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Story: Sean O'Connell - GESCHICHTEN FÜR DEN QUABBAKOTTR

Sean O'ConnelScharsad blickte für einen Moment hinaus auf die stille orbitale Station. Wie lange noch, dachte sie, bis wir aus dem Funkschatten sind? Wie lange noch, bis der Notruf gesendet werden kann? Gliese 581 h im Sternbild Waage nahm den Großteil des Bullauges ein: ein blutig-roter Gasriese mit zwölf Jupitermassen, fast schon ein brauner Zwerg. Davor erkannte sie einen Teil des sich verjüngenden Reifens der Station SOLITUDE 9. Sie wirkte winzig im Vergleich zu dem Gasriesen.
    Eigentlich wohnten Scharsad und ihr Bruder in einer Küstenstadt unter dem blauen Himmel von Gliese 581 c – einer Sauerstoff-Wasserwelt innerhalb der Habitatzone. Doch ihre Eltern, Wissenschaftler im Dienste des Interstellaren Siedlerbundes, hatten für eine volle Periode auf SOLITUDE 9 angeheuert, und die beiden Kinder durften ein Sabbatical-Jahr einlegen. Schule hin oder her. Hier draußen nahm das niemand so genau.
    Scharsad sah ihr schmales Gesicht im Bullauge reflektieren. Blaß und ernst war es geworden in den letzten Stunden. Erwachsen irgendwie. Dabei war sie erst neun. Irritiert wandte sie sich ab, sah wieder zu Will und dem Quabbakottr. Will zitterte. Das tat er seit Stunden, seit das furchtbare Wesen mit ihnen in der Luftschleuse saß. Seit dem Angriff. Scharsad konnte sich nicht erinnern, daß Will in dieser Zeit geschlafen hatte. Sie selbst hatte ebenfalls kein Auge zugetan. Aber das lag daran, daß sie viel zu erzählen hatte. Erzählen mußte. Es galt, den furchtbaren Quabbakottr bei Laune zu halten. Mit Geschichten, die Robonanny ihr einst immer und immer wieder vorgelesen hatte.

    »Und dann sagte der Kater...«, nahm sie den Faden von gerade eben wieder auf, »... es lohnt nicht, mich zu töten. Bekommst ja doch nur armselige Handschuhe aus meinem Fell. Es wäre schlauer, du würdest mir hohe Stiefel machen. Es wird dein Unglück nicht sein.«
    »Seit wann können Katzen sprechen?« wunderte sich der Quabbakottr und sein Gesicht mit dem schrecklichen Maul blickte überrascht von Will zu Scharsad. »Und wozu die Stiefel?«
    Das Mädchen reckte angriffslustig das Kinn. »In dieser Geschichte kann die Katze sprechen, okay? Und weil sie auch aufrecht auf zwei Beinen gehen kann, braucht sie eben Stiefel.« Sie zuckte die Achseln. »Es ist nur eine Geschichte.«
    »Eine Geschichte...«, wiederholte der Quabbakottr und seine Stimme drang aus einem kleinen schwarzen Kasten, der vor ihm auf dem Boden lag. Ein Kosmotranslator mit Aufzeichnungsfunktion. Veraltet groß, dachte Scharsad. Sie sind so rückständig, diese Ungeheuer. Das hatte Papa gesagt. Bevor er mit Mama in den Wirren der Kampfhandlungen verschwunden war.
    Scharsad blickte erneut aus dem Bullauge und sah hoch über der Ekliptikebene eine große Zahl orangener Feuerblumen aufblühen. Die Raumschlacht dauerte noch an. Die Schiffe der Quabbakottr waren denen der Siedler überlegen. Trümmer trieben durchs All. Sie wandte den Blick ab, biß sich auf die Lippe und unterließ es, Will anzusehen. Sie wollte ihm nicht noch mehr Angst bereiten. Statt dessen konzentrierte sie sich wieder auf ihre Geschichte. »Der Müllerssohn wunderte sich über die Worte des Katers,... genau wie du, Quabbakottr!« Sie kräuselte die Lippen, wagte den Ansatz eines Lächelns, doch das riesige, behaarte Ungeheuer starrte nur ausdruckslos zurück, als wollte es die Aufnahme nicht stören. Schließlich fuhr sie fort. »Er besorgte dem Kater zwei wunderschöne neue Stiefel und ließ ihn ziehen. Der Kater marschierte los und...«
    »Muß aufs Klo«, unterbrach Will ihre Ausführungen und machte dabei ein verkniffenes Gesicht.
     »Nicht jetzt, Will!« Scharsad blickte ihn ärgerlich an.  »Ich muß die Geschichte zu Ende erzählen!«
    Will begann zu weinen. Er war erst fünf. Scharsad sah, wie sich ein dunkler Fleck auf seiner Hose ausbreitete. Die Situation, in der sie sich befanden, die Flucht durch die engen Versorgungsschächte, die Sorge um ihre Eltern; das alles zerrte an ihren Nerven. Mehr als ein Kind es vermutlich ertragen konnte.
    Am liebsten hätte sie Will in ihre Arme geschlossen, aber dann hätte er vielleicht den Remoteauslöser für die Außenschleuse losgelassen. Das wäre vermutlich ihr Ende gewesen. Der Quabbakottr wartete wohl nur darauf, sie endlich erledigen zu können. Und sie konnte nicht zu Will, weil sie ihren Körper nicht bewegen konnte. Die Induktionsbatterien ihres Nanoplast-Exoskeletts hatten sich seit dem Angriff der Quabbakottr nicht mehr aufgeladen. Vermutlich war das Energieversorgungssystem der Raumstation defekt.
    »Das ist nicht so schlimm, Will.« Sie deutete auf seine Hose. »Robonanny wird es waschen, wenn alles vorbei ist.«
    Will blickte sie finster an. »Zuvor wird uns der Quabbakottr auffressen!«
    »Dummkopf, das wird er nicht!«
    Der Quabbakottr entblößte seine riesigen scharfen Zähne.
    »Ich habe Hunger!« tönte es aus dem Kosmotranslator.

