Gamescom 2016: Die Luft ist raus

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Die Res­o­nanz im Netz war groß, als die Ver­anstal­ter der Gamescom kurz vor der Ver­anstal­tung neue »Sicher­heit­sregeln« for­mulierten, die aus der neb­ulösen Angst vor irgendwelchen Anschlä­gen resul­tierten. Diese betrafen die nor­malen Besuch­er, die eine Sicher­heits- und Taschenkon­trolle auf sich nehmen mussten (das kann man noch so eben akzep­tieren) sowie die Cos­play­er. Let­zteren unter­sagte man nicht nur das Mit­brin­gen von Spielzeug- und Latexwaf­fen, son­dern auch von »waf­fenähn­lichen Objek­ten«, wobei man das lei­der nicht näher spez­i­fizierte. Die kafkaeske Aus­sage, dass auch Plüschtiere und Sty­ro­porvögel »waf­fenähn­liche Objek­te« seien, nahm man erst auf meine Pressean­frage hin zurück. Eine der Begrün­dun­gen war, dass man nie­man­den durch die Anwe­sen­heit von Waf­fen in Angst und Schreck­en ver­set­zen wollte. Dass die Ziel­gruppe dur­chaus zwis­chen realen und ein­deuti­gen Gewan­dungswaf­fen unter­schei­den kann, ließ man außen vor (möglicher­weise hat­te hier die Köl­ner Polizei die Fin­ger im Spiel, die hat­te ja zu Karneval auch ern­sthaft Angst, dass man Laser­schw­ert­er für echte Waf­fen hal­ten kön­nte). Und dann der Knüller: Direkt neben dem Cos­play-Vil­lage (dazu später noch mehr) befand sich allen Ern­stes der Stand der Bun­deswehr.

Die Bundesweh möchte uns im Cyberspace offenbar mit Panzern verteidigen ...
Die Bun­deswehr möchte uns im Cyber­space offen­bar mit Panz­ern vertei­di­gen …

Da muss man sich natür­lich fra­gen, was für Dro­gen die bei den Ver­anstal­tern nehmen. Zum einen ver­bi­eten sie den Cos­play­ern Latex-Magier­stäbe, weil das Waf­fen sind, zum anderen stellen sie direkt neben das Cos­play-Vil­lage die Bun­deswehr – und die hat selb­stver­ständlich echte Waf­fen vor Ort. Das ist so der­maßen daneben, so unfass­bar gedanken­los und ohne jeglich­es Ein­füh­lungsver­mö­gen, da bleibt einem die Spucke weg. Man hätte wenig­stens das Feinge­fühl zeigen kön­nen, und den Stand der Truppe weit vom Cos­play-Are­al weg platzieren kön­nen. Durch diese direk­te Präsenz wurde das alberne Waf­fen­ver­bot in meinen Augen kom­plett ins Lächer­liche gezo­gen.

Wie die Bun­deswehr Deutsch­land am Cyberkusch mit Panz­ern vertei­di­gen möchte, war mir zudem auch nicht klar. Als beson­ders grotesk erscheint mir ein Stand auch angesichts der durch vorgestrige Union­spoli­tik­er wieder kurz neu ent­fachte »Killerspiel«-Debatte. Auf der einen Seite regen sie sich über Egoshoot­er und eSports auf, auf der anderen Seite darf die Bun­deswehr bei jun­gen Besuch­ern auf der Gamescom Wer­bung für Krieg­sein­sätze am Anus der Welt machen, bei denen reale Men­schen getötet wer­den.
Bin ich der einzige, der das zum Kotzen find­et? Nein, bin ich nicht, auch bei der Aktuellen Stunde des WDR ver­tritt man ganz ähn­liche Mei­n­un­gen. Ins­beson­dere ist frag­würdig, dass via Snapchat ins­beson­dere zehn bis 14-Jährige von der Bun­deswehr umwor­ben wer­den. Geht gar nicht. Aber die Ver­anstal­ter haben damit, dass hier Jugendliche zum Dienst an der Waffe ani­miert wer­den sollen, offen­bar über­haupt keine Prob­leme. Stattdessen nehmen sie lieber friedlichen Cos­play­ern die Latexwaf­fen weg. Was für eine Logik.

