ÆTHERSTURM – Susanne Gerdom

Cover ÆthersturmWer sich an meine Rezension zum ersten Teil erinnert, der weiß, dass ich von ÆTHERMAGIE ziemlich weggeflashed wurde. Grandiose Erzählkunst in einem tollen Setting mit interessanten Figuren wurde in jenem Buch von Susanne Gerdom geboten und wieder einmal gezeigt, dass Steampunk aus Deutschland sich mal so überhaupt nicht verstecken muss, auch dann nicht, wenn es sich vorgeblich um ein Jugendbuch handelt.

Nun ist bei Ueberreuter der zweite Teil mit dem Titel ÆTHERSTURM erschienen und meine Spannung wuchs, ob diese Qualität so würde aufrechterhalten bleiben können.

Ich hätte mir da erwartungsgemäß mal gar keine Sorgen machen sollen.

Werbetext:

Die Aetherwelt steht kurz vor einem Krieg. Die Kaiserin ist von den Gegnern der sogenannten Engel festgesetzt worden und nun soll auch ihre Tochter Mizzi gefangengenommen werden. Mit letzter Kraft rettet sich diese in die Kanalisation. Dort sammeln die Alliierten der Engel um die junge Kato von Mayenburg und den Halbengel Jenö ihre Kräfte, um die unwürdige Sklaverei der Elementarwesen durch die Menschen ein für alle Mal zu beenden. Jenö, Kato und Mizzi treiben die Kreigswirren an jeweils andere Orte der Kaiserstadt Wien. Und jeder von ihnen macht dabei Entdeckungen, die bis dato jenseits ihrer Vorstellungskraft lagen.

Ganz im Gegenteil, Susanne Gerdom setzt sogar noch einen drauf, und liefert einen fulminanten Abschluss der Abenteuer im ersten Teil.

(Es könnten kleinere Spoiler auf den ersten und auch den zweiten Teil vorhanden sein)

Die Lage ist prekär, denn die Zeitlinien im Haus von Meister Tiez sind kollabiert, der Meister verschwunden. Sollte es nicht gelingen, die Zeitschleife zu stabilisieren, ist Wien, vielleicht sogar die ganze Welt dem Untergang geweiht, wenn Chaoswesen es schaffen sollten, aus dem Tunnel auszubrechen und über unsere Welt herzufallen – oder der Tunnel des Zeitmeisters kollabiert und alles was wir kennen gleich mit. Erschwerend kommt hinzu, dass man im Untergrund arbeiten muss, denn die Protagonisten gehören nicht etwa zur Staatsmacht, sondern sind von jener geächtet worden. Und die Armee der Engel steht nach langen Jahren des Kriegs vor Wien und das Reich droht zu fallen.

Unter diesen Voraussetzungen spielt sich die gesamte Handlung im Untergrund oder im Geheimen ab, sei es bei den Strottern des Oberpani Kalk in der Kanalisation Wiens oder bei Nacht- und Nebel-Aktionen. Ein weiterer Schauplatz ist verdrehte Realität des ehemaligen Ladens von Meister Tiez.

Die Autorin spielt nicht nur mit diesen Orten, sondern auch mit den Protagonisten äußerst virtuos, wechselt Orte und agierende Personen äußerst geschickt, so dass nicht einen Moment Langeweile aufkommen kann. Das Wort ist überstrapaziert, aber es passt perfekt: ÆTHERSTURM ist ein echter Pageturner, aus der Hand legen nahezu unmöglich (bloß gut, dass ich Urlaub hatte). Dabei gibt es im Handlungsablauf einige Überraschungen, die aber nie aufgesetzt wirken, vielmehr wie sorgfältig durchgeplant und durchgestyled. Stellenweise hat mich das an den Erzählstil von JMS in BABYLON 5 erinnert.

Der wichtigste neue Protagonist ist ein Junge namens Jenö, mit dem wird das Buch auch gleich eröffnet, und man fragt sich: »Und wo ist Kato?«. Bei diesem Fokuswechsel handelt es sich aber nicht nur um einen erzählerischen Kniff, denn der Junge, der ebenfalls mit vier Elementaren unterwegs ist, wird im weiteren Verlauf eine wichtige Rolle spielen. Jenö ist ein überaus interessanter Charakter, ausgestoßen und verbittert. An dieser Figur zeigt sich exemplarisch, was auch bei den anderen deutlich zu bemerken ist:dass Susanne Gerdom dazu in der Lage ist, Figuren sich glaubwürdig und nachvollziehbar weiterentwickeln zu lassen. Ein anderes Beispiel ist Luca, der … ähem … Thronfolger des Oberpani Kalk.

