Der letzte Harry Dresden-Roman BATTLE GROUND war dann doch schon länger her, als ich gedacht hätte, der erschien bereits 2021. Und dann war Funkstille. Zum einen wollte der Verlag wohl leider unbedingt, dass Butcher eine Fortsetzung der Steampunk-Reihe CINDER SPIRES schrieb (deren erster Roman THE AERONAUT’S WINDLASS mir gar nicht gefallen hatte, den hatte ich mittendrin abgebrochen), zum anderen hat der Autor vermutlichweiterhin mit Depressionen zu kämpfen und verarbeitet das in seinen Werken. Mit dafür verantwortlich ist nach eigenen Aussagen unter anderem der große Erfolg der Serie und der daraus resultierende Druck, sowie persönliche Probleme in der Vergangenheit. Er hatte wohl selbst nicht mit diesem durchschlagenden Erfolg von etwas gerechnet, das er selbst als »Elevator Pitch about Dirty ‘Harry Potter’ « beschreibt, also ursprünglich offenbar eher eine Schnapsidee, die sich dann verselbstständigte. Seit 26 Jahren lese ich jetzt diese Romanreihe. Wow.
Und seine gesundheitlichen Probleme scheint er auch in diesem Roman wieder zu verarbeiten, denn nach dem großen Kampf um Chicago in BATTLE GROUND ist der Magier Harry Dresden ziemlich am Boden.
Werbetext:
Harry Dresden, Chicago’s only professional wizard, has always managed to save the day—but, in this powerful entry in the #1 New York Times bestselling Dresden Files, can he save himself?
One year. 365 days. Twelve months.
Harry Dresden has been through a lot, and so has his city. After Harry and his allies narrowly managed to save Chicago from being razed to the ground, everything is different—and it’s not just the current lack of electricity.
In the battle, Harry lost people he cared about. And that’s the kind of loss that takes a toll. Harry being Harry, he’s doing his level best to help the city and his friends recover and rebuild. But it’s a heavy load, and he needs time.
But time is one thing Harry doesn’t have. Ghouls are prowling Chicago and taking out innocent civilians. Harry’s brother is dying, and Harry doesn’t know how to help him. And last but certainly not least, the Winter Queen of the Fae has allied with the White Court of vampires—and Harry’s been betrothed to the seductive, deadly vampire Lara Raith to seal the deal.
It’s been a tough year. More than ever, the city needs Harry Dresden the wizard—but after loss and grief, is there enough left of Harry Dresden the man to rise to the challenge?
Der Roman dreht sich darum, wie jemandem, der zwar immer wieder Schläge hinnehmen musste, aber sich stets wieder aufgerafft hat, dermaßen der Boden unter den Füßen weggezogen wird, dass er nicht weiß, wie er damit zurecht kommen soll. Kein Wunder nach den Ereignissen in BATTLE GROUND, in deren Rahmen nicht nur Teile seiner Stadt Chicago eingeebnet wurden, sondern auch Karrin Murphy getötet worden war – und das gleich nachdem die beiden nach all den Jahren festgestellt hatten, dass da offenbar doch mehr zwischen ihnen war. Und so ist TWELVE MONTHS ein anderer Roman als man sie aus der Reihe kennt. Normalerweise spielen sich die Ereignisse in den Büchern in kurzen Zeitrahmen ab, in diesem nimmt sich der Atur Zeit, Dresden über ein Jahr zu begleiten. Das ist ein Kunstgriff. Zum ersten Mal ist Dresden so am Boden zerstört, dass er eigentlich nicht mehr weiter machen möchte. Aber das Leben geht weiter und da sind Menschen, die auf ihn zählen und die ihm vertrauen und denen er helfen muss. Und so handelt längere Teile des Buches darüber, wie der »Held« versucht, wieder auf dei Füße zu kommen. Dass Butcher sich dafür die notwendige Handlungszeit nimmt ist nur konsequent und dramaturgisch völlig richtig.
Und dabei ist nichts davon langweilig oder langatmig, ganz im Gegenteil. Insbesondere da die DRESDEN FILES-Roman in der ich-Form geschrieben sind, ist man bei dem gesamten Prozess vielleicht noch näher am Protagonisten als in der Vergangenheit, vielleicht abgesehen von GHOST STORIES, dem Roman in dem der Autor seinen Selbstmordversuch verarbeitete.