* * *

Auf die zum Teil gestotterte Version des Gestiefelten Katers folgten ein profunder Froschkönig, ein annehmbares Aschenputtel, ein gewagtes Schneeweißchen und Rosenrot (bei dem sich Scharsad nur vage an die Handlung erinnern konnte und den Rest nach Gutdünken mit viel Fantasie ausfüllte), und schließlich ein Rotkäppchen, bei dem sie akribisch die Gedanken des hungrigen Wolfes auslotete, der im Laufe der Geschichte zu der Auffassung gelangt war, daß das Mädchen ein weitaus besserer Happen sei, als die ausgemergelte Großmutter. Dem Quabbakottr knurrte immer mehr der Magen und Will begann erneut zu weinen. Scharsad unterbrach ihre Geschichte und stellte überrascht fest, daß sie ebenfalls ein Loch im Bauch verspürte.
    »Zu dumm«, sagte sie, »daß wir nichts zu essen haben.«
    Der Quabbakottr starrte Will mit leuchtenden Augen an.
    »Hee, mein Bruder ist nicht eßbar!« rief Scharsad erschrocken, als sie seinen Blick sah. »Fang gar nicht erst an, darüber nachzudenken!«
    Der Quabbakottr zuckte leicht zusammen. »Ich wollte deinen Bruder nicht essen«, erwiderte er und entblößte seine Zähne. »Deine Geschichten gefallen mir. Erzähl doch bitte weiter . . .«
    »Sie handeln eigentlich nur von Katzen, Fröschen und Wölfen.«
    »Aber der Müllerssohn ist doch ein Mensch«, tönte es aus dem Kosmotranslator. »Und ein Hochstapler obendrein. Hat er nicht allen etwas vorgemacht?«
    »Nein . . . ja«, gab sie verwirrt zurück. Was war denn das für eine Frage? »Der König und die Prinzessin sahen in dem Müllerssohn jedenfalls einen schönen, reichen Grafen. Warum sollte man sie nicht in diesem Glauben belassen?«
    »Interessant.« Der Quabbakottr reckte die mächtigen Arme, lehnte sich zurück und schloß die Augen. »Ich muß darüber nachdenken.« Kurz darauf ging sein Atem rasselnd und gleichmäßig.
    Nach einer Weile sagte Will: »Ich glaube, er ist eingeschlafen. Wir sollten jetzt gehen.« Er ließ die Finger über die Sensoren der Schleusensteuerung gleiten. Das innere Schott öffnete sich lautlos. »Bin gleich wieder da«, rief er leise und ließ seine Schwester mit der schnarchenden Kreatur allein.
    Kurz darauf tauchte er mit einem leeren Schwebewagen wieder auf. »Wird nicht über die Induktionsemitter der Station betrieben«, sagte Will altklug und deutete auf die Energiespeicher an der Rückseite des Gefährts. Er half seiner Schwester auf die rechteckige Transportfläche.
    »Nichts wie raus hier . . .« Will ließ den Schwebewagen wieder in die Höhe gleiten und schob ihn behende aus der Schleuse. Draußen verriegelte er die Tür. Dann sprang er zu seiner Schwester auf die Transportfläche und ließ das Gefährt höher gleiten, bis er problemlos durch das gepanzerte Sichtfenster blicken konnte. Er betätigte den großen Knopf an der Wandsteuerung. Im Inneren gingen rote Warnlichter an. Dann öffnete sich die Außenschleuse und der schlafende Quabbakottr wurde ins All gerissen.
    »Den sind wir los«, rief Will erleichtert.