Aber gehen wir weg von frag­würdi­gen Entschei­dun­gen der Ver­anstal­ter und kom­men wir nochmal zum Cos­play Vil­lage. Man muss Tom­my Krap­p­weis Respekt für das zollen, was er hier mit seinen Mit­stre­it­ern auf die Beine gestellt hat. Drei Foto­shoot-Zonen in den Stilen Fer­nost, His­to­rie und Endzeit, sowie eine äußerst cle­vere Instal­la­tion inklu­sive Tram­polin, auf der man »Kapow-Fotos« machen kon­nte. Wie mir von Drit­ten glaub­würdig zuge­tra­gen wurde, wollte die Köl­n­messe übri­gens ein Cos­play Vil­lage haben, war allerd­ings nicht bere­it, dafür auch angemessene finanzielle Mit­tel zur Ver­fü­gung zu stellen. Hier zeigt sich also erneut, dass man die Cos­play­er zwar gern als wer­be­wirk­same Ziel­gruppe mit­nimmt, sie den Ver­anstal­tern allerd­ings anson­sten völ­lig schnuppe ist. Umso mehr muss man mit viel Respekt anerken­nen, was Tom­my da mit Hil­fe von Unter­stützern, die unent­geltlich Zeit und Mate­r­i­al investierten, instal­lieren kon­nte, trotz der fehlen­den Mit­tel. Hut ab!

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Cospay-Vil­lage: Endzeit
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Fer­nost
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… und His­to­rienkulisse
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Schaut mal, das sind so Dings … na so … Dings halt

Was war noch? Ach ja: Com­put­er­spiele.

Lei­der muss man kon­sta­tieren, dass bei den großen Anbi­etern mal abge­se­hen vom fast hek­tis­chen VR-Boom, bei dem jed­er unbe­d­ingt irgend­wie teil­haben möchte, die Luft ziem­lich raus ist. Irgend­wie find­et man nur noch umpfzehnte Aufgüsse irgendwelch­er Fran­chis­es oder neue Spiele, die irgendwelchen alten oder Konkur­ren­zpro­duk­ten zum Ver­wech­seln ähn­lich sehen. Man kann nur fest­stellen, dass die Branche VR tat­säch­lich als Inno­va­tion ganz drin­gend braucht, denn anson­sten fehlen neue Impulse auf weit­er Flur. Die neueste TEKKEN-Fas­sung kommt auch für den PC. Gähn. Elec­tron­ic Arts verkauft den Gamern mit FIFA das­selbe Spiel in jedem Jahr mit min­i­malen Änderun­gen neu. Bahn­brechen­des Geschäft­skonzept. Und selb­st bei Bliz­zard muss man sich für die neue WOW-Erweiterung LEGION nicht anstellen.
Da kann man nachvol­lziehen, dass sich manche auf der Suche nach Neuerun­gen an den VR-Hype hän­gen. Doch sieht man sich die Games an, stellt man fest, dass bei vie­len die echte Inno­va­tion fehlt und nur bekan­nte Konzepte halb­herzig in die Virtuelle Real­ität und auf die neuen HMDs transponiert wer­den. So doof sind die Spiel­er aber nicht. Gut, man muss anerken­nen, dass die Tech­nik noch wirk­lich neu ist, und sich die Entwick­ler und Dis­trib­u­toren da erst rantas­ten müssen. Aber wenn man sich ansieht, was manche Indies an coolem Zeug für die VR-Plat­tfor­men raushauen, stellt man schnell fest, dass die »Großen« offen­sichtlich nicht in der Lage sind, sich von ihrem alten Krem­pel zu lösen.

