Rechtlich bedenklich: Der Plagiatspranger auf Facebook

KopieparagraphIn den letz­ten Wo­chen gin­gen meh­rere Fälle durch den vir­tu­el­len Blät­ter­wald der so­zia­len Me­dien, bei de­nen Au­to­rin­nen ihre Bü­cher ab­ge­schrie­ben hat­ten. Das ist nun an sich nichts neues, AXO­LOTL ROAD­KILL lässt bei­spiels­weise grü­ßen. Neu ist al­ler­dings, dass sich Pla­gi­ats­jä­ger und –Jä­ge­rin­nen in ge­hei­men Grup­pen auf Face­book zu­sam­men­schlie­ßen, um nach Pla­gia­ten zu for­schen. Und wenn wel­che ge­fun­den wer­den, dann stellt man diese auch mit Na­mens­nen­nung bei­spiels­weise auf Face­book, und das ohne jeg­li­ches Un­rechts­ge­fühl. Da­bei ist ein sol­ches Vor­ge­hen mei­ner An­sicht nach recht­lich äu­ßerst be­denk­lich, denn auch zi­vil- oder straf­recht­lich be­gan­gene Ta­ten set­zen selbst­ver­ständ­lich die Per­sön­lich­keits­rechte nicht au­ßer Kraft. Und ein ganz zen­tra­ler Punkt un­se­rer Ver­fas­sung ist die Un­schulds­ver­mu­tung, also dass man so lange als un­schul­dig zu gel­ten hat, bis ein Rich­ter eine Schuld fest­ge­stellt hat – und da­bei ist es völ­lig ir­rele­vant, ob der Be­schul­digte sich ir­gendwo selbst be­zich­tigt hat.

Jetzt mag man fra­gen, wo denn der Un­ter­schied zu bei­spiels­weise ei­nem Gut­ten­plag ist, auf dem die Pla­giate von zu Gut­ten­berg of­fen­ge­legt wur­den. Da gibt es di­verse: Ers­tens war das Gut­ten­plag (und sind ähn­li­che An­ge­bote) öf­fent­lich und trans­pa­rent, sprich: man kann das Zu­sam­men­tra­gen der in­kri­mi­nier­ten Stel­len durch die ver­wen­dete Wi­ki­soft­ware und de­ren Ver­sio­nie­rung nach­ver­fol­gen. Zwei­tens kann man sie als jour­na­lis­ti­sche An­ge­bote ein­stu­fen, die des­we­gen auch über ein Im­pres­sum ver­fü­gen, und sich der Sach­lich­keit ver­pflich­ten. Drit­tens geht es da­bei um Per­so­nen von zeit­ge­schicht­li­cher Re­le­vanz, das ist bei eher un­be­kann­ten Au­to­rIn­nen ganz si­cher nicht der Fall. Vier­tens wird auf sol­chen An­ge­bo­ten nicht la­men­tie­rend der Un­ter­gang des Abend­lan­des be­schwo­ren, denn das ist das ge­naue Ge­gen­teil von sach­li­cher und ob­jek­ti­ver Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Thema.

In­ter­es­sant sind die Re­ak­tio­nen, wenn man die Hand­lungs­weise der Pla­gi­ats­jä­ger auf Face­book kri­ti­sch hin­ter­fragt und auf die exis­tie­ren­den recht­li­chen Pro­bleme und die Be­denk­lich­keit hin­weist. Die kann man mit Fug und Recht als agres­siv, ja ge­ra­dezu „gif­tig“ be­zeich­nen. Wenn man sol­che kri­ti­schen Fra­gen äu­ßert, wird ei­nem so­gar um­ge­hend un­ter­stellt, dass man ja wohl selbst Dreck am Ste­cken ha­ben müsse, wenn und weil man die Pla­gia­to­ren „in Schutz nehme“. Al­ter­na­tiv wird ver­mu­tet, dass man sich mit der ge­äu­ßer­ten Kri­tik nur wich­tig ma­chen möchte, oder eine „He­xen­jagd“ auf die Pla­gi­ats­su­cher er­öff­nen wolle. Man muss sich fra­gen, warum die Re­ak­tio­nen auf kri­ti­sche Fra­gen oder Hin­weise auf mög­li­che recht­li­che Pro­bleme mit die­sem „Face­book-Pran­ger“ so ex­trem aus­fal­len. Es ist zu­dem fest­zu­stel­len, dass Per­so­nen sich re­gel­recht mit der „Auf­de­ckung“ sol­cher Fälle schmü­cken, sich als ver­meint­li­che Hel­den fei­ern las­sen und da­bei wort­reich dar­auf hin­wei­sen, wie „schreck­lich“ das al­les sei, und wie sehr es dem An­se­hen der Zunft schade – und man das des­we­gen of­fen­le­gen müsse. Man ge­riert sich also auch noch als Held.

