn ich mir ein eBook auf ei­nem USB-Stick kaufe? Ist es dann ein Te­le­me­dium? Was ist, wenn ich mir ein Buch kaufe, es ein­scanne und ein eBook dar­aus ma­che?

An­ge­sichts der Rea­li­tä­ten, was Ge­schäfts­fä­hig­keit und ge­sun­den Men­schen­ver­stand an­geht, wird diese Ge­schichte mit der Al­ters­ein­stu­fung von eBooks im­mer skur­ri­ler (man könnte auch sa­gen: be­klopp­ter), je län­ger man dar­über nach­denkt.Und: Um ein Konto bei ei­nem eBook-Ver­käu­fer rechts­gül­tig an­zu­le­gen, muss man ge­schäfts­fä­hig sein und über ir­gend­eine Art von Zah­lungs­mög­lich­keit ver­fü­gen. Wenn man mal von Pay­safe­card und Ähn­li­chen ab­sieht, wird bei al­len an­de­ren Zah­lungs­for­men Ge­schäfts­fä­hig­keit Grund­vor­aus­set­zung sein, um über­haupt ir­gend­et­was on­line kau­fen zu kön­nen. Denn sonst kann man nicht zah­len. Ge­schäfts­fä­hig ist man ab 18 Jah­ren. Die Prü­fung, ob ein Kunde auch tat­säch­lich ge­schäfts­fä­hig ist, hat bei den An­bie­tern zu lie­gen.
Da­mit könnte man beim Ver­kauf erst ein­mal da­von aus­ge­hen, dass der Kunde auf­grund sei­nes Al­ters jeg­li­ches Ma­te­rial er­wer­ben darf. Eine FSK wäre über­flüs­sig. Da­mit wä­ren auch Ver­kaufs­platt­for­men re­la­tiv ein­fach in der Lage, ei­nen Kon­to­in­ha­ber zu ve­ri­fi­zie­ren, wer es als An­bie­ter noch rechts­si­che­rer ha­ben möchte, ver­an­lasst zu­sätz­lich ei­nen Pos­ti­dent, um das Al­ter des Kun­den kon­kret fest­zu­stel­len.
Da­nach ist die Nut­zung der ge­kauf­ten Me­dien ge­nau so, wie bei DVDs oder Com­pu­ter­spie­len (aber nicht bei Print­bü­chern). Klar könn­ten Kin­der 50 SHADES OF GREY le­sen, wenn Mut­ter es rum­lie­gen lässt, aber das war bis­her für nie­man­den nur an­satz­weise ein Grund, eine FSK auf Tot­holz­bü­cher ein­zu­füh­ren, nicht wahr? An­ge­sichts der Rea­li­tä­ten, was Ge­schäfts­fä­hig­keit und ge­sun­den Men­schen­ver­stand an­geht, wird diese Ge­schichte mit der Al­ters­ein­stu­fung von eBooks im­mer skur­ri­ler (man könnte auch sa­gen: be­klopp­ter), je län­ger man dar­über nach­denkt.

Es blei­ben die Fra­gen, was die beim Bör­sen­ver­ein rau­chen, wie die beim Bör­sen­ver­ein dar­auf kom­men, oder was sie da­mit be­zwe­cken? Dazu fal­len mir ver­schie­dene The­sen ein:

Eine FSK-Ein­stu­fung kann nicht je­der her­ge­lau­fene Han­sel durch­führ­ten. Die Ver­lage bräuch­ten Ju­gen­schutz­be­auf­tragte, die das ma­chen. Große Ver­lage schu­len ir­gend­ei­nen, der nicht schnell ge­nug auf den Baum kommt, und fer­tig. Kleine Ver­lage und Self­pu­blis­her ha­ben ein Pro­blem, die kön­nen sich kei­nen ei­ge­nen leis­ten. Aber das kann man na­tür­lich prima als be­zahlte Dienst­leis­tung an­biete, nicht wahr? Viel­leicht so­gar durch ir­gend­eine Toch­ter­firma des Bör­sen­ver­eins? Und schon klin­gelt die Kasse.

