STILL ALICE – Leben ohne Gestern

Poster Still Alice

Es beginnt mit klei­nen Wort­fin­dungs­stö­run­gen, unauf­fäl­lig und unpro­ble­ma­tisch. Dass sie die neue Freun­din des Soh­nes zwei­mal hin­ter­ein­an­der begrüßt, fällt kaum auf. Spä­ter wird sie per­plex einen ihrer Vor­trä­ge unter­bre­chen, bis sie unver­mit­telt ihr The­ma wie­der­fin­det. Als schließ­lich der rou­ti­nier­te Jog­ging-Weg zu einem voll­kom­men frem­den Ort wird, weiß Ali­ce How­land dass ein Arzt­be­such unaus­weich­lich wird.
Fast 15 Mil­lio­nen Men­schen lei­den welt­weit an Alz­hei­mer, was unge­fähr 60 Pro­zent aller Demenz­krank­hei­ten aus­macht. Bei der Alters­grup­pe der 65 jäh­ri­gen sind etwa zwei Pro­zent von der Krank­heit betrof­fen, um die Sieb­zig her­um, sind es schon drei Pro­zent an Betrof­fe­nen. Alz­hei­mer ist eine Krank­heit des Alters, vor­nehm­lich. Des­halb geht Ali­ce mit dem ungu­ten Gefühl zum Arzt, sie könn­te einen Tumor oder eine Ent­zün­dung haben. Sie ist 50, erfolg­rei­che Sprach­wis­sen­schaft­le­rin, mit drei erwach­se­nen Kin­dern und einem treu­sor­gen­den Gat­ten. Das Leben hat es gut gemeint mit Ali­ce How­land, und des­we­gen ist sie auch zuver­sicht­lich, einen Tumor ohne wei­te­res über­ste­hen zu kön­nen. Doch es gibt unrühm­li­che Aus­nah­men in wel­chem Alter die Krank­heit aus­bricht. Und Ali­ce gehört zu die­sen Ausnahmen.

STILL ALICE ist ein packen­des Dra­ma, das wirk­lich unter die Haut geht. Dies liegt vor allem dar­an, dass die Regis­seu­re und Dreh­buch­au­to­ren Wash West­mo­r­eland und Richard Glat­zer die ganz gro­ßen dra­ma­tur­gi­schen Effek­te ver­mei­den. STILL ALICE bleibt durch­weg rea­lis­tisch, im Ver­lauf sogar schmerz­lich rea­lis­tisch. Es gibt nicht die gro­ßen Zusam­men­brü­che, kei­ne auf­ge­bla­se­nen Strei­te­rei­en oder Ankla­gen, und auch kei­ne über­frach­te­ten pein­li­chen Situa­tio­nen. Erstaun­lich ruhig bleibt die Erzäh­lung. Ihr Mann John steht zu sei­ner Ver­ant­wor­tung, sich um sei­ne Frau zu küm­mern. Und wenn er manch­mal an die­ser Ver­ant­wor­tung zu schei­tern droht, dann merkt man das ledig­lich in klei­nen Ges­ten, an einem fast unmerk­li­chen Mie­nen­spiel. Alec Bald­win ist fan­tas­tisch, wie er sich dem eigent­li­chen The­ma unter­zu­ord­nen ver­steht, ohne zurück­ste­cken zu müs­sen. Er und Juli­an­ne Moo­re spie­len nicht ein­fach ein ver­hei­ra­te­tes Paar, son­dern sie sind die­ses Paar und müs­sen den Zuschau­er nicht erst davon über­zeu­gen. Sie haben gemein­sam ihre Kar­rie­ren erlebt, sie haben die­se Kin­der groß gezo­gen, die ver­gan­ge­ne Zeit ist tat­säch­lich ihre gemein­sa­me Zeit.

Natür­lich ist dies Juli­an­ne Moo­res Film, aber des­we­gen ver­kom­men die ande­ren Dar­stel­ler noch lan­ge nicht zu blo­ßem Bei­werk. Doch Moo­re ist selbst­re­dend der dra­ma­tur­gi­sche Mit­tel­punkt, und sie ist eben­so selbst­re­dend unglaub­lich beein­dru­ckend. Die Wand­lung von der kom­pe­ten­ten Wis­sen­schaft­le­rin zu einem gebro­che­nen Men­schen, der sich des eige­nen geis­ti­gen Ver­fal­les durch­aus bewusst ist, erschreckt bis­wei­len. Am Anfang der Krank­heit hat sich Ali­ce einen raf­fi­nier­ten Plan aus­ge­dacht, wie sie sich selbst dar­an erin­nern kann, sich in einem gewis­sen Sta­di­um das Leben zu neh­men. Und als es soweit ist, kommt es zu einer der rüh­rends­ten Sze­nen im Film, die glei­cher­ma­ßen tief bewegt, aber auch komi­sche Ele­men­te hat. Und genau dar­aus zieht STILL ALICE sei­ne ein­neh­men­de Kraft. Er will nicht Angst ein­ja­gen, oder beschwich­ti­gen, nicht beleh­ren, oder das herz­zer­rei­ßen­de Dra­ma sein. Er gewährt dem Zuschau­er Ein­blick in ein Leben, das man oft­mals als nicht mehr lebens­wert abtut, und genau die­se Prä­mis­se wird in Fra­ge gestellt. Der Lei­dens­weg ist hart, aber Ali­ce bewahrt stets ihre Wür­de. Das ist immer wie­der ergrei­fend, und stimmt auch nach­denk­lich. Und manch­mal tut es rich­tig weh, wenn man sich als Zuschau­er bewusst wird, dass kein Arzt über­ra­schend ein Heil­mit­tel aus dem Ärmel schüt­teln wird.

StillAlice

STILL ALICE
Dar­stel­ler: Juli­an­ne Moo­re, Kirs­ten Ste­wart, Alec Bald­win, Kate Bos­worth, Shane McRae, Hun­ter Par­rish, Ste­phen Kun­ken u.a.
Regie & Dreh­buch: Richard Glat­zer, Wash West­mo­r­eland, nach dem Roman von Lisa Genova
Kame­ra: Denis Lenoir
Bild­schnitt: Nico­las Chaudeurge
Musik: Ilan Eshkeri
Pro­duk­ti­ons­de­sign: Tom­ma­so Ortino
101 Minuten
USA – Frank­reich 2014
Pro­mo­fo­tos Copy­right Poly­band / 24 Bilder

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