George A. Mann — THE AFFINITY BRIDGE

Sher­lock Hol­mes´ Zeit­ge­nos­sen
elek­tri­fi­ziert und dampf­ge­trie­ben

Bei den deut­schen Ver­la­gen ist das Genre Steam­punk noch nicht an­ge­kom­men. Mal ab­ge­se­hen von Ver­öf­fent­li­chun­gen im Be­reich Ju­gend­li­te­ra­tur (siehe LARK­LIGHT und STAR­CROSS) feh­len Bü­cher aus die­sem Be­reich fast voll­stän­dig — und das ob­wohl sich der Steam­punk nicht nur im eng­lisch­spra­chi­gen Raum größ­ter Be­liebt­heit er­freut, son­dern auch in Deutsch­land be­reits zahl­lo­se An­hän­ger hat. Doch das scheint bis zu den Ent­schei­dern über die Ver­lags­pro­gram­me noch nicht durch­ge­si­ckert zu sein.

An­mer­kung: diese Re­zen­sion schrieb ich be­reits im Mai 2009 über die eng­li­sche Fas­sung des im Sep­tem­ber 2008 er­schie­ne­nen Ro­mans. An­läss­lich der deut­schen Ver­sion, die dem­nächst bei Pi­per er­scheint, ver­öf­fent­li­che ich sie an die­ser Stelle neu. Man be­merke, dass es sage und schreibe drei Jahre ge­dau­ert hat, bis das Buch bei ei­nem hie­si­gen Ver­lag er­schien. Ich habe die Re­zen­sion mi­ni­mal er­wei­tert und bei­spiels­weise den deut­schen Klap­pen­text so­wie das Co­ver des Piper-Verlags hinzu ge­fügt.

So ist der Freund von Luft­schif­fen, bri­ti­scher Le­bens­art, dampf­ge­trie­be­nen Mons­tro­si­tä­ten, un­ta­de­li­gen Gent­le­men und ih­ren La­dies fast aus­schließ­lich auf eng­lisch­spra­chi­ge Li­te­ra­tur an­ge­wie­sen. Als mir von ei­nem »fel­low steam­punk« das Werk  THE AF­FI­NITY BRIDGE des eng­li­schen Au­to­ren Ge­or­ge Mann ans Herz ge­legt wurde, war das ein Vor­schlag, dem ich nach der Lek­tü­re des Klap­pen­tex­tes nur allzu gern Folge leis­te­te.

Klap­pen­text eng­lisch:

Wel­co­me to the bi­zar­re and dan­ge­rous world of Vic­to­ri­an Lon­don, a city tee­te­ring on the edge of re­vo­lu­ti­on.

Its peop­le are us­he­ring in a new era of tech­no­lo­gy, dazz­led each day by new in­ven­ti­ons. Air­ships soar in the skies over the city, whilst ground trains rum­ble through the streets and clock­work au­to­ma­tons are pro­gram­med to carry out me­ni­al tasks in the of­fices of la­wy­ers, po­li­ce­men and jour­na­lists. But be­ne­ath this shiny ve­neer of pro­gress lurks a si­nis­ter side. For this is also a world where ghost­ly po­li­ce­men haunt the fog-la­den al­ley­ways of Whi­te­cha­pel, where ca­da­vers can rise from the dead and where Sir Mauri­ce New­bury, Gent­le­man In­ves­ti­ga­tor for the Crown, works ti­re­less­ly to pro­tect the Em­pi­re from her foes.

When an air­ship cras­hes in mys­te­rious cir­cum­stan­ces, Sir Mauri­ce and his re­cent­ly ap­poin­ted as­sis­tant Miss Ve­ro­ni­ca Hob­bes are cal­led in to in­ves­ti­ga­te. Me­anw­hi­le, Scot­land Yard is baff­led by a spate of gris­ly mur­ders and a ter­ri­fy­ing pla­gue is ra­va­ging the slums of the city.