Oculus Tocuh-Controller - nur gucken, nicht anfassen
Ocu­lus Touch-Con­troller – nur guck­en, nicht anfassen

A pro­pos »nicht anstellen«. Es ist eine ganz hundsmis­er­able Entwick­lung, dass ein nicht geringer Teil der großen Anbi­eter ihre Stände kom­plett abkapseln, so dass es nicht möglich ist, mal eben an eine Sta­tion zu gehen und ein Spiel zu testen. Stattdessen müsste man sich gezwun­gener­maßen immer und immer wieder anstellen. Ich hat­te ein paar wenige Pro­duk­te, die ich mir gezielt anse­hen wollte, aber hätte ich das durchge­zo­gen, hätte ich den gesamten Fachbe­suchertag in Warteschlangen ver­bracht, und dafür fehlen mir sowohl die Zeit, wie auch das Ver­ständ­nis. Und so habe ich eben etliche Neu­vorstel­lun­gen oder den Ocu­lus Touch-Con­troller nicht testen kön­nen, und kann deswe­gen auch nicht darüber bericht­en.

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Ich habe dann stattdessen eine Menge Zeit in der sehr schö­nen Retro-Abteilung ver­bracht, in der wieder reich­lich Schätze aus der Zeit der 8-Bit-Com­put­er und danach aus­gestellt wur­den. Und – man mag es nicht glauben, aber es ist so – es wer­den sog­ar noch neue Spiele für Geräte wie den C64, den Atari 800 oder den Ami­ga pro­gram­miert. Auch sehr gut gefall­en haben mir die diversen aufgestell­ten Arcade-Auto­mat­en und Flip­per. Mein »mal eben« erspiel­ter High­score am GALAXIAN war zwar nicht mehr so hoch wie in den 80ern, aber immer noch gut genug, um mehrere Stun­den ungeschla­gen zu bleiben.

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Und manche der alten Spiele führen einem nur zu deut­lich vor Augen, warum ein orig­inelles Spiel­prinzip jeden Grafik-Overkill, mit dem die großen Pub­lish­er inhaltliche Schwächen zu kaschieren ver­suchen, lock­er in die Tasche steck­en kann. Das ist so ähn­lich wie mit den Booth-Babes: Je dün­ner das Spiel, desto knap­per bek­lei­det die Stand-Hostessen …

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Eben­falls sehr empfehlenswert ist die Indie-Booth. Wer sein Ohr am Puls der Zeit haben und sich anschauen möchte, was in der Ursuppe abseits des Fran­chise-Main­streams brodelt, der sollte sich hier drin­gend umse­hen. Und ich prophezei­he mal, dass hier auch in Zukun­ft Pro­jek­te entste­hen wer­den, die die Großen eiskalt erwis­chen, und die ähn­lich wie MINECRAFT ohne großes Bud­get und (zuerst) durch Mund­pro­pa­gan­da dann höchst erfol­gre­ich wer­den und die Branche von hin­ten – oder eher: von unten – aufrol­len. Und auch hier wieder­holt sich die Ein­sicht aus der Retro-Ecke: Es muss nicht immer die überzüchtete Grafik sein, wenn es inno­v­a­tive Spielkonzepte vorzuweisen gibt.

