ARGO – exzellentes Kino

Die­se Geschich­te ist so absurd, dass sie nur wahr sein kann. Es ist eine bis­her kaum bekann­te Geschich­te, die aus einem nach dem Viet­nam-Krieg bis dahin größ­ten Trau­mas erwuchs, das die Ver­ei­nig­ten Staa­ten im Aus­land erle­ben muss­ten. 1979 stür­men ira­ni­sche Demons­tran­ten des Aya­tol­lah-Regimes die Bot­schaft des ver­hass­ten Ame­ri­ka und neh­men das ver­blie­be­ne Per­so­nal als Gei­sel. Nicht das gesam­te Per­so­nal, denn sechs Bot­schafts­an­ge­stell­ten gelingt es zu ent­kom­men, die nach einer kur­zen Odys­see schließ­lich von der kana­di­schen Bot­schaft auf­ge­nom­men wer­den. Die Ira­ner sind unge­stüm aber nicht dumm. Mit aber­wit­zi­gen Aktio­nen fin­den die ira­ni­schen Gei­sel­neh­mer schnell her­aus, dass in der gestürm­ten Bot­schaft sechs Diplo­ma­ten feh­len und geflüch­tet sein müs­sen. Wer flüch­tet macht sich ver­däch­tigt, und Ver­däch­ti­ge sind auto­ma­tisch Spio­ne. Und Spio­ne wer­den gna­den­los öffent­lich hin­ge­rich­tet.

Die­ser Film ist erstaun­lich. In sei­ner Umset­zung, in der Hand­ha­bung sei­ner Geschich­te, mit sei­nem Ensem­ble, dem Gefühl für sei­ne Zeit, die visu­el­le Rea­li­sa­ti­on, das Gespür für das Kino jener Zeit. ARGO ist ein Thril­ler, aber auch poin­tier­te Zeit­ge­schich­te. ARGO ist eine sehr kraft­vol­le Remi­nis­zenz an die Polit-Thril­ler der sieb­zi­ger Jah­re und ein sehr eigen­stän­di­ger Film inner­halb die­ses Kon­tex­tes.

John Good­man, Alan Arkin und Ben Aff­leck

Mit sei­nem Kum­pel Matt Damon hat Ben Aff­leck das mit einem Oscar prä­mier­te Dreh­buch zu GOOD WILL HUNTING ver­fasst. Aff­lecks ers­ten bei­den Regie-Auf­ga­ben, GONE BABY GONE und THE TOWN, waren in einem Milieu ange­sie­delt, über das er aus per­sön­li­chen Erleb­nis­sen wie bei GOOD WILL HUNTING schrei­ben konn­te. Aber ARGO ist ein ganz ande­res fil­mi­sches Kali­ber, des­sen Rea­li­sa­ti­on nicht mit per­sön­li­chen Erfah­run­gen kom­pen­siert wer­den konn­te. Dass Ben Aff­leck mit nur sie­ben Jah­ren den Tehe­ran-Kon­flikt und des­sen ein­her­ge­hen­de Gei­sel­nah­me in vol­lem Umfang erfas­sen konn­te, ist wohl anzu­zwei­feln. Das ARGO so ein expli­zi­ter, und auf den geschicht­li­chen Punkt gebrach­ter Thril­ler wur­de, ist also nicht der Arbeits- und Lebens­er­fah­rung des Regis­seurs geschul­det, son­dern einem Regis­seur, der sehr viel Fin­ger­spit­zen­ge­fühl besitzt und sein Hand­werk beherrscht.

Dass die­ser alle Regis­ter zie­hen­de Regis­seur aus­ge­rech­net in Ben Aff­leck zu fin­den ist, mag dabei die größ­te Über­ra­schung an ARGO sein. Aber nicht die ein­zi­ge Über­ra­schung. Das beginnt schon mit dem ein­lei­ten­den Mono­log über den von den Ame­ri­ka­nern unter­stütz­ten Umsturz zuguns­ten des Schahs, sei­ner spä­te­ren Ver­trei­bung  und die Rück­kehr des Aya­tol­lah. Die jewei­li­gen authen­ti­schen Nach­rich­ten­bil­der für die­sen Mono­log begin­nen als Sto­ry­board-Zeich­nung, womit der Film sei­nen ers­ten stim­mungs­vol­len Ton setzt, der die poli­ti­schen Umstän­de, das Gei­sel­dra­ma und das Film­ge­schäft zusam­men bringt. Denn schließ­lich geht es dar­um, dass die sechs in der kana­di­schen Bot­schaft befind­li­chen Flücht­lin­ge in einer CIA-Ope­ra­ti­on von einer insze­nier­ten Film­crew geret­tet wer­den sol­len.

