Rant: Wir brauchen keine neue Science Fiction – die ist längst da!

sfmond CC0: http://pixabay.com/de/saturn-space-weltraum-55958/

In der FAZ lässt sich ein Gün­ter Hack läng­lich, also im tl;dr;-Stil dar­über aus, dass wir eine »neue Sci­ence Fic­tion« be­nö­ti­gen. Die­ses Trak­tat wird an­ge­rei­chert mit un­er­träg­li­chen Schlau­sprech-Füll­wör­tern und ar­bei­tet sich an den ach so coo­len SF-Wer­ken der 70er und 80er ab (Dis­clai­mer: ich habe nichts ge­gen die, ganz im Ge­gen­teil, aber es wurde auch da­nach noch coo­les Zeug ge­schrie­ben). Die ver­blüf­fende For­de­rung ist, zu­min­dest so wie ich das aus dem Ar­ti­kel und der Über­schrift ent­nehme, dass die SF-Au­to­ren jetzt end­lich mal rein­hauen sol­len, um Werke zu schaf­fen, die Kon­tra­punkte zu den or­well­schen Über­wa­chungs­kon­struk­ten, die uns alle um­ge­ben, be­schrei­ben.

Ich be­komme spon­tan tiefe Griff­spu­ren an der Stirn und pflanze grö­ßere Men­gen an Ge­sicht­spal­men. Und das wird im Laufe des Ar­ti­kels auch nicht mehr bes­ser, wenn mir bei­spiels­weise ein Bild­ein­schub ver­kli­ckern will, dass Philip K. Dick mit BLADE RUN­NER das Genre »Cy­ber­punk« schuf (für In­ter­es­sierte: Der Ti­tel der Vor­lage lau­tete TRÄU­MEN AN­DRO­IDEN VON ELEK­TRI­SCHEN SCHA­FEN, weicht deut­lich von BLADE RUN­NER ab und ist auch nicht wirk­lich Cy­ber­punk, wenn­gleich man da­von aus­ge­hen kann, dass Au­to­ren wie Gib­son oder Ster­ling sich da­von in­spi­rie­ren lie­ßen). Je­dem, der auch nur an­satz­weise Ah­nung vom Thema hat, sei es nun SF oder Cy­ber­punk, muss es an die­ser Stelle das Hirn verz­wir­beln. Ins­be­son­dere, wenn da­nach aus­führ­lich über Gib­son do­ziert wird. Oder wie damals[tm] die Au­to­ren al­les schon vor­her­ge­se­hen ha­ben.

Oder der Satz:

»Hag­bard Ce­line, muss sich darin mit den Il­lu­mi­nati her­um­schla­gen, ei­ner Or­ga­ni­sa­tion, de­ren Ge­schäft die Täu­schung ist.«

Bei Eris … Der hat of­fen­bar ei­nen völ­lig an­de­ren Il­lu­mi­na­tus ge­le­sen als ich. Hätte er bes­ser vor­her mal zu ewi­ger Blu­men­kraft ge­grif­fen. Fnord!

Ja, ver­dammt, et­was vor­her­se­hen kann, nein sollte, eine Tu­gend von SF-Au­to­ren sein. Dar­aus zu kon­stru­ie­ren, dass die mit ih­ren Wer­ken da­mals quasi schon ge­gen die heute statt­fin­dende staat­li­che Über­wa­chung pro­tes­tiert ha­ben, ist völ­lig ab­strus. Noch ab­stru­ser ist es al­ler­dings, dass heute nie­mand mehr der­glei­chen schreibt.
Man ge­winnt beim Le­sen des Ar­ti­kels schnell den Ein­druck, dass aus der Sicht des Au­to­ren frü­her al­les bes­ser war und heute so­wieso nix Coo­les mehr ver­fasst wird. Eine Mei­nung, die er mit nicht ge­rin­gen Men­gen von Mit­glie­dern des alt­ein­ge­ses­se­nen und er­grau­ten deut­schen SF-Fan­doms teilt. Auch da sind et­li­che der An­sicht, dass seit den frü­hen 80ern im Be­reich Sci­ence Fic­tion so­wieso fast nur noch Scheiße auf den Markt ge­wor­fen wurde. Und über­haupt …

