Steampunk im Eis: Judith und Christian Vogt – DIE ZERBROCHENE PUPPE

Cover Die zerbrochene PuppeDie Publikumsverlage tun sich nach wie vor schwer mit dem Genre Steampunk. Das wundert auch nicht, denn sie haben meiner Ansicht nach nicht so recht verstanden, was das eigentlich ist und greifen deswegen des Öfteren ins Urinal, weil sie Bücher als Steampunk deklarieren, bei denen es sich gar nicht darum handelt. Und mag das beim Standardpublikum noch funktionieren, erkennt es der Eingeweihte doch schnell und lässt die Finger von diesen Produkten. Alles in allem scheint die etablierte Verlagsbranche zum einen ratlos zu sein und zum anderen einen weiten Bogen um das Thema zu machen. Ist vielleicht auch besser so.

Somit bleiben die Steampunk-Publikationen insbesondere deutscher Autoren eine Domäne der Klein- und Spezialverlage oder des selbst veröffentlichenden Indie-Schreibers. Weit vorn beim Thema Steampunk ist dankenswerterweise Feder und Schwert, bei denen erschien auch der vorliegende Roman DIE ZERBROCHENE PUPPE vom Autoren-Ehepaar Judith und Christian Vogt aus Aachen. Und erneut zeigt sich, welche Kleinodien in dem Verlag veröffentlicht werden.

Klappentext:

Die Physikerin Aemelie von Erlenhofen stellt auf einer Konferenz in Venedig den Prototypen einer Brennstoffzelle vor. Kurz darauf dringen wandelnde Tote in ihre Unterkunft ein und töten die Wissenschaftlerin, der es gerade noch gelingt, ihrem Mann Naðan die Flucht zu ermöglichen. Das Letzte, was sie ihm mit auf den Weg gibt, ist ihre alte Porzellanpuppe, die von nun an Naðans beste Freundin wird, da sie mit der Stimme seiner verstorbenen Frau spricht. Die sterblichen Überreste Aemelies indes verschleppen die wandelnden Kadaver.

Die Polizei kann der Spur bis nach Aesta, einer schwimmenden Stadt auf einem Eisberg, folgen, wo sie sich verliert. Naðan beschließt, weiter nach Aemelies Leiche zu suchen. Mittellos fahndet er zwischen Gewerkschaftlern, Huren und Opiumsüchtigen nach dem Täter.

Eine Odyssee beginnt, in deren Verlauf Naðan zahlreiche Irrungen und Wirrungen durchleben muss, ehe er einem schrecklichen Geheimnis auf die Schliche kommt.

Der Roman DIE ZERBROCHENE PUPPE erinnerte mich in seinem Aufbau und “Feel” an Bücher von Jack London wie DER SEEWOLF oder RUF DER WILDNIS, in denen Protagonisten in für sie ungewohnte oder fremde Umgebungen geworfen wurden und sie versuchen müssen, sich dort zurecht zu finden und zu behaupten. Dasselbe widerfährt dem etwas unbedarften und weltfernen Protagonisten Naðan, indem es den Künstler zuerst auf die schwimmende Insel Æsta verschlägt und danach zu den wilden freien Friesen nach Helgoland.

Dabei ist die Welt nicht die, welche wir kennen. Durch einen Vulkanausbruch auf Island im neunten Jahrhundert nach Christus erlebte die Erde eine neue oder verlängerte Eiszeit und zum Ende des neunzehnten oder Anfang der zwanzigsten Jahrhunderts stellt sich zum einen die geopolitische Lage deswegen deutlich anders dar, und auch Erfindungen wurden in anderer Reihenfolge und/oder von anderen Personen gemacht. Das ist als Konzept natürlich überaus attraktiv und ermöglicht es zum einen mit bekannten Versatzstücken zu agieren, was Land, Leute und Kleidung angeht, aber tatsächlich einen erfreulich eigenen und anderen Hintergrund zu bieten.

Die verwendete Sprache ist ansprechend altertümlich gewählt, ohne dabei zu übertreiben. Man findet im Text immer wieder aus der Mode gekommene Formulierungen – was dem Roman ein klasse Kolorit verleiht – gleichzeitig wird das aber nicht auf die Spitze getrieben, was DIE ZERBROCHENE PUPPE lesbar erhält.
Dennoch sollte man sich darüber im Klaren sein, dass das Werk für den Durchschnittsleser ein wenig »schräg« wirken könnte, sowohl, was den Stil, wie die Protagonisten und auch das Setting angeht. Ich persönlich halte das jedoch für äußerst attraktiv und DIE ZERBROCHENE PUPPE hebt sich wohltuend vom Einerlei der Veröffentlichungen der Publikumsverlage ab.

Kritikpunkte gibt es wenige. Zum einen hätten ein paar Seiten weniger gut getan, gerade die Erlebnisse auf Helgoland alias Fositeslun bei den freien Friesen, so gern ich das gelesen habe, zogen sich stellenweise leider ein wenig. Zum anderen fand ich die Auflösung, warum die Puppe spricht etwas dürftig, aber das geht schon in Ordnung, man kann sich ja auch als Leser mal eigene Gedanken machen oder etwas zusammenreimen. Das Cover ist überhaupt nicht mein Ding, aber das ist nebensächlich, solange der Inhalt stimmt.

Äußerst witzig fand ich den Luftschiffkapitän Holzhauer – muss wohl einer meiner Vorfahren gewesen sein. Und natürlich gefielen mir die freien Friesen. Immerhin bin ich im Rahmen der Vereinigung Follow der Chef des Clans der Frysen, die auf der Fantasywelt Magira eine Seehandelskultur simulieren. Da muss mir so etwas ja quasi gezwungenermaßen gefallen. :)

Alles in allem ein äußerst empfehlenswerter Steampunk-Roman, auch wenn der Steampunk sich an vielen Stellen gepflegt im Hintergrund hält und man meinen könnte, es sei »nur« eine alternative Historie. Bei den ganzen Luftschiffen, Gasbatterien und Fluggeräten ist das Genre aber eindeutig, auch wenn es mehr um Charaktere und Figuren geht.

Ach ja: Lob muss ich Feder und Schwert ob des eBook-Layouts zollen (ich habe die ePub-Fassung des Romans gelesen). Auch wenn ich eigentlich nicht auf Flattersatz stehe, das sieht mit seinen durch Trenner abgesetzten Kapitelüberschriften und Initialen wirklich toll aus und setzt sich auch handwerklich und gestalterisch weit vor die lieblos zusammengeschluderten eBooks vieler großer Verlage.

Für Steampunk-Fans uneingeschränkt empfehlenswert. Für Phantastik-Anhänger aber auch.

DIE ZERBROCHENE PUPPE
Judith und Christian Vogt
Steampunk-Roman
Broschiert und eBook
Februar 2013
ca. 400 Seiten
EUR 12,99 (Taschenbuch)
EUR 8,99 (eBook)
ISBN-10: 386762156X
ISBN-13: 978-3867621564
ASIN: B00BD16NPQ (Kindle)
Feder & Schwert

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Cover DIE ZERBROCHENE PUPPE Copyright Feder & Schwert

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AutorIn: Stefan Holzhauer

Meist harmloser Nerd mit natürlicher Affinität zu Pixeln, Bytes, Buchstaben und Zahnrädern. Konsumiert zuviel SF und Fantasy und schreibt seit 1999 online darüber.

2 Kommentare for “Steampunk im Eis: Judith und Christian Vogt – DIE ZERBROCHENE PUPPE”

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