HYDE PARK ON HUDSON

Am Vor­abend des zweit­en Weltkrieges erwartet Franklin Delano Roo­sevelt als 32. Präsi­dent der Vere­inigten Staat­en von Ameri­ka ganz beson­dere Gäste auf seinem Land­sitz, welch­er aus­gerech­net Hyde Park genan­nt wird, am malerischen Flüss­chen Hud­son. König George der Sech­ste aus Großbri­tan­nien hat sich mit Gat­tin Eliz­a­beth zum Staats­be­such angekündigt. Die Vor­bere­itun­gen sind entsprechend tur­bu­lent und hek­tisch, zur Ruhe kommt der Präsi­dent auf dem Land­sitz kaum. Da kann etwas Ablenkung dur­chaus nicht schaden. Zum Beispiel mit der Cou­sine fün­ften Grades Daisy, nach welch­er Roo­sevelt schick­en lässt. Und dies, obwohl seine Gat­tin Eleanor eben­so anwe­send ist, wie seine Geliebte Mis­sy.

Roger Michells Film, nach dem Drehbuch von Richard Nel­son, übt sich in der schon bewährten Tra­di­tion, sich Per­sön­lichkeit­en nicht mehr über die Erzäh­lung ihres gesamten Lebens anzunäh­ern, son­dern über ein beson­deres Ereig­nis während ihrer Schaf­fen­skraft zu definieren. Aber dem Film fehlt eine klare Lin­ie, um seinem Anliegen gerecht zu wer­den. Wir ler­nen einen lebenslusti­gen und unkom­plizierten Präsi­den­ten ken­nen, wobei offen­sichtlich wird, warum er zu den weni­gen wirk­lich beliebten Volksvertretern der Vere­inigten Staat­en zählt. FDR war auch der einzige Präsi­dent, der in vier Amtspe­ri­o­den gewählt wurde. Ein sym­pa­this­ch­er Mann, den man auch ohne weit­eres nicht nur die Betrügereien an sein­er Frau nach­sieht, son­dern auch noch das Hin­terge­hen sein­er Geliebten.

Der Besuch des britis­chen Königspaares kommt nicht von unge­fähr. Zum einen ist es Georges Antritts­be­such, und zum anderen sind die poli­tis­chen Ver­hält­nisse in Europa am kip­pen. Entsprechend nervös zeigt sich das Paar aus Übersee, die hin­ter vie­len Din­gen nur die Verunglimp­fung der Monar­chie ver­muten. Warum heißt der Land­sitz aus­gerech­net wie der Lon­don­er Park und warum gibt es anstelle eines Staats­din­ners ein Pick­nick? Aber viel schlim­mer, warum wer­den sie vom ein­fach Bauern auf dem Land nicht erkan­nt? Michell und Nel­son haben gut daran getan, sich gewisse Frei­heit­en gegenüber den tat­säch­lichen Ereignis­sen des Staats­be­such­es her­auszunehmen. Und es war wichtig, die poli­tis­chen Hin­ter­gründe Europa betr­e­f­fend weit­ge­hend außer acht zu lassen. So wird der Zusam­men­prall der Kul­turen bess­er, aber auch amüsan­ter in den Vorder­grund gerückt. Wie sich die Fig­uren von einem Dilem­ma zum näch­sten hangeln, insze­niert Michell mit einem her­rlich anzuse­hen­den Vergnü­gen, wo er zur Freude des Pub­likums wie bei einem Ping-Pong-Spiel in den Szenen hin und her springt.

So ganz mag dieser vergnügliche Diskurs aber nicht zu der vor­ange­gan­genen, nicht min­der amüsant erzählten, Geschichte passen. Es ist die verun­sicherte Cou­sine Daisy, die zu ihrem Ver­wandten und gle­ichzeit­i­gen Präsi­den­ten zwecks geistiger Zer­streu­ung gerufen wird. Es ist zu erwarten, das Daisy und Franklin sich näher kom­men wer­den. Lau­ra Lin­ney als Daisy bringt genau das in ihre Rolle was man von einem an Kon­ven­tio­nen gewöh­n­ten Mäuschen vom Lande erwarten kann: zuerst ist es die große Unsicher­heit, dann fühlt sie sich geschme­ichelt, schließlich wird es Obses­sion. Unbeschw­ert und entspan­nt zeigt Roger Michell diese leise auf­flam­mende Beziehung, die ihren Höhep­unkt natür­lich mit Bill Mur­rays Darstel­lung als FDR feiert. Der Regis­seur wusste genau, wie er seine Charak­tere und die Sit­u­a­tio­nen hand­haben musste, um keine über­flüs­sig pein­liche Szenen entste­hen zu lassen. Olivia Williams als Eleanor Roo­sevelt bildet in diesem grandiosen Ensem­ble  keine Aus­nahme. Wie sie mit ihrem Film­mann inter­agiert, die Mätressen neben ihm akzep­tiert, und den­noch die Würde ein­er First Lady behält und ausspielt, das kommt von ein­er Schaus­pielerin, die sich lei­der viel zu sel­ten im Kino zeigt.