Oder sind die eBooks und die üb­li­cher­weise da­für ein­ge­for­der­ten (oder zu recht­fer­ti­gen­den) Preise den al­ten Män­nern mit Ku­gel­schrei­bern und Fa­xen ein Dorn im Auge? Sei­tens der Ver­lage wird ja gern pro­pa­giert, dass eBooks ge­fäl­ligst ge­nauso teuer zu sein ha­ben, wie die Tot­holz­va­ri­ante (selbst wenn Druck und Ver­sand­lo­gis­tik kom­plett weg­fal­len). Will man das eBook als Me­dium auf die­sem Weg der­art dis­kre­di­tie­ren und um­ständ­lich ma­chen, dass alle Le­ser zu Kreuze ge­kro­chen kom­men, und reue­voll wie­der auf Pflan­zen­fa­ser le­sen? Man könnte die­sen Ein­druck ge­win­nen, dass hier ver­sucht wird, den Sta­tus Deutsch­lands als Ent­wick­lungs­land in Sa­chen In­ter­net und neue Me­dien zu ze­men­tie­ren. #Neu­land eben.

Viel­leicht wit­tert man aber auch Mor­gen­duft, an­ge­lehnt an das, was ich oben be­reits schrieb, und hofft, dass man sich auf die­sem Weg mehr oder we­ni­ger ele­gant der neu er­wach­se­nen Kon­kur­renz durch die so über­aus läs­ti­gen Self­pu­blis­her (diese mie­sen Em­por­kömm­linge!) mal eben ent­le­di­gen und so wie in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten wei­ter ma­chen kann?

Wenn das mal kein Trug­schluss ist. Der Ju­gend­me­di­en­dienste-Staats­ver­trag hatte ja be­reits in den ver­gan­ge­nen Jah­ren im In­ter­net für Que­r­elen ge­sorgt. Auch dort woll­ten und wol­len fos­sile Po­li­ti­ker, die sich das Web von ih­ren Se­kre­tä­rin­nen aus­dru­cken las­sen, und nicht wis­sen, was ein Brow­ser ist, Al­ter­be­schrän­kun­gen für Web­sei­ten ein­füh­ren und be­stimmte In­halte erst ab 22:00 Uhr zu­las­sen. Wir wis­sen, was dar­aus ge­wor­den ist. Ab­seits von öf­fent­lich-recht­li­chen Me­dien hält sich nie­mand an diese ab­stru­sen und völ­lig welt­fer­nen Vor­ga­ben, die oh­ne­hin an­ge­sichts ei­nes welt­wei­ten Net­zes kom­plett idio­ti­sch sind.

Die frei­wil­lige Selbst­kon­trolle wäre ge­nau das: frei­wil­lig. Warum sollte das bei den Self­pu­blis­hern an­ders sein? Die frei­wil­lige Selbst­kon­trolle wäre ge­nau das: frei­wil­lig. Ins­be­son­dere Ein­zel­per­so­nen kön­nen nicht ge­zwun­gen wer­den, eben­so­we­nig wie Web­sei­ten­be­trei­ber. Sie könn­ten ihre Bü­cher also auf ei­ge­nen Web­sei­ten feil­bie­ten. Und auch ob Ama­zon sich an eine sol­che Al­ters­frei­gabe hält, ist erst ein­mal zwei­fel­haft. Der Hin­weis dar­auf, dass es in­halt­lich keine Un­ter­schiede zwi­schen Print und eBook gibt, würde mir als Me­ga­kon­zern erst­mal rei­chen, um wei­ter zu ver­kau­fen, und durch die In­stan­zen zu ge­hen, falls es zu Kla­gen kommt. Dem­nach gäbe es also mög­li­cher­weise die Bü­cher der deut­schen Ver­lage nur noch mit Al­ters­be­schrän­kung, die der Self­pu­blis­her aber ohne. Das wäre ein der­art gi­gan­ti­scher Knie­schuss der Bran­che, dass ich ver­mut­lich la­chend ver­sterben oder fei­ernd grö­ßere Men­gen von Al­ko­hol miss­brau­chen würde.

