ICH. DARF. NICHT. SCHLAFEN.

Poster Ich darf nicht schlafenBEFORE I GO TO SLEEP – Bun­des­start 13.11.2014

Jeden Mor­gen, wenn Chris­ti­ne erwacht, beginnt ihr Leben von vor­ne. Eine Vier­zig­jäh­ri­ge, die glaubt in der Nacht zuvor als Zwan­zig­jäh­ri­ge ins Bett gegan­gen zu sein. Und jeden Mor­gen erzählt Ehe­mann Ben von ihrem schreck­li­chen Unfall, bei der sie eine psy­cho­ge­ne Amne­sie erlit­ten hat. Seit vier­zehn Jah­ren erwacht Chris­ti­ne jeden ein­zel­nen Tag ohne jede Erin­ne­rung an die Gescheh­nis­se vom Vor­tag. Hoch­zeits­bil­der von ihr und Ben hän­gen im Bade­zim­mer, um even­tu­ell auf­kei­men­de Erin­ne­run­gen zu unter­stüt­zen. Schrän­ke und Kom­mo­den sind mit Post-Its beklebt, damit sich Chris­ti­ne im Haus zurecht fin­det. Für Chris­ti­ne geschieht das alles immer zum ers­ten Mal, aber für Ben ist es eine schmerz­haft end­lo­se Schlei­fe an Wie­der­ho­lun­gen. Aber dass die­ser Film kein Dra­ma, son­dern Psy­cho­thril­ler sein wird, weiß man spä­tes­tens seit dem Beginn des Mar­ke­tings von ICH DARF NICHT SCHLAFEN.

Und hier denkt man nicht unbe­dingt an das MURMELTIER, son­dern ersehnt sich eher ein ver­zwick­tes Rät­sel, das Nolans MEMENTO Tri­but zol­len könn­te. Im Ver­lauf mischt sich dann noch ein Dok­tor Nasch in das kom­pli­zier­te Leben von Chris­ti­ne, der sie jeden Mor­gen tele­fo­nisch dar­an erin­nert, dass sie ein Video­ta­ge­buch führt, aber Ben nichts davon erfah­ren darf. Die Hand­lung legt schon in den ers­ten Sze­nen genug nebu­lö­se Zei­chen, um dar­aus ein raf­fi­nier­tes Rät­sel­werk zu kon­stru­ie­ren. Irgend­je­mand spielt ein fal­sches Spiel. Es könn­te Dok­tor Nasch sein, oder Ben selbst. Chris­ti­ne ist je nach Tag und den jewei­li­gen Infor­ma­tio­nen hin und her geris­sen, wem sie trau­en kann, und wem nicht. Immer wie­der kön­nen sich die bei­den Her­ren Chris­ti­ne gegen­über erklä­ren. Immer wie­der sind die­se Erklä­run­gen schlüs­sig, Chris­ti­nes Situa­ti­on wird dadurch aller­dings immer ver­wir­ren­der.

Ein Psy­cho­thril­ler mit Kid­man, Firth und Strong. Da muss der Erfolg in tro­cke­nen Tüchern sein. Vor allem Strong, der viel zu lan­ge brauch­te, um end­lich sei­ne ver­dien­te Auf­merk­sam­keit von Sei­ten der Stu­di­os und des Publi­kums zu erfah­ren. Ein gran­dio­ses Trio, wel­ches sich in sei­nen Cha­rak­ter­zeich­nun­gen und sei­nem inten­si­ven Spiel nicht ein­fach nur gegen­sei­tig stützt, son­dern förm­lich anein­an­der hoch arbei­tet. Regis­seur und Autor Rowan Jof­fe hat sehr ein­neh­men­de Figu­ren geschrie­ben, die dem Inhalt mehr Inten­si­tät, aber auch Glaub­wür­dig­keit ver­lei­hen. Wäre da nicht die zwei­te Hälf­te des Films.

