CHRONICLE

Start­ter­min: 19.04.2012

Es immer so eine Sache, wenn man ein erklär­tes Feind­bild hat. Dann und wann muss man ein­fach einen Schritt zurück­tre­ten und lei­se um Ent­schul­di­gung win­seln. Das Josh Tranks Film CHRONICLE im Stil eines Found-Foo­ta­ge-Thril­lers gedreht wur­de, ließ Schlim­mes ahnen und beschwor selbst­ver­ständ­lich unver­züg­lich die alt­be­kann­ten Vor­ur­tei­le her­auf. Doch die Macher waren schlau und setz­ten eini­ges dar­an, von Anfang an gegen das Vor­ur­teil anzu­fil­men. Zum einen las­sen sie die die Kame­ra hal­ten­den Prot­ago­nis­ten wis­sen, was sie tun, und nicht stän­dig panisch durch die Gegend het­zen, und schließ­lich nut­zen sie eine aus der Hand­lung her­aus ent­stan­de­ne Situa­ti­on, um sogar sehr Stea­dy­cam-glei­che Bil­der zu gene­rie­ren. Plötz­lich und uner­war­tet kann dann ein Film doch Spaß machen. Wenn man nur etwas inten­si­ver am eigent­li­chen Ziel der Geschich­te gear­bei­tet hät­te.

Beim Found-Foo­ta­ge ist es ja der groß­ar­ti­ge Trick, dass man sich aus einem unaus­ge­go­re­nen Ende her­aus­mo­geln kann, indem man so tut, als wäre das gefun­de­ne Film­ma­te­ri­al genau hier aus gewe­sen. Und so mogelt sich auch CHRONICLE durch eine Hand­lung, die am Ende kei­nem genau­en Ziel gefolgt ist. Dabei könn­te die Geschich­te schon mehr her­ge­ben, wenn man eine schlüs­si­ge­re Auf­lö­sung anvi­siert hät­te. Andrew, Matt und Ste­ve sind nicht gera­de bes­te Freun­de, bil­den aber eine Zweck­ge­mein­schaft, als alle drei sich nach der Erkun­dung einer Höh­le mit tele­ki­ne­ti­schen Fähig­kei­ten befä­higt sehen. Was und woher das blau-leuch­ten­de Etwas in der Höh­le ist und kommt, spielt im wei­te­ren Ver­lauf weni­ger eine Rol­le, als das Unver­mö­gen der Jungs, mit die­sen Kräf­ten etwas Sinn­vol­les anfan­gen zu kön­nen. Hier ver­wei­gert man sich des obli­ga­to­ri­schen Hel­den­lie­des über eine mora­li­sche Ver­ant­wor­tung, die sol­che Kräf­te mit sich brin­gen. Das trifft über­ra­schen­der­wei­se wesent­lich effek­ti­ver den Zeit­geist als poli­tisch kor­rek­te Sozi­al­pre­dig­ten.

Andrew war bis­her der Geschun­de­ne in der Schu­le gewe­sen, der, den man absicht­lich anrem­pelt, schubst oder in die Müll­ton­ne steckt. Was ihn dazu brach­te, immer eine Kame­ra mit­zu­füh­ren, um sein gegän­gel­tes und zu Hau­se auch tris­tes Leben zu doku­men­tie­ren. Die Mut­ter liegt im Ster­ben und der Vater trinkt, ob sei­ner Macht­lo­sig­keit, etwas für Mut­ter und Jun­gen zu tun. Hier bekommt CHRONICLE eine tie­fe­re, emo­tio­na­le Basis, die glaub­wür­dig umge­setzt ist. Es ist abzu­se­hen, dass die Din­ge außer Kon­trol­le gera­ten.

CHRONICLE ist ein erstaun­lich guter Film, wenn man bedenkt, wie vie­le Fal­len auf einem Weg die­ser Art Mix aus Jugend­dra­ma, über­na­tür­li­chem Thril­ler und Action­film lau­ern. Noch dazu in dem lei­der nicht mehr weg­zu­den­ken­den Sub-Gen­re, in dem Figu­ren ihren Film selbst dre­hen. Aber der Auf­bau der Geschich­te ist zügig und plau­si­bel, die jewei­li­gen Moti­va­tio­nen der Cha­rak­te­re nach­voll­zieh­bar und logisch. Rich­ti­ge Action­se­quen­zen sind eher rar, dafür sehr rea­lis­tisch und boden­stän­dig umge­setzt. Dafür legt der Film mehr Gewich­tung auf den Spaß, den die Jungs mit ihren Fähig­kei­ten haben. Was leicht zu einer Effekt-Orgie hin­rei­ßen lässt, umge­hen die Macher gelas­sen. Statt­des­sen hat man sich dar­auf kon­zen­triert, die Spe­zi­al-Effek­te nach dem Stand der Din­ge aus­se­hen zu las­sen und den Ball eher flach zu hal­ten, als zu klot­zen.

DeHa­an, Rus­sell und Jor­dan sind ohne Zwei­fel stark besetzt. Sie hät­ten den Film viel wei­ter getra­gen und noch ein­dring­li­cher wir­ken las­sen, wäre das Buch bereit gewe­sen, den gerad­li­ni­gen Kurs eines durch­schnitt­li­chen Teen­ager-Films zu ver­las­sen. CHRONICLE hat nicht die­ses unaus­ge­go­re­ne Ende, mit dem sich ande­re Fil­me aus dem Sub-Gen­re ger­ne ins Aus schie­ßen, weil es ja so bequem ist, alles auf die selbst­dre­hen­den Figu­ren zu schie­ben. Aber im Spiel, im Auf­bau und an der Umset­zung von CHRONICLE sieht man, dass er sich ohne­hin von her­kömm­li­chen Ver­tre­tern ähn­lich gela­ger­ter Fil­me deut­lich abhebt. Und mit etwas mehr Augen­merk auf den letz­ten Akt könn­te man bei Josh Tranks CHRONICLE von etwas wirk­lich Beson­de­rem reden.

Was bleibt, ist ein ange­nehm unauf­dring­li­cher Film, der weiß, wor­auf es ankommt, sich auf sei­ne Stär­ken besinnt und ein­fach Spaß macht. Aber er zeigt auch, dass man mit der Kame­ra­ar­beit ver­ant­wor­tungs­voll umge­hen kann. Denn der Found-Foo­ta­ge-Thril­ler hat sich längst selbst über­holt. Wie wun­der­bar Kame­ra­mann Mat­thew Jen­sen in CHRONICLE die­se Situa­ti­on umsetzt, hält umso schmerz­li­cher vor Augen, wie pri­mi­tiv vie­le ande­re Fil­me in die­ser Bezie­hung gemacht waren.

CHRONICLE
Dar­stel­ler: Dane DeHa­an, Alex Rus­sell, Micha­el B. Jor­dan, Micha­el Kel­ly, Ash­ley Hin­shaw u.a.

Regie: Josh Trank
Dreh­buch: Max Lan­dis
Kame­ra: Mat­thew Jen­sen
Bild­schnitt: Elli­ot Green­berg
Pro­duk­ti­ons­de­sign: Ste­phen Alt­man
zir­ka 84 Minu­ten
USA 2011

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AutorIn: Bandit

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