Sieht man je­doch, dass der Bör­sen­ver­ein ge­rade erst ver­kün­dete, sich auch für »neue Pu­bli­ka­ti­ons­for­men« wie die Self­pu­blis­her öff­nen zu wol­len, und sieht man die Self­pu­blis­her-Platt­form der To­lino-Al­li­anz, dann sollte man vor­sich­tig sein, was man tut. Mög­li­cher­weise kann man zu­künf­tig als In­die Mit­glied des Bör­sen­ver­eins wer­den. Und da­mit un­ter­wirft man sich des­sen Re­geln – also bei­spiels­weise ei­ner FSK, das­selbe dürfte für To­lino-Me­dia gel­ten. Man sollte sich gut über­le­gen, wo man seine Bü­cher ver­kauft und wo man Mit­glied ist (dazu zählt in mei­nen Au­gen üb­ri­gens auch ein »Self­pu­blis­her-Ver­band, der – so ein Zu­fall – in den­sel­ben Räu­men des Bör­sen­ver­eins ge­grün­det wurde, in de­nen auch der Ver­le­ger­aus­schuss tagte …).

Aber letzt­end­lich er­kennt man in all mei­nen so­eben dar­ge­leg­ten Ge­dan­ken hof­fent­lich, wie ha­ne­bü­chen, völ­lig welt­fremd und fernab der durch die mo­der­nen Me­dien ge­schaf­fe­nen Rea­li­tät eine FSK aus­schließ­lich auf eBooks ist. Ent­we­der, es gibt eine FSK auf ALLE Bü­cher, Print ebenso wie eBook oder Hör­buch, oder sie gilt auf kei­nem da­von.
Wenn der Bör­sen­ver­ein das ent­ge­gen al­lem Men­schen­ver­stand ein­füh­ren und durch­zie­hen möchte, dann könnte man leicht auf die Idee ver­fal­len, akute Hirn­er­wei­chung zu ver­mu­ten.

Tat­säch­lich glaube ich al­ler­dings, dass ganz an­dere In­ter­es­sen da­hin­ter ste­cken (oder Dumm­heit. Dumm­heit geht geht als Er­klä­rung im­mer).

Und ich glaube wei­ter­hin, dass diese rück­stän­dige, rea­li­täts­ferne und evo­lu­ti­ons­re­sis­tente For­de­rung nach ei­ner FSK auf eBooks al­len scha­den wird. Den Au­to­ren, den Le­sern, der Bran­che, und dem Land der »Dich­ter und Den­ker« – das sich in­ter­na­tio­nal wie­der ein­mal zum Af­fen ma­chen wird. Und dass das Ganze – sollte es tat­säch­lich so kom­men – den Pi­ra­ten­platt­for­men ei­nen im­men­sen Zu­lauf ver­schaf­fen wird, ge­rade im über­aus be­lieb­ten und ein­nah­me­träch­ti­gen Seg­ment »ab 18«.

Würde das so ge­sche­hen, führte das zu ei­nem mas­si­ven Ein­bruch im eBook-Ver­kauf und bei ent­spre­chen­der ge­setz­li­cher Um­set­zungs­pflicht für je­den auch zu ei­ner mas­si­ven Er­schwer­nis für Self­pu­blis­her und mit Si­cher­heit zu ei­nem ebenso mas­si­ven Rück­gang von In­dies ver­kauf­ter eBooks. Ist es wirk­lich das, was der Bör­sen­ver­ein will? Sich un­lieb­sa­mer Kon­kur­renz ent­le­di­gen? Das könnte in mehr­fa­cher Hin­sicht ins Auge ge­hen, wäre ein Ar­muts­zeug­nis und in mei­nen Au­gen eine fast schon ma­fiös zu nen­nende Ak­tion.

Aber: Wenn alle Stri­cke rei­ßen, könnte man eine Me­di­en­dis­kus­sion an­sto­ßen, ob es eine FSK nicht auch auf Print­bü­cher ge­ben muss. Das lässt sich in­halt­lich völ­lig pro­blem­los ver­tre­ten, ins­be­son­dere mit dem Ver­gleich zu an­de­ren Me­dien. Die Chance, dass so et­was po­li­ti­sch ernst­ge­nom­men wird, ist in mei­nen Au­gen gar nicht mal schlecht. „Denkt denn kei­ner an die Kin­der???“ zieht trotz Zen­sur­su­las Schei­tern mit Stopp­schil­dern im­mer noch sehr gut.