So be­gins an ad­ven­ture quite un­li­ke any other, a thril­ling steam­punk mys­te­ry and the first in the se­ries of »New­bury & Hob­bes« in­ves­ti­ga­ti­ons.

Klap­pen­text deutsch:

Steam­punk – das neue Best­sell­er­genre!

In ei­nem Kö­nig­reich, in dem Tote wan­deln, Luft­schiffe bren­nen und geis­ter­hafte Po­li­zis­ten sich der Kunst des Mor­dens wid­men, kön­nen nur zwei Men­schen das Em­pire ret­ten: der Er­mitt­ler Sir Mau­rice Ne­w­bury und seine schlag­fer­tige As­sis­ten­tin Ve­ro­nica Hob­bes.

Will­kom­men im Lon­don des Jah­res 1901! Doch dies ist nicht Lon­don, wie wir es ken­nen. Hier re­giert Queen Vic­to­ria, halb Mensch, halb Ma­schine. Und ihr Reich ist er­füllt von Luft­schif­fen, Dampf­loks und re­vo­lu­tio­nä­ren ma­gi­schen Er­fin­dun­gen. Tote er­he­ben sich aus ih­ren Grä­bern, und Geis­ter trei­ben ihr Un­we­sen als Se­ri­en­mör­der … Sir Mau­rice Ne­w­bury, Er­mitt­ler im Na­men der Krone, muss ein bi­zar­res Ver­bre­chen auf­klä­ren und ge­rät in im­mer selt­sa­mere Ver­wick­lun­gen. Und bei sei­ner Reise in das ge­heim­nis­volle, dunkle Herz Lon­dons kann er sich nur auf ei­nes ver­las­sen – auf die Schlag­fer­tig­keit sei­ner un­ver­zicht­ba­ren As­sis­ten­tin Ve­ro­nica Hob­bes.

So die Ein­füh­rung auf der Rück­sei­te des Ro­mans. Und es wird auch nicht zu viel ver­spro­chen, der Steam­punk-Fan fin­det ein Sam­mel­su­ri­um von Be­kann­tem, an­ge­rei­chert mit den ty­pi­schen Ver­satz­stü­cken des Gen­res und ab­ge­run­det mit An­lei­hen bei Hor­ror und Ok­kul­tem.

In Groß­bri­tan­ni­en re­giert Queen Vik­to­ria und al­lent­hal­ben ist der Ein­fluss der In­dus­tria­li­sie­rung zu er­ken­nen. Sir Mauri­ce New­bury ist An­thro­po­lo­ge und Mit­ar­bei­ter des Bri­ti­schen Mu­se­ums;  zu­sätz­lich ver­sieht er al­ler­dings noch eine an­de­re Auf­ga­be: Als Son­der­er­mitt­ler der Krone tritt er in Ak­ti­on, wenn das Bri­ti­sche Em­pi­re – in al­ler Re­gel durch die Kö­ni­gin selbst – ihn für be­son­ders heik­le Fälle an­for­dert. Ge­nau dies ge­schieht, als ein Luft­schiff im Fins­bu­ry-Park ab­stürzt, wo­bei es zu Ver­wüs­tun­gen und et­li­chen To­ten kommt. New­bury zur Seite steht seine neue As­sis­ten­tin Vic­to­ria Hob­bes, eine eben­so pa­ten­te wie eh­ren­wer­te junge Dame.