Erfreulicherweise wurde auch den beiden Milan-Brüdern, also dem Schwarzen und dem Roten, deutlich mehr Raum gegeben als im ersten Band, auch wenn sie hauptsächlich damit befasst sind, Dinge zu bauen, zu reparieren, oder in den – wie soll man es sagen – Æthersphären zu navigieren. Ach ja: Für das Wort »Ætheroskaph« gehört Susanne Gerdom ein Orden verliehen.

Und natürlich treffen wir auch Kato wieder. Aus der behüteten Baronesse ist eine aktive, junge Frau geworden, die sich inzwischen in der Männerkleidung wohl fühlt und, genau wie ihre Mutter, lieber das Heft in die Hand nimmt, um selbst zu agieren.

Die Figuren, zusammen mit den exotischen Orten (und das, obwohl sich die Handlung »eigentlich« nur in Wien abspielt) sind für sich allein genommen schon ein Knüller. Nimmt man dann noch den genial ausgeheckten Weltenbau, Pseudophysik, die Elementarwesen, das ständige Getinkere und die »Engel« hinzu, wird es kongenial. Weiterhin eine rasante Handlung, mit ständigen Wendungen, Überraschungen und auch Personen, die nicht das sind, was sie zu sein scheinen.

Alles in allem sogar noch besser als ÆTHERMAGIE. Unbedingte Leseempfehlung, nicht nur für Jugendliche.

Apropos Jugendliche: Auch hier würde ich wieder anregen wollen, das Buch nicht zu Jugendlichen in die Hand zu drücken. Nicht unbedingt wegen der nicht nur schwach angedeuteten Homo- und Bisexualität, sondern wegen wieder einiger schwerer Kost, was Beschreibungen von Gewalt und Verletzungen angeht. Kinder könnten amputierte Gliedmaßen in der beschriebenen Form dann vielleicht doch verstören.

Manch ein Schlauberger wird nach dem Ende des Lesens vielleicht in Frage stellen, ob es sich tatsächlich um Steampunk handelt. Man könnte ein neues Genre hierfür erfinden, vielleicht Elementarpunk. Eigentlich ist die Meinung solcher Nitpicker angesichts des Gebotenen aber auch völlig egal! Und: Keine Zahnräder auf dem Cover! ;)

Soweit ich weiß, war die Reihe eigentlich als Trilogie ausgelegt, es gab allerdings Probleme mit dem Verlag. Ich hatte die Mitarbeiter von Ueberreuter immer als äußerst positiv empfunden, leider ist es wohl so, dass der Verlag verkauft wurde oder sich anderen Geschäftsfeldern als popligen Kinderbüchern zuwenden möchte und jetzt ein völlig anderer Wind weht. Ich kann deshalb gut nachvollziehen, dass Susanne Gerdom die Geschichte zu einem Ende bringen wollte, da ein dritter Teil in dieser Form völlig ungewiss gewesen wäre. Das ist aber äußerst schade, auch für einen Dreiteiler wäre mehr als genug Stoff vorhanden gewesen. Sollte dem aber so tatsächlich sein, zeigt das wieder einmal, dass die klassische Verlagslandschaft sich in meinen Augen längst überholt hat.

Fazit: Lesen! Lesen! Lesen!

Ich vergebe sieben von fünf Elementarwesen. (Ich muss das tun. Beim letzten Mal habe ich sechs von fünf gegeben und die Autorin hat noch einen draufgesetzt, erklären wir es einfach mit schweren Verzerrungen der Realität, ausgelöst durch einen kollabierten Zeittunnel)

ÆTHERSTURM
Susanne Gerdom
Phantastischer Roman
Hardcover mit Umschlag & eBook
7. April 2014
400 Seiten
empfohlenes Alter: ab 14 Jahren
Hard­co­ver:
– EUR 16,99
– ISBN: 978–3764170127
eBook:
– EUR 13,99
– ASIN (Kindle): B00J5ESZYK
Ueberreuter

Coverabbildung Copyright Ueberreuter

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AutorIn: Stefan Holzhauer

Meist harmloser Nerd mit natürlicher Affinität zu Pixeln, Bytes, Buchstaben und Zahnrädern. Konsumiert zuviel SF und Fantasy und schreibt seit 1999 online darüber.

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