THE WALKING DEAD: VATOS — durchgekaut und gespoilert

VATOS 01 Eine wahr­lich of­fen­ba­rende Folge. Sie be­stä­tigt end­lich ein­mal den Ver­dacht, dass es eine sehr blöde Idee sein kann, in ei­ner Welt vol­ler Zom­bies mit­ten im Wald ein Camp von Über­le­ben­den ein­zu­rich­ten. Wie über­sicht­lich soll das denn sein? Wie si­cher kann das wer­den? Si­cher ist was an­de­res, aber hier würde man dem Ende vor­grei­fen. Zu­erst gibt es lange Ge­sprä­che zwi­schen An­drea und ih­rer um zwölf Jahre jün­ge­ren Schwes­ter Amy, phi­lo­so­phi­sche Ab­hand­lun­gen am La­ger­feuer und ei­nige Über­ra­schun­gen mit ei­ner Bande Chi­ca­nos. Mit ei­ni­gen sehr ge­lun­ge­nen Knif­fen wird ver­deut­licht, wie ver­wir­rend das Le­ben zwi­schen den Le­ben­den ge­wor­den ist. Meis­ter Kirk­man selbst hat sich um das Schrei­ben des Dreh­buchs be­müht. Ro­bert Kirk­man kennt seine Welt ja wohl am bes­ten, und das merkt man auch an den ver­schie­de­nen Ebe­nen der Er­zäh­lung.

Dies ist keine Welt mehr, in der es um den Kon­flikt Mensch ge­gen wan­delnde Tote geht. Viel­mehr sind die so­zia­len Struk­tu­ren so weit auf­ge­bro­chen, dass es im­mer­fort zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen un­ter den Über­le­ben­den kom­men kann und meist auch kommt. An­drea und Amy stel­len zum Bei­spiel fest, dass sie gar nicht so gut mit­ein­an­der har­mo­nie­ren, wie man ei­gent­lich von Ge­schwis­tern in ei­ner sol­chen Si­tua­tion er­war­ten würde. Und das Team um Deputy-Sheriff Rick Gri­mes muss ei­nen über­le­ben­den Me­xi­ka­ner als Gei­sel neh­men, des­sen Gang im Ge­gen­zug Kum­pel Glenn ent­führt. Die Lage zwi­schen den bei­den Grup­pen es­ka­liert, weil die Me­xi­ka­ner auf Gri­mes Waf­fen­ta­sche be­har­ren, wel­che die­ser na­tür­lich nicht her­ge­ben kann. Ein Ge­fan­ge­nen­aus­tausch wird da­bei un­wahr­schein­lich.

VATOS 02

Wie ver­dreht und aus den Fu­gen ge­ra­ten diese Welt ist zeigt sich, als dann die wah­ren Ab­sich­ten der Gruppe Me­xi­ka­ner auf­ge­deckt wer­den. Es ist ab­surd, aber es ist auch sehr real und nach­voll­zieh­bar. Au­tor Kirk­man ge­lingt es mit die­sem Hand­lungs­strang sehr gut, sein Pu­bli­kum zu über­ra­schen. Zu­min­dest die, die seine Vor­lage nicht ge­le­sen ha­ben. Er zeigt auf, wie selbst­ver­ständ­lich sich Zi­vi­li­sa­tion selbst­re­gu­lie­rend ih­ren Ge­ge­ben­hei­ten an­zu­pas­sen ver­steht und da­bei ihre ur­sprüng­li­che Be­deu­tung ver­liert. Auf der ei­nen Seite ge­ben sich die Chi­cos als knall­harte Gangs­ter, auf der an­de­ren ent­pup­pen sie sich dann doch als ge­bro­chene Sa­ma­ri­ter. Diese Se­quenz steht als letzte aber doch in ei­ner Reihe mit dem »Bike-Girl« aus dem Pi­lot­film und dem Ge­sche­hen um Wil­liam Dun­lap in der zwei­ten Folge.

Nichts ist mehr so, wie es scheint. Und nichts ist so, wie es sein könnte. Zu al­lem Über­fluss ist auch noch Merle Di­xon ir­gendwo in At­lanta un­ter­wegs, der sich an­schei­nend selbst aus sei­ner miss­li­chen Lage auf dem Dach be­freien konnte. Und Merle al­lein un­ter­wegs kann nur be­deu­ten, dass er sehr viel ge­gen das Camp ge­rich­te­ten Zorn mit sich her­um­schleppt. Jim, ein Über­le­ben­der im Camp, dreht durch und muss von Shane ge­fes­selt wer­den, um ihn vor ei­nem Hitz­schlag zu schüt­zen. Und der von Shane in der letz­ten Epi­sode eben­falls ge­maß­re­gelte Ed schmollt seine her­aus­ge­prü­gelte Ehre im Zelt aus und ver­wei­gert den Kon­takt zu den an­de­ren. Der Mensch ist als Über­le­ben­der sich selbst sein ärgs­ter Feind ge­wor­den. Das Ende des Zu­sam­men­halts scheint nahe zu sein. Aber so ist das in Zei­ten der An­ar­chie.

