»Spiele töten keine Menschen«

Bei die­sem Ar­ti­kel han­delt es sich um ei­nen Text von junge-piraten.de, ver­fasst von Si­mon G. Der Text steht un­ter CC-BY-SA 2.0, wes­we­gen ich ihn hier wie­der­ge­ben kann. Ich tue das, weil die Schluss­fol­ge­run­gen, die darin ge­zo­gen wer­den, kor­rekt sind und For­de­run­gen nach Ver­bo­ten von Spie­len sich fernab jeg­li­cher nach­voll­zieh­ba­rer Lo­gik be­we­gen. Es han­delt sich um rei­nen Po­pu­lis­mus, der von den wah­ren Pro­ble­men ab­len­ken soll und Tat­sa­chen ver­zerrt. Wenn es Mil­lio­nen fried­li­che Ga­mer gibt, wa­rum soll­ten ein­zelne Irre ein Grund für Spiel­ver­bote sein?

Die To­le­ranz be­hielt nicht lange die Ober­hand: Noch kurz vor Weih­nach­ten des letz­ten Jah­res hatte das Ak­ti­ons­bünd­nis Amok­lauf Win­nen­den (auch be­kannt als Stif­tung ge­gen Ge­walt an Schu­len) zu­sam­men mit dem VDVC (Ver­band für Deutsch­lands Vi­deo– und Com­pu­ter­spie­ler) ver­kün­det, von ei­nem all­ge­mei­nen Ver­bot für PC– und Vi­deo­spiele, die die Dar­stel­lung von Ge­walt be­inhal­ten, ab­zu­rü­cken.

Da­von kann nun keine Rede mehr sein: In ei­nem of­fi­zi­el­len Ap­pell an den Bun­des­tag for­dert das Ak­ti­ons­bünd­nis ein ge­ne­rel­les »Ver­bot von Kil­ler­spie­len, die dazu die­nen, vir­tu­ell Men­schen zu er­mor­den«.

Jeg­li­che Hoff­nun­gen, dass die­ses Ak­ti­ons­bünd­nis, das ein an sich wich­ti­ges Ziel ver­folgt, sich nicht von Pseudo-Kausalitäten täu­schen lässt, son­dern tat­sa­chen­ori­en­tiert ar­bei­tet, sind da­mit zu­nichte. In der Tat sind di­rekte Be­zie­hun­gen zwi­schen Com­pu­ter­spie­len mit Ge­wal­tin­hal­ten und Ge­walt­ta­ten in der Rea­li­tät nicht her­zu­stel­len. Es ist ab­surd, sich vor­zu­stel­len, dass »First Per­son Shoo­ter« et­was an­de­res trai­nie­ren als bes­ten­falls Re­ak­tion und Hand-Augen-Koordination. Die Idee, dass da­mit das Tö­ten von Men­schen oder auch nur der Um­gang mit der Waffe trai­niert wer­den könnte, ent­behrt je­der Grund­lage.

Diese Er­kennt­nis musste un­längst die US-Armee ma­chen, die in ei­nem Be­richt zu dem Schluss kam, über­mä­ßi­ger Kon­sum von Com­pu­ter­spie­len setze die kör­per­li­chen Fä­hig­kei­ten im Um­gang mit der Waffe maß­geb­lich herab. In­halte gan­zer Lehr­gänge müss­ten um­ge­stellt wer­den, um sich den neuen Ge­ge­ben­hei­ten an­zu­pas­sen.

Das Ak­ti­ons­bünd­nis Amok­lauf Win­nen­den hat von die­sen Tat­sa­chen of­fen­bar noch keine Kennt­nis ge­nom­men. Sie füh­ren wei­ter­hin Com­pu­ter­spiele mit Ge­wal­tin­hal­ten als teilkau­sal für Amok­läufe an und set­zen sich nicht mit der Rea­li­tät aus­ein­an­der, dass nicht Com­pu­ter­spiele es sind, die Ag­gres­sio­nen her­vor­ru­fen und för­dern, son­dern ein aus­gren­zen­des so­zia­les Um­feld und mensch­li­che Ver­ein­sa­mung. Diese Sym­ptome kön­nen nicht mit Ver­bo­ten von Kul­tur­gü­tern be­kämpft wer­den. Viel­mehr muss die Be­treu­ung von Schü­le­rin­nen und Schü­lern im Vor­der­grund ste­hen, die Ma­schen des so­zia­len Net­zes en­ger ge­floch­ten wer­den, da­mit Ju­gend­li­che erst gar nicht in die Si­tua­tion kom­men, ei­nen Amok­lauf als letz­ten Aus­weg ih­rer Hilf­lo­sig­keit zu se­hen.