Agent Tony Men­dez (Aff­leck) erklärt den son­der­ba­ren Plan

Aber ein nur vor­ge­ge­be­ner Titel eines Films ist kei­ne Grund­la­ge für eine so ris­kan­te Ret­tungs­ak­ti­on. Es bedarf eines Dreh­bu­ches, eines Pro­du­zen­ten, einer Crew und eini­gen Schau­spie­lern. Und man braucht Publi­ci­ty, um dem Unter­neh­men eine soli­de Basis zu garan­tie­ren. Im Schat­ten von STAR WARS scheint das Buch mit dem Titel ARGO eine exqui­si­te Wahl. Ein Welt­raum­mär­chen mit exo­ti­schen Schau­plät­zen, und wo gibt es mär­chen­haf­te­re und exo­ti­sche­re Schau­plät­ze als in Tehe­ran? Auch wenn die­ser Film auf wah­ren Bege­ben­hei­ten beruht, läuft die Ver­fil­mung sehr leicht Gefahr genau an die­sem Punkt zu einer Far­ce zu gera­den. Denn das komi­sche Moment eines vor­ge­täusch­ten Film­pro­jek­tes hät­ten die dra­ma­ti­schen Ereig­nis­se im Iran schnell ad absur­dum füh­ren kön­nen. Und tat­säch­lich haben die Sze­nen in Hol­ly­wood und der künst­li­che Auf­bau des Film­pro­jek­tes eine sehr hei­te­re Note, die oft mit Sei­ten­hie­ben und Insi­der­wit­zen ange­rei­chert sind. Als Agent Ben Aff­leck den Pro­du­zen­ten John Cham­bers, gespielt von John Good­man, auf die Ope­ra­ti­on anspricht und meint die Arbei­ten wür­den am schlimms­ten Ort statt­fin­den den er sich vor­stel­len könn­te, ant­wor­tet Good­man scho­ckiert, »Uni­ver­sal Stu­di­os«.

Sehr schnell hät­te der Thril­ler aus dem Ruder lau­fen kön­nen, aber das star­ke Dreh­buch von Lang­film-Erst­ling Chris Ter­rio und eine exzel­len­te Regie von Ben Aff­leck ver­lie­ren nie den Fokus der Geschich­te. Das Wech­sel­spiel von Thril­ler-Ele­men­ten und hei­te­ren Sze­nen ist aus­ge­wo­gen, was in den letz­ten 45 Minu­ten zu einem mus­ter­gül­ti­gen Spa­nungs­film kul­mi­niert. Wie nahe Freu­de und Schre­cken lie­gen und die Regie sich ihrer Ver­ant­wor­tung für die wah­ren Ereig­nis­se bewusst ist, zeigt eine gran­dio­se Par­al­lel-Mon­ta­ge. Die ers­te Pres­se­kon­fe­renz zu dem Film ARGO und Lesung des Dreh­buchs mit Dar­stel­lern in aber­wit­zi­gen Pla­gia­ten von Star-Wars-Kos­tü­men, wech­selt mit Bil­dern einer Ira­ne­rin die ihrer­seits die For­de­run­gen ver­liest, wel­che die Bot­schafts­be­sat­zer an die Ame­ri­ka­ner rich­ten. Auch wenn Schmun­zeln erwünscht ist, wird der Schre­cken nie aus den Augen ver­lo­ren. Und die­se Par­al­lel-Mon­ta­ge lässt einen schnell das Lächeln im Gesicht gefrie­ren.

Hochspannung im Bazar
Hoch­span­nung im Bazar

Rodri­go Pie­tro hat mit sei­nen Bil­dern kei­ne gro­ßen Momen­te geschaf­fen, aller­dings ist es ihm per­fekt gelun­gen, den Look und die Farb­stim­mung an die Thril­ler der sieb­zi­ger Jah­re anzu­pas­sen. Unbe­stä­tigt ist aller­dings, dass es Aff­lecks Idee gewe­sen sein soll, auf regu­lä­rem Film­ma­te­ri­al zu dre­hen, nur die Hälf­te des Bil­des zu belich­ten und die Auf­nah­men dann auf die rich­ti­ge Grö­ße auf­zu­bla­sen, um eine sei­ner Zeit ange­mes­se­ne Kör­nig­keit des Bil­des zu erhal­ten. Wie auch immer, es hat dem Film gut getan und die Stim­mung im Film zwei­fels­frei unter­stützt. Erin­ne­run­gen an legen­dä­re Thril­ler wie SERPICO oder DIE UNBESTECHLICHEN kom­men nicht von unge­fähr, aller­dings funk­tio­niert ARGO auch erzähl­tech­nisch so über­zeu­gend wie sei­ne gro­ßen Vor­bil­der.

