THE WALK – von Robert Zemeckis

Poster The WalkTHE WALK – Bun­des­start 22.10.2015

In einer der letz­ten Sze­nen sagt ein Cha­rak­ter zu Phil­ip­pe Petit, er hät­te ihnen Leben ein­ge­haucht, ihnen eine See­le gege­ben. Die Zwil­lings­tür­me des Welt­han­dels­zen­trums waren wäh­rend ihres Baus tat­säch­lich New Yorks unge­lieb­te Kin­der. Mons­tro­si­tä­ten, die man mit Akten­schrän­ken ver­glich. Ob es wirk­lich Phil­ip­pe Petits ille­ga­ler Draht­seil­akt war, der die New Yor­ker Her­zen für die Tür­me öff­ne­te, ist schwer nach­zu­wei­sen. Aber die Legen­de ist zu schön, als dass man sie nicht glau­ben könn­te, oder woll­te. Dass Petit wegen sei­nes Ver­ge­hens zu einer Draht­seil-Vor­stel­lung für Kin­der ver­ur­teilt wur­de, lässt schon tie­fer in die See­le von New York bli­cken, und bestärkt den Ver­dacht von Petits Ein­fluss. Als er zuvor eine ähn­li­che Akti­on zwi­schen den Tür­men von Not­re-Dame voll­zog, fei­er­te ihn die gesam­te Welt­pres­se, ledig­lich die Fran­zo­sen pran­ger­ten den Stunt an. Was den Künst­ler äußerst erzürn­te. Dass er hin­ge­gen für sei­ne Num­mer in New York von der ame­ri­ka­ni­schen Pres­se beju­belt wur­de, dürf­te für den gebür­ti­gen Fran­zo­sen ein Punkt gewe­sen sein sich dafür zu ent­schei­den, in Ame­ri­ka zu blei­ben. Schließ­lich ist Phil­ip­pe Petit kein ein­fa­cher Künst­ler, son­dern einer, der selbst­be­wusst sei­ne Aner­ken­nung ein­for­dert.

Robert Zeme­ckis war immer ganz vor­ne dabei, wenn es um die Ver­wen­dung neu­er Film-Tech­no­lo­gi­en ging. Beson­ders die digi­ta­le Ent­wick­lung hat es ihm ange­tan. Zuerst bringt er einen gezeich­ne­ten Hasen und einen lebens­ech­ten Detek­tiv zusam­men, dann lässt er einen gan­zen Film hin­durch Gol­die Hawn mit rie­si­gen Durch­schuss im Bauch her­um­lau­fen, spä­ter nahm er Gary Sini­se die Bei­ne ab und stell­te Tom Hanks an die Sei­te von John F. Ken­ne­dy. Als Moti­on-Cap­tu­re erfun­den wur­de, war Zeme­ckis mit POLAREXPRESS der ers­te, und setz­te bei BEOWULF mit dem­sel­ben Ver­fah­ren gleich in 3D eins drauf. Da nimmt sich THE WALK eher unspek­ta­ku­lär aus. Zeme­ckis sah sich eher Vor­wür­fen aus­ge­setzt, war­um er gera­de ein­mal sie­ben Jah­re nach der Oscar prä­mier­ten Doku­men­ta­ti­on MAN ON WIRE, Phil­ip­pe Petits Geschich­te schon wie­der auf­ko­chen woll­te. War­um es sogar drin­gend erfor­der­lich war, das zeigt uns Robert Zeme­ckis in den letz­ten zwan­zig Minu­ten von THE WALK.