Und dann wäre die Bran­che so rich­tig am …

Aber so pes­si­mis­ti­sch bin ich in Sa­chen Self­pu­blis­hing nicht. Die Er­fah­run­gen mit dem In­ter­net zei­gen, dass sich die ge­samte Bran­che da­mit ver­mut­lich selbst ab­schafft und die Self­pu­blis­her sich nicht daran hal­ten wer­den (müs­sen).

p.s.: (Stellt euch mal vor, die Buch­hand­lun­gen müss­ten ab­ge­trennte Ecken wie frü­her in den Vi­deo­the­ken ein­rich­ten, um »ab 18«-Bücher zu ver­kau­fen. Al­lein der Ge­danke amü­siert mich kö­nig­lich)

Up­date (11:30 Uhr): Stel­lung­nahme des Bör­sen­ver­eins auf Face­book:

Es sind noch nicht alle Ein­zel­hei­ten ge­klärt. Aber vor­erst: Da E-Books Te­le­me­dien sind, gel­ten für den Ver­trieb von E-Books die Vor­schrif­ten des Ju­gend­me­di­en­schutz-Staats­ver­trags. Wir be­fin­den uns der­zeit in Ge­sprä­chen mit den Ju­gend­schutz­be­hör­den der Län­der, um für den Buch­be­reich eine kos­ten­spa­rende und res­sour­cen­scho­nende Um­set­zung der Vor­schrif­ten des Staats­ver­trags zu er­rei­chen. Vor­ge­se­hen ist, auf die Zwi­schen­schal­tung ei­ner Ein­rich­tung der Frei­wil­li­gen Selbst­kon­trolle so­wie auf Kenn­zeich­nun­gen in den E-Book-Da­teien zu ver­zich­ten. Statt­des­sen sol­len alle Ver­lage, die E-Books ins Ver­zeich­nis lie­fer­ba­rer Bü­cher (VLB) mel­den, vor­aus­sicht­lich ab No­vem­ber 2015 in ei­nem Pflicht­feld kenn­zeich­nen, ob de­ren In­halte nach ih­rer Ein­schät­zung ju­gend­ge­fähr­dend sind und die Ti­tel des­halb nur für Le­ser ab 16 Jah­ren zu­gäng­lich ge­macht wer­den dür­fen. Der­ar­tige E-Books sol­len vor­aus­sicht­lich ab 2017 von al­len On­line-Buch­han­dels­platt­for­men nur noch in ei­ner spe­zi­el­len Ru­brik zu­gäng­lich ge­macht wer­den, die mit ei­nem Ju­gend­schutz­fil­ter ver­se­hen sein muss. E-Books mit por­no­gra­phi­schen und ver­gleich­ba­ren In­hal­ten (also ver­gleich­bar FSK 18) dür­fen im In­ter­net grund­sätz­lich nur in ge­schlos­se­nen Nut­zer­grup­pen und nicht auf frei zu­gäng­li­chen Web­sites an­ge­bo­ten wer­den. Die ge­plante Re­ge­lung gilt für In­ter­net­an­bie­ter mit Sitz in Deutsch­land. Sie wird nö­tig, weil für Te­le­me­dien stren­gere Ju­gend­schutz­vor­schrif­ten gel­ten als für ge­druckte Bü­cher.

Keine wirk­lich neuen In­for­ma­tio­nen hier, die­selbe rea­li­täts­ferne Her­an­ge­hens­weise. Al­ler­dings wä­ren nur sol­che eBooks be­trof­fen, die ans VLB ge­mel­det wer­den. Ver­mut­lich wol­len sie dann eBooks ohne VLB-Lis­tung (also die von vie­len Self­pu­blis­hern) au­to­ma­ti­sch als „nicht ju­gend­frei“ ein­stu­fen. Ich bin ge­spannt, ob Ama­zon da mit­macht.

 

Stefan Holzhauer

AutorIn: Stefan Holzhauer

Meist harm­lo­ser Nerd mit na­tür­li­cher Af­fi­ni­tät zu Pi­xeln, Bytes, Buch­sta­ben und Zahn­rä­dern. Kon­su­miert zu­viel SF und Fan­tasy und schreibt seit 1999 on­line dar­über.


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