Und über­haupt ist das na­tür­lich ein gi­gan­ti­scher Hau­fen Bull­s­hit. Kor­rekt ist, dass die deut­schen Ver­lage ir­gend­wann in den 90ern da­mit auf­hör­ten, or­dent­li­che SF aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten oder an­ders­wo­her in nen­nens­wer­ter Menge zu im­por­tie­ren. Wer die all­jähr­li­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen und Preis­ver­lei­hun­gen jen­seits des gro­ßen Teichs oder auch nur in Groß­bri­tan­nien ver­folgt, der weiß, was für eine schiere Menge an Neu­erschei­nun­gen in je­dem Jahr auf den Markt kommt, von dem wir hier nur ei­nen ver­schwin­dend ge­rin­gen Bruch­teil zu se­hen be­kom­men, weil ir­gend­wel­che Voll­honks in ir­gend­wel­chen Ver­la­gen ent­schei­den, was in Sa­chen Phan­tas­tik ge­kauft und über­setzt wird. Näm­lich Vam­pire. Und ein Scalzi oder We­ber, weil die sich in den USA wie doof ver­kau­fen. GRRM so­wieso, al­lein schon weil man aus des­sen Wäl­zern zwei ma­chen und dop­pelt ab­sah­nen kann. Da muss dann ja was dran sein.
Wer ei­nen Blick über den Tel­ler­rand wagt – und der eng­li­schen Spra­che mäch­tig ist – der weiß, was für ein gi­gan­ti­scher Out­put an Sci­ence Fic­tion (von Phan­tas­tik all­ge­mein gar nicht zu re­den) in den USA und Groß­bri­tan­nien auf den Markt kommt. Nur eben nicht hier, denn hier ver­kauft sich SF ja nicht – sa­gen die Ver­lage. Aus dem, was in Deutsch­land an­ge­bo­ten wird, dann dar­auf zu schlie­ßen, dass diese dö­si­gen SF-Schrei­ber­linge ja nichts mehr zu ak­tu­el­len po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen The­men zu sa­gen ha­ben und da­mit end­lich mal wie­der los­le­gen soll­ten, ist von ei­ner Eng­stir­nig­keit, die mit bei­den Au­gen durch ein Schlüs­sel­loch schauen kann.

Und selbst wenn man über­setzte Ro­mane hin­zu­nimmt, hat er Un­recht. Ich nenne als ein bei­spiel nur: Cory Doc­to­row, der hat mit LITTLE BRO­THER ei­nen der geils­ten sys­tem­kri­ti­schen Ro­mane des letz­ten Jahr­zehnts ver­fasst und der schreibt auf den Punkt ge­nau die Dinge, die Hack in der SF so ver­misst. Da­bei ist Doc­to­row nicht ein­mal an­satz­weise der Ein­zige. Ein Blick über den Teich würde hau­fen­weise So­zial-, Po­li­tik-, und Ge­sell­schafts­kri­tik im Genre auf­tun, die sich mit ge­nau den The­men be­fasst, die Hack ver­geb­lich sucht. Man könnte ne­ben Doc­to­row noch viele mehr nen­nen, Da­niel Sua­rez bei­spiels­weise. Über­wa­chung, Droh­nen, Kam­pfro­bo­ter, Ein­schrän­kung der Men­schen­rechte, Tech­no­lo­gie au­ßer Rand und Band. Es ist al­les da. Wenn man nur die Au­gen auf­macht und den deutsch­spra­chi­gen Raum nicht für das Zen­trum des Uni­ver­sums hält.