Es exis­tiert of­fen­sicht­lich kei­ner­lei selbst­kri­ti­sche Ein­sicht und auch kein Un­rechts­be­wusst­sein, wenn Dritte an den In­ter­net-Pran­ger ge­stellt und de­ren Per­sön­lich­keits­rechte da­bei grund­le­gend ver­letzt wer­den. Eine tat­säch­li­che zi­vil- oder straf­recht­lich re­le­vante Tat ist da­bei üb­ri­gens ebenso ir­rele­vant, wie eine even­tu­ell statt­ge­fun­dene Selbst­be­zich­ti­gung der Per­son.

Und das gilt aus­nahms­los. Ein un­sach­li­cher In­ter­net­pran­ger ist im­mer ein Ver­stoß ge­gen die Ach­tung der Men­schen­würde und eine Ver­let­zung der Per­sön­lich­keits­rechte so­wie ein ekla­tan­ter Ver­stoß ge­gen die Un­schuld­ver­mu­tung, eine der Säu­len un­se­rer zi­vi­li­sier­ten Ge­sell­schaft. Rechts­an­walt Kars­ten Gul­den führt in sei­nem Ar­ti­kel ein­deu­tig aus:

Sind In­ter­net­pran­ger im­mer un­zu­läs­sig?

Ja, denn der Zweck hei­ligt nicht die Mit­tel. Ein Pran­ger im In­ter­net ver­stößt im­mer ge­gen die Ach­tung der Men­schen­würde, egal, was der oder die Ver­ant­wort­li­chen mit dem Pran­ger be­zwe­cken.

Was man selbst­ver­ständ­lich darf und auch tun sollte, ist er­langte In­for­ma­tio­nen an Ge­schä­digte wei­ter­ge­ben, also bei­spiels­weise den pla­gi­ier­ten Au­tor oder des­sen Ver­lag – und da­ge­gen ist auch nichts ein­zu­wen­den. Al­les an­dere ist ver­mut­lich rechts­wid­rig, egal mit wel­chen schön­ge­re­de­ten Be­grün­dun­gen die Pla­gi­ats­jä­ger die Öf­fent­lich­ma­chung auch ver­tei­di­gen wol­len. Und da­mit wer­den sie mög­li­cher­weise selbst zi­vil­recht­lich be­lang­bar und set­zen sich der Ge­fahr min­des­tens ei­ner Scha­dens­er­satz­for­de­rung aus. Mit Mei­nungs­frei­heit hat das al­les üb­ri­gens am al­ler­we­nigs­ten zu tun.

Dis­clai­mer: Ich bin kein An­walt. Aber man kann sich die ver­link­ten Ar­ti­kel an­se­hen, die meine Mei­nung un­ter­stüt­zen, oder auch mal eine Such­ma­schine der ei­ge­nen Wahl be­mü­hen.

Bild von mir, CC0

Stefan Holzhauer

AutorIn: Stefan Holzhauer

Meist harm­lo­ser Nerd mit na­tür­li­cher Af­fi­ni­tät zu Pi­xeln, Bytes, Buch­sta­ben und Zahn­rä­dern. Kon­su­miert zu­viel SF und Fan­tasy und schreibt seit 1999 on­line dar­über.


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