Und dann war da noch STAR CITIZEN, die hat­ten erst­mals einen richtig großen Stand – für irgend­was muss man die ganzen ein­genomme­nen Mil­lio­nen ja investieren. Ich wollte dort mal mit jeman­dem reden, und schildern, was mir im let­zten Jahr mit deren Sup­port passiert ist, und ob sie das so für richtig hal­ten (Kurz­fas­sung: Game-Pack­age gekauft, an einen Fre­und ver­schenkt, in dessen Account ist das aber nie angekom­men. Wochen­lang null Reak­tion vom Sup­port, dann eine völ­lig unpassende Antwort, die »abwim­meln« groß auf der Stirn hat­te. Erst als ich darauf bestand, dass das alles so ist, bekam ich nachviel Heck­meck wenig­stens das Geld zurück. Und dafür wur­den wir vom Sup­port-Honk auch noch des Betrugs beschuldigt. Ich habe seit­dem die Berichter­stat­tung über SC eingestellt).
Darüber wollte ich wie gesagt am Stand mal mit jeman­dem sprechen. Das war der Plan. Wurde allerd­ings dadurch zunichte gemacht, dass dort ein der­ar­tiger Lärm ver­anstal­tet wurde, dass man nicht nur sein eigenes, son­dern auch das Wort des Gesprächspart­ners trotz Brül­lens nicht ver­stand. Ich meine im Ver­lauf des Gesprächs ein »very sor­ry« ver­standen zu haben. Ich habe dann als »Entschädi­gung« einen Sty­ro­por-Papier­flieger bekom­men, den jed­er andere auch erhielt, und bei dem ich mir sofort Sor­gen machte, ob der vielle­icht ein ille­galer »waf­fenähn­lich­er Gegen­stand« sei …
Und auch ein Besuch im Busi­ness-Bere­ich kon­nte kein klären­des Gespräch her­beiführen, denn der Stand von Roberts Space Indus­tries dort bestand aus ein­er weißen Wand mit ein­er abgeschlosse­nen Tür.

Der Köl­n­messe-Chef gab übri­gens gegen Ende der Gamescom noch damit an, dass die ver­schärften Sicher­heits­maß­nah­men von den Besuch­ern »gut angenom­men wur­den« und trotz der­sel­ben genau­so viele Gamer die Messe besucht hät­ten, wie im Vor­jahr. Das ist ein schön­er Ver­such der Augen­wis­cherei, denn als die Köl­n­messe die neuen Sicher­heit­sregeln veröf­fentlichte, waren alle Tick­ets schon lange ausverkauft. Selb­stver­ständlich wird jemand, der bere­its bezahlt hat, auch kom­men. Oder sein Tick­et an jemand anderen verkaufen. Aus diesem Grund kann ich seine Aus­sage nur als medi­en­wirk­sames Mar­ket­ing-Blabla ein­stufen.

Als Faz­it der Gamescom bleib für mich in diesem Jahr: Ich muss mir über­legen, ob ich in 2017 wieder hinge­he, oder ob ich die Ver­anstal­tung ein­fach mal aus­fall­en lasse. Na gut, vielle­icht gehe ich doch hin und bleibe die gesamte Zeit im Retro- und Indie-Bere­ich … Das wird allerd­ings auch davon abhän­gen, ob die Bahn 2017 mal wieder in der Lage sein wird, ihren Job ordentlich zu machen – aber das ist eine GANZ andere Geschichte.

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B.A. Bar­ra­cus – aus Lego
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Gewin­ner des Preis­es »bester Stand« – mit Recht
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Na hof­fentlich hat der keine Waf­fen dabei …
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Schrankkon­trolle erfol­gre­ich: keine Waf­fen gefun­den
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Keine gäh­nende Leere aber auch kein Gedränge am WOW-LEGION-Stand
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Auch Ama­zon hat­te einen Stand (die angekündigte Vertre­tung der Buch­branche habe ich nicht gefun­den)
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Die einen haben aufwendig gestal­tete Fig­uren, die anderen lei­hen sich nen Treck­er

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Logo Gamescom Copy­right Köl­n­messe. Dank ans Kam­er­akind Tom­my Krap­p­weis.

AutorIn: Stefan Holzhauer

Meist harm­los­er Nerd mit natür­lich­er Affinität zu Pix­eln, Bytes, Buch­staben und Zah­n­rädern. Kon­sum­iert zuviel SF und Fan­ta­sy und schreibt seit 1999 online darüber.

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