Das Dreh­buch von Zeme­ckis und Chris­to­pher Brown nimmt sich sehr viel Zeit, Petits Vor­ge­schich­te zu erkun­den. Sei­ne Anfän­ge als Stra­ßen­ar­tist, wie er sei­nen Men­tor Papa Rudy trifft, und er Annie ken­nen­lernt. Aber immer neben­her lebt auch das Phan­tom der neu errich­te­ten Zwil­lings­tür­me. Dass sich auch die Insze­nie­rung so viel Zeit lässt, den Hin­ter­grund des Künst­lers zu beleuch­ten, ist weder Zeit­schin­de­rei oder lang­at­mig. Der Zuschau­er lernt Phil­ip­pe Petit wirk­lich ken­nen. Ein Getrie­be­ner, dem man eine star­ke Por­ti­on Ego­is­mus vor­wer­fen kann. Den­noch fällt es schwer, die­sem Cha­rak­ter in irgend­ei­ner Wei­se böse zu sein. Petits ego­ma­ni­sches Ver­hal­ten bezieht sich nicht auf sei­ne Figur selbst, son­dern fokus­siert sich auf sei­nen uner­schüt­ter­li­chen Traum. In den ers­ten 80 Minu­ten funk­tio­niert THE WALK eher als Dra­ma. Aber ein Dra­ma bei dem Zeme­ckis schon hier mit opti­schen Spie­le­rei­en über­rascht und der Erzäh­lung einen erfri­schen­den Fluss ver­leiht. Sei­en nur erwähnt, die immer mehr ver­schwin­den­den Sei­le als Phil­ip­pe sich das Hoch­seil selbst bei­bringt. Oder die Kame­ra, wel­che die Per­spek­ti­ve hin­ter eine Zei­tung wech­selt, die für den Zuschau­er trans­pa­rent wird.

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Dann folgt ein Teil, der sehr span­nen­de Anlei­hen beim Thril­ler, spe­zi­ell bei Räu­ber-Fil­men nimmt. Schließ­lich muss das um Petit geschar­te Team jede Men­ge Mate­ri­al auf die Dächer der Tür­me brin­gen. Seil­zug, Spann­vor­rich­tun­gen, Balan­cier­stan­ge, usw. Dafür bleibt dem Team ein extrem schma­les Zeit­fens­ter, weil der »Coup« begin­nen muss, bevor die ers­ten Arbei­ter wie­der auf die Bau­stel­len kom­men. Aber auch die patrouil­lie­ren­den Wach­män­ner machen es den auf die zwei Tür­me auf­ge­teil­ten Teams nicht ein­fach. Hier beginnt die Insze­nie­rung bereits mit den ers­ten Andeu­tun­gen, was den Zuschau­er im Fina­le erwar­ten dürf­te. Immer wie­der scheint der »Coup« an uner­war­te­ten Hin­der­nis­sen zu schei­tern. Sehr span­nend insze­niert, mit opti­schen Lecker­bis­sen, die zu einer Her­aus­for­de­rung für Zart­be­sai­te­te wer­den. Und zu den ers­ten Strah­len der auf­ge­hen­de Son­ne schließ­lich der »Coup« selbst. 42 Meter ste­hen die Tür­me an die­ser Stel­le aus­ein­an­der, aber mit einem Abgrund von 417 Metern. Und nun for­dert Zeme­ckis selbst die Hart­ge­sot­te­nen her­aus.

Es gibt Gerüch­te, Zuschau­er hät­ten sich bei der Pre­mie­ren­vor­stel­lung über­ge­ben. Das sind aber nur Aus­sa­gen eines Repor­ters, die nie wirk­lich bestä­tigt wur­den. Es wäre aber auch nicht im Sin­ne des Fil­me­ma­chers gewe­sen, den Zuschau­er über die Gren­zen zu sto­ßen. Zeme­ckis woll­te genau das errei­chen, was die Doku MAN ON WIRE nicht konn­te. Er woll­te das Publi­kum mit nach oben neh­men, und er woll­te den »Coup« aus der opti­schen Per­spek­ti­ve von Petit erle­ben las­sen. Und das ist ihm in vol­lem Umfang gelun­gen. Obwohl die Sze­nen auf nicht schwin­del­freie Per­so­nen durch­aus sehr belas­tend wir­ken, sind die Effek­te nicht um des Effek­tes wil­len gemacht. Es ist schließ­lich nicht nur der Blick in den Abgrund, son­dern auch Joseph Gor­don-Levitts cha­ris­ma­ti­sches Spiel, wel­ches den Kern ver­bin­det. Petit hat­te ein Ziel, und so geht der Cha­rak­ter auch damit um. Er hat sei­nen Traum erfüllt, und nun wo er auf dem Seil zwi­schen den Tür­men steht, ist alles ande­re irrele­vant. Selbst die Aus­sicht auf einen Absturz.

