IM HERZEN DER SEE

Poster Heart Of The SeaIN THE HEART OF THE SEA – Bun­des­start 26.11.2015

Die Geschich­te des Wal­fang­schif­fes Essex war nicht »die« Inspi­ra­ti­on für Her­man Mel­vil­les MOBY DICK. Son­dern eines von meh­re­ren Ereig­nis­sen, wel­che Mel­vil­le zu sei­nem Erfolgs­ro­man inspi­rier­ten, und in den er die­ses mit ein­flie­ßen ließ. Das macht die Geschich­te von IM HERZEN DER SEE nur noch inter­es­san­ter, die letzt­end­lich auch als eine Art Pre­quel inter­pre­tiert wer­den könn­te. Ron Howard ist bekannt­lich einer der Regis­seu­re, der wah­re Bege­ben­hei­ten wie ein weit her­ge­hol­tes Spek­ta­kel an Erfin­dungs­reich­tum insze­nie­ren kann, um den Zuschau­er in best­mög­li­cher Form mit den Mit­teln des Kino zu unter­hal­ten. APOLLO 13, A BEAUTIFUL MIND, CINDERELLA MAN, FROST/NIXON, und RUSH gin­gen IM HERZEN DER SEE vor­aus, und ver­deut­li­chen für den Ein­zel­nen ein­dring­lich, was er von die­sem Film zu erwar­ten hat.

Im Jah­re 1820 bricht das Wal­fang­schiff Essex auf, um sei­nen Fracht­raum mit 2000 Fäs­sern Wal­öl zu fül­len. An Bord der Ober­maat Owen Cha­se, der für die­se Rei­se um sein Kapi­tän­spa­tent betro­gen wur­de. Kapi­tän wur­de der uner­fah­re­ne Geor­ge Pol­lard, der allein wegen sei­nes ade­li­gen Stan­des den Vor­zug erhielt. Die Män­ner machen sich umge­hend gegen­sei­tig klar, was sie von­ein­an­der hal­ten. So kommt es wäh­rend der Rei­se unent­wegt zu Rei­be­rei­en. Dazwi­schen macht der jun­ge See­mann Tho­mas Nicker­son sei­ne ers­ten Erfah­run­gen auf See, und im Wal­fang. Im Jah­re 1850 wird der geal­ter­te Nicker­son Besuch von Her­man Mel­vil­le erhal­ten, der Autor will sich die wah­re Geschich­te um die Besat­zung der Essex erzäh­len las­sen. Das Gespräch von Mel­vil­le und Nicker­son bil­det auch die Rah­men­hand­lung zu IM HERZEN DER SEE. Es ermög­licht dem Film, vie­le Din­ge aus einer Erzäh­ler­per­spek­ti­ve zu erklä­ren, die fil­misch sehr schwer umzu­set­zen gewe­sen wären. Wie zum Bei­spiel die grau­en­haf­ten Ereig­nis­se wäh­rend der 90 Tage im Ret­tungs­boot.

Anstatt auf das ganz gro­ße Epos zu set­zen, tritt Ron Howard mit sei­ner Crew einen Schritt zurück. Vie­le Sze­nen sind kam­mer­spiel­ar­tig sehr dicht an den Per­so­nen insze­niert. Kame­ra­mann Antho­ny Dod Mant­le mischt dar­un­ter immer wie­der Bil­der, die mit äußerst gerin­ger Schärfen­tie­fe auf­ge­nom­men wur­den. Das ist aller­dings ein Gim­mick, wel­ches kei­nen inhalt­li­chen Ein­klang bringt. Dafür springt der Film bei den ent­schei­den­den Action-Sequen­zen in die epo­cha­len Bild­to­ta­len. Gigan­ti­sche Wal-Schwär­me und dazwi­schen drei Ruder­boo­te mit ihren Har­pu­nie­rern. Hier schafft Howard immer wie­der, den Zuschau­er von einer fast inti­men Atmo­sphä­re an Bord der Essex, in ein bild­ge­wal­ti­ges Aben­teu­er auf hoher See zu sto­ßen. Und das ver­fehlt sei­ne Wir­kung nicht. Aller­dings lei­det der Film gleich­zei­tig an sei­ner an Far­be und Kon­trast mani­pu­lier­ten Bild­ge­stal­tung. Sze­nen mit visu­el­len Effek­ten, und das sind eben alle in denen Wale vor­kom­men, las­sen ihre Künst­lich­keit durch den Ein­satz des Com­pu­ters erken­nen. Trick­tech­nisch könn­te man IM HERZEN DER SEE zehn  Jah­re vor sei­ner eigent­li­chen Ent­ste­hung anset­zen.