* * *

Kurz darauf eilten sie durch die leeren Gänge. Will schob den Transportwagen vor sich her. Scharsad lag obenauf und schwieg. Überall herrschte Stille. Ihren Hunger hatten die beiden Kinder längst vergessen. Je weiter sie in die bewohnten Bereiche der Station vordrangen, desto mehr wurde ihnen bewußt, daß die Bewohner von SOLITUDE 9 tot sein mußten. Überall sahen sie die Einschüsse der Laserlanzen und Multikalibergewehre.
    »Wo sind bloß alle?« fragte Will.
    »Keine Ahnung«, gab Scharsad zurück. Sie wollte jetzt nicht sprechen. Ein Schott öffnete sich und sie zuckten zusammen. Vor ihnen standen Soldaten. Menschliche Soldaten.
    »Scharsad? William?« Eine blonde Frau drängte sich durch die Phalanx der Männer. Es war Mama. Sie schloß die beiden Kinder in die Arme. »Was bin ich froh, euch gefunden zu haben! Wo wart ihr bloß?«
    »In der Luftschleuse«, erwiderte Will. »Zusammen mit einem der Quabbakottr!«
    Mama stieß einen Laut des Entsetzens aus. »Hat er euch was getan?«
    »Nein, er saß in der Ecke und ich mußte ihm Geschichten erzählen«, sagte Scharsad. Tränen stiegen ihr in die Augen.
    »Und ich habe ihn aus der Schleuse gepustet!« rief Will mit Stolz geschwellter Brust. Die Soldaten nickten anerkennend und grinsten.
    Einer von ihnen strich Will über den Kopf. »Das war nur ein Kriegsbarde. Der war harmlos. Kriegsbarden kämpfen nicht, sondern besingen ihre Feinde in Geschichten und Liedern, nachdem sie deren Welten zerstört haben. Ein Barde hätte euch nie was getan. Nun... er wird es vermutlich überleben, wenn seine Kameraden ihn aufgegabelt haben. Quabbakottr können selbst dem Vakuum trotzen.«
    Mama lächelte und umarmte erneut ihre Kinder. Sie weinte jetzt auch. »Es ist überstanden. Wir haben Glück gehabt, daß ein Bataillon Kriegsschiffe auf der Durchreise war und am Gasriesen auftanken wollte. Mit ihrer Hilfe konnten wir die Quabbakottr in die Flucht schlagen.«
    Der Soldat straffte sich. »Es ist alles gut gegangen, Kinder. Leider haben wir bereits seit zwei Wochen keinen Kontakt mit dem Heimatsystem.« Er zuckte die Achseln. »Aber sobald die abgerissene Funkverbindung zur Erde wieder hergestellt ist, werden wir selbstverständlich den Sieg nach Hause melden!«
    Scharsad blickte Will mit großen Augen an. Kaltes Entsetzen packte sie. »Woher wußte der Quabbakottr eigentlich, was eine Katze ist?«
 

ENDE

 

GESCHICHTEN FÜR DEN QUABBAKOTTR
Sean O’Connell
http://wortwellen.wordpress.com

Diese Geschichte steht unter einer Creative Commons Licence
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CC BY ND

Einen Artikel über seinen im Mai erscheinenden Roman "Tír na nÓg" findet man auf der Newsseite

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