Er­schwe­rend kommt mei­ner Mei­nung nach hinzu, dass ich die In­ten­tion » kri­ti­sche SF-Ro­mane wer­den al­les bes­ser ma­chen« grund­sätz­lich nicht nach­voll­zie­hen kann. Le­sen ist un­cool. Ein lei­der nicht ge­rin­ger Teil der Deut­schen liest ne­ben der Corn­flake­s­pa­ckung ge­rade mal noch die BLÖD-Zei­tung und ver­dummt an­sons­ten bei von Steu­er­hin­ter­zie­hern ge­steu­er­tem Fus­sek, DSDS und müh­se­lig ge­hyp­ten Tat­ort-Fol­gen auf Lai­en­spiel­ni­veau. Die fas­sen keine SF an, nicht mal mit der Kneif­zange. Und in den li­te­ra­ri­schen Zir­keln Deutsch­lands gilt Phan­tas­tik trotz des groß­ar­ti­gen deut­schen Er­bes in die­sem Genre nach wie vor als tri­via­ler Ab­schaum, der mit Miss­ach­tung ge­straft wer­den muss. Auch die wer­den dem­nach keine ge­sell­schafts­kri­ti­schen SF-Ro­mane an­fas­sen, um da­nach die Bil­dungs­eli­ten in den Feuil­le­tons da­mit auf­zu­rüt­teln, dass man mal den neuen Doc­to­row le­sen muss, um zu ver­ste­hen, wie die Ge­heim­dienste uns über­wa­chen – und was man da­ge­gen tun könnte.

Was soll also der Bull­s­hit-Ar­ti­kel? Es gibt die ge­for­derte neue SF, die sich mit dem be­fasst, was in un­se­rer Ge­sell­schaft schief geht. Hau­fen­weise. Zum Teil abs­tra­hiert und zum Teil sehr deut­lich. Und sie in­ter­es­siert hier­zu­lande nur die Nerds, die zu­dem der eng­li­schen Spra­che mäch­tig sind, denn die hie­si­gen Ver­lage in­ter­es­sie­ren sich nicht da­für. Sich an­ge­sichts des­sen dar­über zu be­kla­gen, dass ein Tel­ler­rand eine un­über­wind­li­che Bar­riere ist, ent­behrt nicht ei­ner ge­wis­sen trau­ri­gen Ko­mik. Zeit­ge­nös­si­sche SF nicht zu ken­nen und sich daran ab­zu­ar­bei­ten, dass »da­mals« al­les bes­ser war und die Schrei­ber­linge heute nix mehr auf die Reihe be­kom­men ist al­ler­dings nur noch pein­lich. Zu for­dern, dass SF-Au­to­ren in ei­nem Deutsch­land et­was be­wir­ken sol­len, des­sen Be­woh­ner sich mehr­heit­lich vom Dschun­gel­camp un­ter­hal­ten las­sen, oder in pseudo-eli­tä­ren El­fen­bein­tür­men woh­nen, ist in sei­ner Rea­li­täts­ferne fast schon wie­der nied­lich. Ich be­komme an­ge­sichts sol­cher Ideen al­ler­dings eher das Be­dürf­nis, mich dem Suff hin­zu­ge­ben.

Dem Ar­ti­kel­schrei­ber möchte ich ab­schlie­ßend noch den Tipp ge­ben: abon­nier das Ma­ga­zin LO­CUS und lese es von mir aus auf eben die­sem. Das er­wei­tert den Ho­ri­zont. Und ver­meide zu­künf­tig in solch ei­nem Ar­ti­kel das Wort »Uto­pien«. Das er­in­nert mich an die DDR. Da wur­den die da­mals wie »Ütöpien« aus­ge­spro­chen. Habe ich selbst er­lebt. Mann. Au­ßer­dem sind „Uto­pien“ po­si­tive Sich­ten der Zu­kunft. Warum soll­ten ge­rade die sich mit den ak­tu­el­len po­li­ti­schen The­men be­schäf­ti­gen, die deut­lich dys­to­pi­sch sind?

p.s.: kann mir ei­gent­lich ir­gend­je­mand maß­geb­li­che SF-Werke des Schrift­stel­lers Gün­ter Hack nen­nen?
p.p.s: in die Kom­men­tare bitte gern auch Bei­spiele, dass es sol­che Werke wie im FAZ-Ar­ti­kel ge­for­dert eben doch gibt.
p.p.p.s: Dank an Cynx für den Hin­weis auf den Ar­ti­kel

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Bild von Pixabay, CC0

Stefan Holzhauer

AutorIn: Stefan Holzhauer

Meist harm­lo­ser Nerd mit na­tür­li­cher Af­fi­ni­tät zu Pi­xeln, Bytes, Buch­sta­ben und Zahn­rä­dern. Kon­su­miert zu­viel SF und Fan­tasy und schreibt seit 1999 on­line dar­über.


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