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Trotz allem ist Ron Howard wie­der ein span­nen­der und ein­neh­men­der Film gelun­gen. Er beherrscht ein­fach das rich­ti­ge Tem­po in den Sze­nen, aber auch ihren dra­ma­ti­schen Auf­bau. Etwas Kür­zung hät­ten im drit­ten Akt die 90 Tage See­not ver­tra­gen. Was einem aller­dings erst bei einer zwei­ten Sich­tung bewuss­ter wird. Nicker­son beginnt sei­ne Erzäh­lung mit den Wor­ten, dass die Geschich­te der Essex eigent­lich die Geschich­te von Owen Cha­se und Geor­ge Pol­lard ist. Zwei Cha­rak­te­re, die sich gegen­sei­tig gut ein­zu­schät­zen ver­mö­gen, aber unter­schied­li­cher nicht sein könn­ten. Und deren Über­heb­lich­keit auch das Ende der Essex her­auf­be­schwö­ren könn­te. Hier greift IM HERZEN DER SEE auch den Kern von MOBY DICK auf, dass der Mensch nur Teil der Natur ist, sich aber nie­mals über sie erhe­ben kann. Beson­ders ein­dring­lich wird dies im letz­ten Drit­tel, wenn es dar­um geht, die See­not zu über­le­ben, und auf unaus­sprech­li­che Maß­nah­men zurück zu grei­fen. Der wei­ße Wal wird dabei zum Syn­onym. Er ist weder Mons­ter, noch Hei­lig­tum. Er wird zum Gewis­sen der Men­schen.

Jetzt ist Wal­fang in unse­rer Zeit poli­tisch etwas in Fra­ge gestellt. Doch es ist erfreu­lich, dass weder Dreh­buch noch Regie die­sen Aspekt ins 19. Jahr­hun­dert ver­le­gen woll­ten, wo die Fra­ge nach Natur­schutz und respekt­vol­len Umgang mit der Natur schlicht­weg kei­ne Fra­ge war. Den­noch hat Howard eine Bot­schaft unauf­dring­lich, aber dra­ma­tur­gisch effek­tiv in den Film ein­bau­en kön­nen. Der Ein­klang mit der Natur ist erst mög­lich, wenn wir als Mensch nicht glau­ben, ihr über­le­gen zu sein. Und so wer­den die fil­mi­schen Schwä­chen von Ron Howards jüngs­tem Film auf ein Mini­mum redu­ziert, wenn man zum Kern der Geschich­te vor­ge­drun­gen ist.

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IM HERZEN DER SEE – IN THE HEART OF THE SEA
Dar­stel­ler: Chris Hems­worth, Tom Hol­land, Ben­ja­min Wal­ker, Ben Whis­haw, Cil­li­an Mur­phy, Char­lot­te Riley, Bren­dan Glee­son, Frank Dil­la­ne u.a.
Regie: Ron Howard
Dreh­buch: Charles Lea­vitt
Kame­ra: Antho­ny Dod Mant­le
Bild­schnitt: Dani­el P. Han­ley, Mike Hill
Musik: Roque Baños
Pro­duk­ti­ons­de­sign: Mark Til­des­ley
121 Minu­ten
USA 2015
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AutorIn: Bandit

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