Na­tür­lich ist je­der ein­zelne Amok­lauf un­sag­bar schlimm. Aber wenn ein Mensch psy­chisch so krank ist, dass er die Gren­zen zwi­schen Rea­li­tät und Fik­tion nicht mehr wahr­neh­men kann, dann ist ihm nicht durch den aus­sichts­lo­sen Ver­such zu hel­fen, ihn von jeg­li­chen fik­ti­ven In­hal­ten fern­zu­hal­ten. Ein Ver­bot der Fik­tion ist nicht nur sinn­los, son­dern auch un­mög­lich – dar­über hin­aus scha­det es al­len an­de­ren Mit­glie­dern der Ge­sell­schaft. Die Nach­ah­mung fik­ti­ver Ge­walt­ta­ten ist im­mer nur ein Ven­til, das Feh­len ei­nes Vor­bilds ver­hin­dert nicht den Ge­walt­aus­bruch.

Das Ak­ti­ons­bünd­nis schlägt hier ei­nen ge­fähr­li­chen Weg ein. Die Kri­mi­na­li­sie­rung von gro­ßen Tei­len der Ju­gend trägt nicht dazu bei, sie für ein so­zia­les Mit­ein­an­der zu sen­si­bi­li­sie­ren. Im Ge­gen­teil muss die Me­di­en­kom­pe­tenz von Ju­gend­li­chen ge­för­dert wer­den. An­statt Com­pu­ter­spiele zu dä­mo­ni­sie­ren, muss ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang statt­fin­den, die Gren­zen zwi­schen Rea­li­tät und Fik­tion ein­deu­tig ge­zo­gen wer­den. Al­len Be­tei­lig­ten muss klar sein, dass es eben nur ein Spiel ist und mit dem Ver­hal­ten in der Rea­li­tät nichts zu tun hat. Im Ge­gen­satz zu so man­chen selbst­er­nann­ten Ju­gend­schüt­zern ist diese Ein­stel­lung in den Köp­fen der meis­ten Com­pu­ter­spie­ler auch tief ver­an­kert.

Es bleibt zu hof­fen, dass das Ak­ti­ons­bünd­nis Amok­lauf Win­nen­den zu der Ein­sicht kommt, dass es sei­nen Zie­len durch die For­de­rung nach ei­nem all­ge­mei­nen Ver­bot mehr scha­det als nützt. Die Ver­hin­de­rung wei­te­rer Amok­läufe, ob an Schu­len oder an­derswo, ist eine wich­tige Auf­gabe und es ist gut, dass ein so en­ga­gier­tes Bünd­nis aus El­tern sich die­ser Auf­gabe an­nimmt. So­lange aber die Ent­mün­di­gung von Ju­gend­li­chen und nicht de­ren Er­zie­hung zum er­wach­se­nen und selbst­be­stimm­ten Men­schen im Vor­der­grund der Be­stre­bun­gen ste­hen, trägt das Bünd­nis nichts zur Lö­sung des Pro­blems bei.

Gra­fik »Ga­ming Is Not A Crime« von mir, un­ter CC-BY-SA 2.0 frei­ge­ge­ben

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Ein Trackback

  1. Von ceterum-censeo am 29. August 2011 um 19:33

    Spiele tö­ten keine Men­schen…

    Nach­dem mein Ar­ti­kel (be­ar­bei­tet und kor­ri­giert übri­gens von meh­re­ren Ju­Pis, danke für die Hilfe!) nicht nur bei den Jun­gen Pi­ra­ten, son­dern auch bei Pi­rate Ga­ming ver­öf­fent­licht wurde und schließ­lich auch auf ei­nen daran erstein­mal un­be­tei­lig­ten Blog …

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