Da ist die Geschichte von Daisy und Franklin, die Ereignisse um die verknif­f­e­nen Briten und allzu leg­eren Amerikan­ern, und schließlich die zwis­chen­men­schliche Annäherung zweier Natio­nen. Die Darsteller, allen voran ein umw­er­fend­er Bill Mur­ray, sind tadel­los. Das Set­ting und die wun­der­baren Bilder sind ein­fach hin­reißend. Der geschichtliche Hin­ter­grund, wen­ngle­ich für dra­matur­gis­che Zwecke ver­fremdet, ist inter­es­sant und wirk­lich sehenswert. Hier zeigt sich also ein Film in  sehr vie­len einzel­nen Teilen, die sehr amüsant und dra­matur­gisch ansprechend zugle­ich sind. Diese Teile bilden allerd­ings keine struk­turelle Ein­heit. Es wirkt, als hätte sich Drehbuch und Regie nicht entschei­den kön­nen wo nun der Schw­er­punkt dieser his­torisch wichti­gen Tage liegen würde, oder wie man diese Episo­den in einen stim­mi­gen Kon­text brin­gen kön­nte.

Mar­garet »Daisy« Suck­ley wurde hun­dert Jahre alt, und erst nach ihrem Tod 1991 wurde durch Briefe und Tage­büch­er das tat­säch­liche Aus­maß ihrer Beziehung zum 32. Präsi­dent der Vere­inigten Staat­en deut­lich. In Anlehnung an Suck­leys Hin­ter­lassen­schaften ver­fasst Richard Nel­son sein Drehbuch. Doch dies sollen die einzi­gen Anhalt­spunk­te für eine intime Beziehung zwis­chen Daisy und FDR bleiben. Zu der Zeit in Hyde Park am Hud­son selb­st, gab es wed­er Speku­la­tion geschweige denn den Skan­dal ein­er Beziehung. Darüber hin­aus war ja die Affäre zwis­chen FDR und Mis­sy eben­so kein Geheim­nis. Selb­st wenn alles nur erspon­nen sein sollte, ist es doch zu gut, als dass man diese gute Geschichte ein­fach so ignori­eren kön­nte. Sie zeich­net den Charak­ter eines Präsi­den­ten, dem es an Men­schlichkeit nicht man­gelte, der sich aber gle­ichzeit­ig jeden Respekt ver­di­ente.

Gegen Ende sitzen Franklin und Bertie, wie King George auch genan­nt wurde, auf ein paar Drinks in der Bib­lio­thek. Es ist eine staat­stra­gende Szene, aber auch sie passt nicht so wirk­lich in den Kon­text wie der Film bis dahin erzählt wurde. Wieder schlägt Michells Insze­nierung eine neue Rich­tung ein. Aber mit dieser Szene wird deut­lich, was diesen nach außen hin kauzig sym­pa­this­chen Aller­welt­sher­ren zu einem großen Staats­mann machte. Man darf bemän­geln was es zu bemän­geln gibt, schließlich ist es das, was aus HYDE PARK eben nicht diesen grandiosen Film macht, welch­er er sein kön­nte. Aber den­noch ein her­zlich­er, sehr schön anzuse­hen­der Film, der amüsiert und berührt. Es muss nicht immer der große Wurf sein, um einen Film trotz allem sym­pa­thisch zu find­en.

HYDE PARK ON HUDSON
Darsteller: Bill Mur­ray, Lau­ra Lin­ney, Samuel West, Olivia Col­man, Olivia Williams, Eliz­a­beth Mar­vel, Eliz­a­beth Wil­son u.v.a.
Regie: Roger Michell
Drehbuch: Richard Nel­son
Kam­era: Lol Craw­ley
Bild­schnitt: Nico­las Gasler
Musik: Jere­my Sams
Pro­duk­tions­de­sign: Simon Bowles
zir­ka 94 Minuten
Großbri­tan­nien 2012

Pro­mo­fo­tos Copy­right Tobis Film / Focus Fea­ture

AutorIn: Bandit

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