Hat sich ICH DARF NICHT SCHLAFEN erst ein­mal sein raf­fi­nier­tes Kon­strukt von Para­noia, Ver­schwö­rung und Span­nungs­ele­men­ten zurecht­ge­legt, weiß Regis­seur Rowan Jof­fe nichts mehr damit anzu­fan­gen. Sein Film zer­fällt in dra­ma­tur­gi­sche Kli­schees, die sei­ner ers­ten Hälf­te gar nicht mehr gerecht wer­den. Hat sich vier­zehn Jah­re nichts an Chris­ti­nes Amne­sie ver­än­dert, tut es dies unver­mit­telt dann zu Guns­ten der zwei­wö­chi­gen Erzähl­span­ne des Films. Wur­den die Neben­cha­rak­ter undurch­sich­tig und mit allen Mög­lich­kei­ten in ihrer Ent­wick­lung gehal­ten, setzt man auch hier genau­so unver­mit­telt auf das abseh­ba­re Kli­schee. Der Psy­cho­thril­ler lie­ben­de Gen­re-Fan wird sich im Ver­lauf der ers­ten Hälf­te zwei Varia­tio­nen von Auf­lö­sung zurecht legen. Nur zwei, aller­dings liegt die eigent­li­che Span­nung dar­in, wenn einer der ver­mu­te­ten Cha­rak­te­re etwas began­gen hat, war­um er das tat. Auf einer Ebe­ne mit einem span­nen­den Rät­sel fügt sich also eine zwei­te Ebe­ne hin­zu.  Was aber sehr viel­ver­spre­chend ein­ge­führt wird, beant­wor­tet der Regis­seur und Autor ach­sel­zu­ckend mit der offen­sicht­lichs­ten aller Auf­lö­sun­gen. Eigent­lich nicht ein­fach, eher bil­lig, was er sich da aus­ge­dacht hat. Und dies bestrei­tet auch noch die gesam­te zwei­te Hälf­te des Neun­zig­mi­nü­ters.

ICH DARF NICHT SCHLAFEN ent­täuscht, weil er wesent­lich mehr ver­spro­chen hat. ICH DARF NICHT SCHLAFEN gewinnt mit sei­nen über­zeu­gen­den Dar­stel­lern. ICH DARF NICHT SCHLAFEN ist letzt­end­lich wirk­lich ent­täu­schend, weil er sei­ne Grund­prä­mis­se nicht über­zeu­gend zu nut­zen ver­steht, und somit sei­ne her­vor­ra­gen­den Dar­stel­ler in ein Vaku­um von Plat­ti­tü­den lau­fen lässt. Scha­de um das ver­schwen­de­te Ensem­ble, das einen ver­hei­ßungs­vol­len Film tra­gen muss, wel­cher kei­ne Spur von Inno­va­ti­on durch­schei­nen lässt. Dafür gibt es die­se eine, die­se gewis­se Ein­stel­lung von Nico­le Kid­man am Anfang, die wenigs­tens männ­li­che Zuschau­er auf Vor­der­mann bringt. Idio­tisch nur, wenn ein Film das wirk­lich nötig hat. Noch ein­mal: Ein­fach scha­de.

idns

ICH. DARF. NICHT. SCHLAFEN. – BEFORE I GO TO SLEEP
Dar­stel­ler: Nico­le Kid­man, Mark Strong, Colin Firth, Ben Cromp­ton, Anne-Marie Duff, Adam Levy u.a.
Dreh­buch & Regie: Rowan Jof­fe, nach dem Roman von S.J. Wat­son
Kame­ra: Ben Davies
Bild­schnitt: Mela­nie Oli­ver
Musik: Ed She­ar­mur
Pro­duk­ti­ons­de­sign: Kave Quinn
92 Minu­ten
Groß­bri­tan­ni­en – Frank­reich – Schwe­den 2014
Pro­mo­fo­tos Copy­right Splendid Film / Sony Pic­tures Releasing

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AutorIn: Bandit

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