Der ge­bo­te­ne Hin­ter­grund ist auf den ers­ten Blick ein recht mun­da­ner und läßt un­schwer das vik­to­ria­ni­sche Zeit­al­ter er­ken­nen. Mann schafft es vor­züg­lich, die Steam­punk-As­pek­te be­hut­sam ein­zu­fü­gen und es so er­schei­nen zu las­sen, als wä­ren diese in un­se­rer His­to­rie so nicht vor­han­de­nen Ad­di­tio­nen völ­lig nor­mal und nicht et­was Au­ßer­ge­wöhn­li­ches. Aus die­sem Grund er­schien zu­min­dest mir der Ro­man wie eine zeit­ge­nös­si­sche Ge­schich­te mit ein we­nig hin­zu­ge­füg­tem Steam­punk-Ko­lo­rit, ob­wohl ob­jek­tiv ge­se­hen, diese Ele­men­te tat­säch­lich reich­lich vor­kom­men. Das weist dar­auf hin, wie gut es Mann ge­lun­gen ist, ein ho­mo­ge­nes Ge­samt­bild zu schaf­fen, eins in dem die hin­zu­ge­füg­ten Ele­men­te nicht stö­ren, nicht her­aus­ra­gen­der Selbst­zweck sind, son­dern er­fri­schen­des Bei­werk.

Zen­tra­le Fo­kus­punk­te blei­ben die han­deln­den Cha­rak­te­re und ihre Mo­ti­va­ti­on, nicht je­doch das Set­ting und da­mit des­sen Re­tro– und Pseu­do-Tech­nik. Das macht die Ge­schich­te trotz ih­res mehr als phan­tas­ti­schen Hin­ter­grun­des sehr glaub­wür­dig. Den­noch sind selbst­ver­ständ­lich auch Zep­pe­line, dem Men­schen nach­emp­fun­de­ne Au­to­ma­ten, Dampf­kut­schen und di­ver­se wei­te­re Ab­son­der­lich­kei­ten ge­wich­ti­ge Be­stand­tei­le des Ro­mans. Und nicht ver­ges­sen wol­len wir die Geis­ter­er­schei­nung des »Glo­wing Po­li­ce­man«, der Whi­te­cha­pel un­si­cher macht, und auch nicht die von ei­ner rät­sel­haf­ten, aus In­di­en ein­ge­schlepp­ten Krank­heit er­schaf­fe­nen … nunja, wie soll­te man sie an­ders nen­nen als »Zom­bies«? Sie wer­den im Text als »re­ven­ants«, so­mit als Wi­der­gän­ger, be­zeich­net.

Ich will nicht ver­heh­len, dass sich THE AF­FI­NITY BRIDGE ge­mäch­lich an­lässt, um nicht zu sa­gen, lang­sam. Der Ein­stieg in den Ro­man könn­te des­we­gen dem ein oder an­de­ren mög­li­cher­wei­se et­was Schwie­rig­kei­ten be­rei­ten. Man soll­te sich da­von aber nicht kirre ma­chen las­sen und durch­hal­ten, dann wird man mit ein paar der sym­pa­thischs­ten Fi­gu­ren in ei­nem der ori­gi­nells­ten Aben­teu­er be­lohnt, die man bis­lang über die neb­li­gen Stra­ßen Lon­dons ver­folgt hat. Klar soll­te ei­nem eben­falls sein, dass das Buch von Kli­schees nur so trieft, Kli­schees, wie man sie al­ler­dings zum ei­nen im vik­to­ria­ni­schen Zeit­al­ter – mit des­sen Ge­pflo­gen­hei­ten – und zum an­de­ren in ei­nem Steam­punk-Ro­man als Le­ser aber auch fast zwin­gend er­war­tet. »The Af­fi­ni­ty Bridge« er­in­nert bei­spiels­wei­se an di­ver­sen Stel­len an Sher­lock-Hol­mes-Ro­ma­ne, auch wenn die Spra­che deut­lich mo­der­ner (da­bei aber doch al­ter­tüm­lich an­mu­tend) da­her­kommt. Und selbst­ver­ständ­lich ist Sir Mauri­ce der Held der Ge­schich­te – wenn auch de­fi­ni­tiv nicht ohne Feh­ler, ohne dass je­doch sein Si­de­kick Miss Hob­bes zu ei­ner Ne­ben­fi­gur ver­kommt, denn auch bei ihr han­delt es sich um ei­nen star­ken Cha­rak­ter – wie stark wirk­lich wird dem Le­ser al­ler­dings erst im Epi­log klar…

Im letz­ten Drit­tel nimmt die Er­zäh­lung im Ver­gleich zu den Tei­len da­vor mäch­tig an Fahrt auf und ten­diert in Rich­tung Ac­tion-Aben­teu­er oder Cliff­han­ger – selbst­ver­ständ­lich aber im­mer im Steam­punk-Kon­text ver­blei­bend.