VATOS 03

Als Stimme der Ver­nunft darf Jef­frey De­Munn als Dale am La­ger­feuer alt­be­kannte, aber den­noch stim­mungs– und wir­kungs­volle Weis­hei­ten vom Sta­pel las­sen. Je­den Tag, ex­akt um die­selbe Zeit, zieht er seine Uhr auf. Ein Ri­tual, das für ihn sehr wich­tig ist, denn die Uhr dient ihm nicht dazu, sich an die Zeit zu er­in­nern. Viel­mehr er­mög­licht ihm die Uhr, die Zeit auch ein­mal ver­ges­sen zu kön­nen. Das ist sehr schön aus­ge­spielt, und die­ses Ri­tual wirkt wie ein letz­ter Funke in ei­nem er­lö­schen­den Feuer. Und wäh­rend Dale die Ge­schichte zu sei­ner Uhr er­zählt, kön­nen auch seine Zu­hö­rer die Zeit für ei­nen Au­gen­blick ver­ges­sen. Diese Se­quenz wirkt zu­erst wie ein tröst­li­cher Ap­pell an die Ver­nunft und ver­mit­telt Zu­ver­sicht für die Mensch­lich­keit.

Doch dies ist eine Welt, in der sich die To­ten er­he­ben und auf Er­den wan­deln. Schmut­zige, ver­we­sende We­sen, die schlecht rie­chen und de­nen jede Aura des Mys­te­riö­sen ab­geht. Man wird ih­rer nicht Herr, sie sind nur häss­li­ches Sinn­bild für die Ver­ro­hung ei­nes oh­ne­hin in­sta­bi­len Sys­tems, in dem sich eine ver­nunf­to­ri­en­tierte Welt be­wegt. Der nach fri­schem Men­schen­fleisch gie­rende Tote ist die Ver­kör­pe­rung von In­stinkt in reins­ter Form. Hier wird Da­les ro­man­ti­sie­rende La­ger­feuer­weis­heit von ei­ner er­wünsch­ten Zu­stands­be­schrei­bung in eine Grab­rede ver­kehrt. Was bleibt, ist le­dig­lich die Vor­stel­lung ei­ner Welt, die man ver­misst, die aber auf­ge­hört hat zu exis­tie­ren. Mit ei­ner über­ra­schen­den und sehr blu­ti­gen At­ta­cke en­det die vierte Epi­sode. Ein grau­sa­mes Fol­gen­fi­nale, das Da­les Worte als fik­tiv ge­wor­de­nes Ideal ent­lar­ven wird.

VATOS 04

Ro­bert Kirk­mans Dreh­buch kann noch nicht ganz wett­ma­chen, was die dritte Folge dem Zu­schauer an Ent­täu­schun­gen ge­bracht hat. Aber »Va­tos« zeigt wie­der ein­deu­tig das Po­ten­zial, das diese mor­bide Welt so fas­zi­nie­rend macht. Un­heim­lich, düs­ter und un­vor­her­seh­bar. Kleine Lo­gik­lö­cher ha­ben sich ein­ge­schli­chen, aber die sind zu ver­schmer­zen, denn wenn erst ein­mal die Zom­bies Ram­bazamba ma­chen, bleibt kein Kno­chen auf dem an­de­ren. Wenn die Prot­ago­nis­ten dann am Ende im Blut ste­hen, war der wan­delnde Tote viel­leicht die Form der Exe­ku­tive. Doch man weiß selbst im Chaos des Ent­set­zens, dass die Recht spre­chende Ge­walt wo­an­ders lag.

Ist das Ge­met­zel noch so groß, bleibt kein Zwei­fel, dass die größte Ge­fahr für den über­le­ben­den Men­schen im­mer noch von den an­de­ren über­le­ben­den Men­schen aus­geht.

VATOS 05

THE WAL­KING DEAD: 01x04 – VA­TOS
Dar­stel­ler: An­d­rew Lin­coln, Jon Bern­thal, Sa­rah Wayne Cal­lies, Lau­rie Hol­den, Jef­frey De­Munn, Ste­ven Yeun, Emma Bell, Chand­ler Riggs, Iro­niE Sin­gle­ton, An­d­rew Ro­then­berg, Nor­man Ree­dus, Neil Brown Jr., No­pel Gu­gliemi, An­thony Gua­jardo u.a.
Re­gie: Jo­han Renck
Te­le­play: Ro­bert Kirk­man — nach sei­ner Comic-Serie (auch Pro­du­zent)
Ka­mera: Da­vid Boyd
Ori­gi­nal­mu­sik: Bear Mc­Creary
Bild­schnitt: Sid­ney Wo­linsky
Pro­duk­ti­ons­de­sign: Alex Ha­jdu
Special-Makeup-Effects & Con­sul­ting Pro­du­cer: Greg Ni­cotero
USA 2010 — zirka 45 Mi­nu­ten
AMC

 

Bild­nach­weis Promo-Fotos: TWD Pro­duc­tions / AMC

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