Und wie man es bei dem Charakter und dem seit Jahren aufgebauten Universum erwarten kann, lässt das Leben Dresden eben auch nicht in Ruhe. Das ist allerdings eben auch ein Aspekt davon, wieder auf die Füße zu kommen, denn im Prinzip hat er oft gar keine andere Wahl, als sich aufzuraffen und weiter zu machen. Glücklicherweise hat er seine Begleiter°Innen und Freund°Innen, die ihn dabei unterstützen – mehr oder weniger subtil. Und im Gegensatz zu sonst hat Dresden es hier mit Problemen zu tun, die nicht sofort mit Action gelöst werden müssen, sondern für die er mehr Zeit hat als sonst, zudem stellt die Geschichte immer wieder mal heraus, dass eine Einteilung in »gut« und »böse« viel zu einfach ist und das Leben und persönliche Motivationen deutlich komplexer sein können, als es auf Anhieb den Anschein haben mag. Stichwort: Lara Raith.
So ist dieser Roman eine Geschichte über eine Reise zur Heilung und darüber, dass es am Ende immer irgendwie weitergeht. Dabei ist Dresden stellenweise deutlich düsterer und wütender als man ihn kennt, aber das ist aufgrund seiner Erlebnisse nur konsequent. Trotzdem bleibt Harry Harry und Butcher sagte darüber in einem Interview gegenüber Grimdark Magazine:
Dresden is who he’s always been—but he’s so much more battered, tired, and isolated than he’s been before. He’s much angrier at himself. He regrets his choices, and for the first time the weight of those regrets has become more than he can readily carry. What I really want the reader to still find true about Harry is that he’s the kind of guy you’d want to invite over to your barbecue, have a beer with, and have a friendly discussion over the merits of the existence of the Grey Jedi or whether Spider-Man could handle Batman’s rogues gallery. He’s gotta stay recognizable as that basic friendly nerd, or none of these stories are going to work right.
Dresden ist derselbe geblieben, der er immer war – aber er ist viel mehr angeschlagen, müde und isoliert als zuvor. Er ist viel wütender auf sich selbst. Er bereut seine Entscheidungen, und zum ersten Mal ist die Last dieses Bereuens größer geworden, als er ohne Weiteres tragen kann. Was ich mir wirklich wünsche, ist, dass die Leser Harry weiterhin als den Typen sehen, den man gerne zu einer Grillparty einladen würde, um bei einem Bier eine freundschaftliche Diskussion über die Vorteile der Existenz der Grauen Jedi zu führen oder darüber, ob Spider-Man es mit Batmans Erzfeinden aufnehmen könnte. Er muss als der freundliche Nerd erkennbar bleiben, sonst funktionieren diese Geschichten nicht richtig.
Selbstverständlich kommt allerdings auch die Action nicht zu kurz, gegen Ende, als es ihm besser geht (und das ist an dieser Stelle sicherlich kein Spoiler) gibt es gleich zwei dramatische Ereignisse, über die ich hier kein Wort verlieren werde.
Zudem deutet Butcher auch hier nochmal einen Überplot an, den man vielleicht fast schon wieder aus den Augen verloren hat und der sich um sogenannte »Outsiders« dreht, uralte Wesen außerhalb unserer Vorstellungskraft, vielleicht ansatzweise inspiriert von Cthulhu-Mythos, und die danach streben, alles Leben in unserer Realität auszulöschen. Wie früher bereits angedeutet ist es eben so, dass auch die ambivalenteren übernatürlichen Figuren in dieser Reihe mit dem, was sie tun, einen größeren Plan verfolgen, der direkt mit dieser Bedrohung zusammen hängt.
Man darf gespannt sein, wie Butcher das weiter führt (nach eigenem Bekunden weiß er das meist selbst nicht und Bücher entwickeln sich beim Schreiben); im nächsten Buch, das hat er bereits angedeutet, wird er allerdings von der aktuellen Handlung abweichen und der Protagonist bekommt es mit einer parallelen Realität zu tun – ich vermute, so wie ich den Autoren einschätze, mit einer, in der Karrin Murphy noch lebt, was die Wunden dann wieder aufreißt. Hoffen wir, dass es nicht wieder fünf Jahre dauert. Unterschrieben hat er für 25 Romane – das wären noch sieben …
TWELVE MONTH ist ein grandioser neuer Dresden, in dem der Autor es der Leserschaft erlaubt, dem Helden dabei beizustehen, wieder auf die Füße zu kommen – und dabei wird man auch noch vortrefflich unterhalten. Ich habe nichts auszusetzen, bin aber auch – wie bereits geschrieben – ein Fanboi. Persönlich finde ich es überaus bemerkenswert, wie Jim Butcher es immer wieder schafft, diese Reihe neu zu erfinden, insbesondere angesichts seiner persönlichen Probleme.
TWELVE MONTHSTHE DRESDEN FILES Band 18
Jim Butcher
Urban Fantasy
20 Januar 2026
Taschenbuch:
ISBN 978–0593199336
480 Seiten, ca. EUR 16,40
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