Wer ver­zwei­felt auf der Su­che nach Steam­punk-Le­se­stoff ist, und be­reit, da­für auch die ent­spre­chen­den Kli­schees ser­viert zu be­kom­men, der kann völ­lig be­den­ken­los zu­grei­fen. Aber auch Freun­de bei­spiels­wei­se von Sher­lock Hol­mes und an­de­rer Lek­tü­re aus der Zeit dür­fen gern mal ei­nen Blick ris­kie­ren und er­hal­ten ei­nen kurz­wei­li­gen vik­to­ria­ni­schen Aben­teu­er-Le­se­spaß mit Dampf­ga­ran­tie und ei­ner nicht zu of­fen­sicht­li­chen aber wohl durch­dach­ten Auf­lö­sung.

Ka­pi­tän Zeit­bloom von der HMS Ana­st­asia, der mir den Ro­man emp­fahl, mein­te: »I mean: Zom­bies AND Air­ships?! What could pos­si­bly go wrong?!«

Ich freue mich be­reits jetzt auf den im Sep­tem­ber (2009) bei Snow­books un­ter dem Ti­tel THE OSI­RIS RI­TUAL er­schei­nen­den nächs­ten Teil der Aben­teu­er von Sir Mauri­ce und sei­ner As­sis­ten­tin Miss Hob­bes.

Er­gän­zung zur deut­schen Aus­gabe: Völ­lig baff war ich ob der Tat­sa­che, dass man bei Pi­per ein­fach den eng­li­schen Ti­tel über­nom­men hat (mi­nus ein »The«). Wenn­gleich ich das ei­gent­lich be­grü­ßen würde, halte ich das in die­sem Fall für ei­nen äußerst dum­men Plan, denn der durch­schnitt­li­che Buch­hand­lungs­be­su­cher dürfte den Ro­man auf den ers­ten Blick aufs Co­ver des­we­gen für eine eng­li­sche Aus­gabe hal­ten und ihn links lie­gen las­sen. Be­zeich­nend finde ich es, dass man AF­FI­NITY BRIDGE als Hard­co­ver her­aus bringt, um den Steampunk-Fan so rich­tig ab­sei­hen zu kön­nen…

Im Sep­tem­ber 2011 er­scheint übri­gens der dritte Teil un­ter dem Ti­tel THE IM­MO­RA­LITY EN­GINE als Ta­schen­buch bei Snow­books, das Hard­co­ver gibt es be­reits seit April.

 

THE AF­FI­NITY BRIDGE
von Ge­or­ge A. Mann
Steampunk-Roman
er­schie­nen: Sep­tem­ber 2008
356 Sei­ten, ca. 10 Euro
Pa­per­back
ISBN: 978–1905005932
Snow­books

AF­FI­NITY BRIDGE
von Ge­orge A. Mann
Aus dem Eng­li­schen von Jür­gen Lan­gow­ski
Steampunk-Roman
er­scheint am 08.09.11
512 Sei­ten, € 16,99 [D], € 17,50 [A], sFr 24,90
Klap­pen­bro­schur
ISBN: 9783492702386
Pi­per

Creative Commons License

Bild­nach­weis der Co­ver: Co­ver eins: Co­py­right TOR Books, Co­ver zwei: Co­py­right Snow­books, Co­ver drei: Co­py­right Pi­per

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