Es ist erfreu­lich, das sich Ben Aff­leck nicht selbst so groß in Sze­ne gesetzt hat, son­dern das akzen­tu­ier­te Spiel eher von sei­nen Mit­spie­lern und Neben­rol­len ein­for­dert. Es hat den Ein­druck, als wüss­te Aff­leck um sein Talent gegen­über Grö­ßen wie Crans­ton, oder eben Good­man und Arkin. Das gesam­te Ensem­ble ist ein­fach per­fekt besetzt und das Spiel tadel­los. Aber wann immer John Good­man und/oder Alan Arkin auf der Lein­wand zu sehen sind, ver­kommt jeder ande­re Dar­stel­ler zu einem unwich­ti­gen Häuf­lein. In Argo gibt es kei­ne schlech­ten Schau­spie­ler und selbst Aff­leck schlägt sich wacker, indem er sich ange­mes­sen zurück­nimmt, aber Good­man und Arkin domi­nie­ren ihre Sze­nen ohne Chan­ce für ande­re. Sie sind es jedoch auch, die den Film immer wie­der zurück­ho­len, damit die Gewich­tung stimmt.

Verdächtige gelten als Spione, und Spione werden hingerichtet
Ver­däch­ti­ge gel­ten als Spio­ne, und Spio­ne wer­den hin­ge­rich­tet

Der Blick auf Hol­ly­wood ist in ARGO genau­so schräg und ehr­lich, wie auf den aber­wit­zi­gen Appa­rat von Kho­mei­nis Gefolgs­leu­ten, denen es tat­säch­lich gelingt, die sechs flüch­ti­gen Diplo­ma­ten aus­fin­dig zu machen. Wer nun die Befürch­tung hegt, ARGO könn­te eines die­ser Hur­ra-Stü­cke sein, wie raf­fi­niert der Wes­ten doch ist, der sei beru­higt. Schon im Ein­gangs­mo­no­log wird klar­ge­stellt, dass die Ame­ri­ka­ner selbst am Deba­kel Iran Schuld sei­en, als sie zum eige­nen Vor­teil den Schah an die Macht brach­ten, der sich aller­dings nur selbst an die­ser Macht berei­cher­te, wodurch ein Umsturz durch den Aya­tol­lah zwangs­läu­fig wur­de. Zudem war die CIA allein über­haupt nicht hand­lungs­fä­hig. Nur mit Hil­fe des kana­di­schen Geheim­diens­tes war es mög­lich, das Pro­jekt ARGO umzu­set­zen und erfolg­reich zum Abschluss zu brin­gen. So weist der Film am Ende dar­auf hin, dass die­ses Stück Geschich­te als Anfang von län­der­über­grei­fen­den Zusam­men­ar­bei­ten der Geheim­diens­te gese­hen wird. Genau­so wie der Film am Ende dar­auf­hin weist, das Ben Aff­leck wirk­lich etwas Groß­ar­ti­ges geleis­tet hat. ARGO ist nicht nur per­fek­tes Span­nungs­ki­no, son­dern auch zeit­ge­schicht­li­ches Doku­ment, wenn­gleich man sich nicht akri­bisch an die Fak­ten hal­ten konn­te, und eine tie­fe und gelun­ge­ne Ver­beu­gung vor einem Gen­re, das durch authen­ti­sche Geschich­ten über­zeug­te.

Das damalige Original-Poster zum fingierten Film, Urheber US-Regierung, gemeinfrei
Das dama­li­ge Ori­gi­nal-Pos­ter zum fin­gier­ten Film, Urhe­ber US-Regie­rung, gemein­frei

 

 

 

 

 

 

»Wir brau­chen jeman­den der etwas ist und sei­nen Namen dafür her­gibt. Jeman­den mit Anse­hen. Einen mit Erfolg. Den man mit streng gehei­men Infor­ma­tio­nen ver­trau­en kann. Der einen ima­gi­nä­ren Film pro­du­zie­ren soll. Umsonst.«

 

John Cham­bers war Mas­ken­bild­ner, ent­warf Spocks Ohren und die Affen­mas­ken für PLANET DER AFFEN. Durch sein Mit­wir­ken und sei­ne Inspi­ra­ti­on wur­de die Befrei­ungs­ak­ti­on erst mög­lich.

ARGO
Dar­stel­ler: Ben Aff­leck, Bryan Crans­ton, Alan Arkin, John Good­man, Vic­tor Gar­ber, Tate Dono­van, Clea DuVall, Scoot McN­ai­ry, Zel­j­ko Ivanek u.v.a.
Regie: Ben Aff­leck
Dreh­buch: Chris Ter­rio nach dem Arti­kel von Joshuah Bear­man
Kame­ra: Rodri­go Prie­to
Bild­schnitt: Wil­liam Gol­den­berg
Musik: Alex­and­re Des­plat
Pro­duk­ti­ons­de­sign: Sharon Sey­mour
zir­ka 120 Minu­ten
USA 2012

 

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AutorIn: Bandit

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