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Dem Ein­grei­fen der Poli­zei ist es zu ver­dan­ken, dass Petit nach dem ers­ten Über­que­ren eben nicht ein­fach vom Seil geht. Auf bei­den Dächern der Tür­me ste­hen Beam­te, um ihn ding­fest zu machen. Das ver­lei­tet den Hoch­seil­ar­tis­ten dazu, die 417 Meter ins­ge­samt sechs Mal zu über­que­ren. Das ist für den Zuschau­er extrem ner­ven­auf­rei­bend, aber es erklärt auch wie­der, war­um Zeme­ckis sich soviel Zeit ließ, Petits Vor­ge­schich­te und Moti­va­ti­on zu beleuch­ten. Es macht für die­sen Cha­rak­ter ein­fach Sinn. Es folgt alles einer inne­ren Logik. Der Wahn­sinn hin­ter dem Akt ist ein rein mensch­li­cher.

Mit THE WALK hat Robert Zeme­ckis erneut bewie­sen, dass über­ra­schen­des und berüh­ren­des Kino immer noch mög­lich ist. Dass die moder­ne Tech­nik nicht ein­fach nur Schau­wer­te erzeu­gen, son­dern man mit die­sen Schau­wer­ten auch tat­säch­lich noch nar­ra­tiv erzäh­len kann. Immer wie­der hat Zeme­ckis das Herz der Zuschau­er getrof­fen. FORREST GUMP oder CASTAWAY. Sie konn­ten nur so umge­setzt wer­den, weil die tech­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen dafür gege­ben waren. Aber auch genau aus die­sem Grund haben die Fil­me ihr Publi­kum auch der­art berührt. Den Effekt erzie­len ist die eine Sache. Mit dem Effekt emo­tio­nal zu arbei­ten, eine ganz ande­re.

Dabei gelingt es Zeme­ckis erstaun­li­cher­wei­se, die Zwil­lings­tür­me wie­der weit hin­ter den 11. Sep­tem­ber zu rücken. Ihnen einen natür­li­chen Bestand zu ver­lei­hen, sie ohne jeden Makel zu insze­nie­ren. Und das ist ein beson­de­rer Ver­dienst an der Insze­nie­rung, dass sie es schafft, das eigent­li­che Schick­sal ein­fach ein­mal aus­zu­blen­den. Weil THE WALK zu einem Gegen­ent­wurf jener Fil­me wird, wel­che das World Tra­de Cen­ter zu einem Sym­bol von Zer­stö­rung und Ter­ror machen. So beweist Robert Zeme­ckis erneut, dass Kino gera­de wegen aller tech­ni­schen Gim­micks immer noch sehr span­nend und unter­hal­tend insze­niert wer­den kann. Die Magie des Kinos. Das ist durch­aus ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT, aber fin­det auch einen wür­di­gen Nach­fol­ger in THE WALK.

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THE WALK
Dar­stel­ler: Joseph Gor­don-Levitt, Ben Kings­ley, Char­lot­te Le Bon, James Badge Dale, Clé­ment Sibo­my, César Dom­boy, Ben Schwartz, Bene­dict Samu­el, Ste­ve Valen­ti­ne  u.a.
Regie: Robert Zeme­ckis
Dreh­buch: Robert Zeme­ckis, Chris­to­pher Brown
Kame­ra: Dari­usz Wol­ski
Bild­schnitt: Jere­miah O’Driscoll
Musik: Alan Sil­vestri
Pro­duk­ti­ons­de­sign: Nao­mi Sho­han
123 Minu­ten
USA 2015

Pro­mo­fo­tos Copy­right Sony Pic­tures Releasing GmbH

AutorIn: Bandit

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